Samstag, 8. August 2015

Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel (Teil 2)

Das Deutschland der 1950er Jahre aus der Sicht eines westfälischen Ziegeleiarbeiters und Nachtwächters (1958 bis 1961)

Vor drei Jahren war hier auf dem Blog ein Beitrag eingestellt worden über meinen Opa Otto Bading (1906 bis 1979). In diesem hatte nichts über seine weltanschauliche Haltung, insbesondere nach 1945 mitgeteilt werden können. Denn darüber war dem Autor dieser Zeilen bis dahin nichts Sicheres bekannt gewesen. Nun fanden sich aber alte erhalten gebliebene Familienbriefe, zumeist von ihm an seinen 24- bis 29-jährigen Sohn, geschrieben in den Jahren 1958 bis 1963. /[30.4.17:] Außerdem fanden sich nun noch tagebuchartige Notizen des Sohnes ab 1955, aufgrund deren manche Fotografien aus den Familienalben besser eingeordnet werden können (z.B. Abb. 1 bis 4)./ Aus solchen Quellen kann das schon gegebene Lebensbild meines Opas noch etwas ergänzt werden.

Ostern 1955 - In Tutzing

  Am 1. April 1955 war Karfreitag vor Ostern. Mein Opa fuhr mit Frau und Sohn an diesem Tag (vermutlich mit dem Zug) von Borgholz in Westfalen über Warburg und Kassel bis Würzburg. Am nächsten Tag ging es weiter bis Ingolstadt zu einem Besuch der Schwester meines Opas, Tante Elfriede, die nach Ingolstadt geheiratet hatte, und deren Ehemann daselbst ein Jagdpächter war. Dort in Ingolstadt verbrachte man eine vergnügte Woche, ging mehrmals auf die Jagd, besichtigte die Stadt, die Festungsanlagen und das Museum. Für den 9. April (Sonnabend) lautet der Kalendereintrag des damals 21-jährigen Sohnes:
In Tutzing, es sprachen Frau Ludendorff, Herr von Unruh, Herr Limpach, Herr von Loefler, Herr von Bebenburg.
Dort wurde an den 90. Geburtstag Erich Ludendorffs erinnert. Opas Sohn machte eine Landwirtschafts-Lehre in Westfalen. In jenen Jahren sind seine Tagebuchnotizen geprägt von der täglichen, vielfältigen landwirtschaftlichen Arbeit. Etwa einmal in der Woche ging man ins Kino. Am 28. September 1955 erklärte Opas Sohn seinen Austritt aus der evangelischen Kirche (in der er während der Kriegsgefangenschaft seines Vaters noch konfirmiert worden war). Am 6. November 1955 stellte er seinen Aufnahmeantrag beim "Bund für Gotterkenntnis" in Tutzing.

Abb. 1: Walter Löhde und Oberst Leon, Hasselborg Ostern 1956
Zu Ostern 1956 besuchte der Sohn eine Jugend-Geschichtstagung des Verlages Hohe Warte in Hasselborn (Taunus) (Ostern 1956), auf der mehrere bekannte Persönlichkeiten der Ludendorff-Bewegung sprachen. Nicht zuletzt auch, weil er in den ersten Jahren nach 1945 nicht mehr die Schule besuchen konnte und sie nicht abgeschlossen hatte, machte der dort gebotene Inhalt und die Persönlichkeiten, die ihn boten, großen Eindruck. Der Sohn hielt im Tagebuch fest:
29. März – Donnerstag, mit Eilzug nach Hasselborn/Taunus.  Jugendtagung. [29.3.] Heute in Hasselborn eingetroffen. Es liegt wunderschön! [30.3.] Begrüßung. Herr Löhde sprach über die Kirchengeschichte und die Päpste bis zur Gründung des Jesuitenordens. [31.3.] Herr Löhde sprach über die Freimaurerei und Jesuiten in den letzten 300 Jahren. [1.4.] Herr Vater sprach über Bismarck und seine Zeit, abends ein Osterfeuer angesteckt, bei dem wir die Nacht über blieben. [2.4.] Herr Vater sprach über den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Aussprache und Abschied. Er fiel wohl allen schwer!
(Weitere Fotografien von dieser Tagung hier.) Im Herbst 1956 weckt der Aufstand in Ungarn manche Hoffnungen. Auch im Kalender von Opas Sohn, wo sonst nichts Politisches festgehalten ist, steht jetzt: 24. Oktober: „Aufstand in Ungarn“, so der Eintrag mehrmals danach. 28. Oktober „Aufstand in Ungarn erfolgreich“. 4. November: „Aufstand wird zusammengeschossen. Ägypten wird Gewalt angetan“. 7. November: „Noch immer schwere Kämpfe in Ungarn“. 9. und 10. November: „Die Kämpfe in Ungarn gehen zu Ende. Weiterhin passiver Widerstand“.  29. November: „100.000 Ungarn auf der Flucht“.

Für 1. Dezember lautet der Eintrag übrigens: „Vati arbeitslos“. Mein Opa hatte also seine Arbeit verloren oder aufgegeben.

Abb. 2: Feier des 80. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1957

Die Verwandtschaft und Nachbarschaft in der Heimat


Der Sohn besuchte im Mai 1957 für eine Woche seine gesamte Verwandtschaft und frühere Nachbarschaft im Havelland, seine Oma Emma Bading in Bahnitz, seine Tante Emma Lindenberg in Wusterwitz, seine Tante Friedel Bleis in Zollchow, das Ehepaar Sachtleben in Brandenburg am Altstädtschen Markt, wo er während der Kriegszeit in Pension gelebt hatte, um die Schule in Brandenburg zu besuchen, die Verwandtschaft in Radewege, die Nachbarn in Bahnitz und andere mehr. Man erhält hier einen Eindruck davon, in welchen verwandtschaftlichen und nachbarlichen Beziehungen die Familie auch vor dem Krieg gelebt hatte. Er schrieb darüber in seinen Kalender:
12. Mai - Post von Oma mit Aufenthaltsgenehmigung. (…) 16. Mai - Donnerstag (...) Abends 8 Uhr abgefahren in die Heimat. Freitag / 10 Uhr in Wusterwitz, Oma daselbst, Karten gespielt abends. Sonnabend / ab nach Brandenburg zu Sachtlebens, nach Pritzerbe bei Familie Mangelsdorf, John, Jonas, mit Sukenik getrunken, abends 9 Uhr in Bahnitz. Sonntag / Anneliese in Radewege geb. (?) in Bahnitz gebadet, Spaziergang durch die Felder und an die Schleuse, Erika Tönniges getroffen. Montag / nach Premnitz (Anmelden). Milow (Opa Ohm) und Zollchow. Leicht windig. Dienstag / Mit Willi Bleis per Rad von Zollchow nach Vieritz, übern Berg zu Koiles (?), Milow, Premnitz, Pritzerbe, Fohrde, Radewege, Butzow, Gortz nach Bollmannsruh und zurück. Mit Cristel in Bagow gesprochen. Mittwoch, Angeln gefahren, mit Hffs. unterhalten, abends bei Cristoph Pf. zu Gast. Donnerstag, bei Köppens eingeladen. In Pritzerbe im Kino: „Aida“ von Verdi. Freitag, mit Kahn nach Briest hoch und wieder zurück. Schwere Arbeit. In Pritzerbe Anzug gekauft, abends bei Cristoph Pfeifer und Gundel. Sonnabend / zu Fuß durch die Felder, abends in Tieckow bei Ziems und Wahlversammlung. Sonntag / Zur Kirche nach Nitzahn, Prüfung der Konfirmanden. In Bahnitz Feldbesichtigung, bei Trenck eingeladen, nachmittags in Möthlitz, abends Tanz in Fohrde!! 27. Mai – Montag / Abschied. Mit Bus nach Premnitz /unleserlich/ per Bahn Brandenburg-Wusterwitz. Um 7.30 ab Wusterwitz. 28. Mai – Dienstag / morgens 8 Uhr hier wieder eingetroffen.
Mein Opa ist übrigens nach 1953 nie wieder in die "Ostzone" zurück gekehrt. Er fühlte sich wohl auch nicht sicher genug darüber, ob er nicht doch noch wegen der Ereignisse von 1953 rund um die Zwangskollektivierung in Haft genommen werden könnte.

Abb. 3: Feier des 80. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1957
Im Oktober 1957 besuchte der Sohn die Ludendorff-Herbsttagung in Tutzing:
3. Oktober – Donnerstag / Fahrt nach Tutzing über Hannover – München. Ankunft: 22 Uhr. Unterkunft: Tutzinger Hof. Freitag / I. Ansprache am Grabe des Feldherrn und am Hause Ludendorff. II. Festveranstaltung in der Turnhalle. Abends Volkstanz. Sonnabend / Feierstunde in München. Mitgliederversammlung im Kurtheater/Tutzing – abends Volkstanz. 6. Oktober - Sonntag / Tagung der Arbeitsgemeinschaften (Lebenskunde), nachmittags Bootsfahrt auf dem See, abends Abfahrt aus Tutzing. 
Hierbei werden die Abbildungen 2 bis 4 entstanden sein. Nun zu den eingangs erwähnten Briefen meines Opas. In ihnen spielte die Landwirtschaft natürlicherweise auch weiterhin eine Rolle. Am 27. April 1959, also mitten im Frühling, schrieb er in einem Brief etwa:
Kokomoors Rüben sind nicht gut aufgegangen. Es war zu trocken und nach meiner Meinung war der Boden nicht fest genug gewalzt. Auch der Bauer hinter der Aue links hat schlecht stehende Rüben. Der Roggen ist hier schon einen halben Meter lang. In manchen Jahren war er zu Hause am 1. Mai erst 15 cm lang.

Abb. 4: Feier des 80. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1957
Er wohnte nun in Westfalen und dort gab es viel bessere Böden als im sandigen Havelland. Im Sommer half er - wie auch schon in den Vorjahren - bei der Ernte aus:
Bei Stukes habe ich Roggen einfahren geholfen.
Bei Stukes war sein Sohn von 1955 bis Anfang 1958 als Landwirtschafts-Lehrling angestellt gewesen.

Opa als Ziegeleiarbeiter und Nachtwächter (1953 bis 1963)

Abends drehte er Zigarren in Handarbeit als Zuverdienst. Vor allem aber hatte er 1953 zunächst Arbeit in einer Ziegelei gefunden. Wie er nun aber über die Arbeit in der Ziegelei dachte, ist einem Brief zu entnehmen, den er am 15. Januar 1961, nachdem er schon zwei Jahre als Nachtwächter arbeitete, schrieb:
Auf der Ziegelei Detering in Rahden ist ein Arbeiter tödlich verunglückt. Es ist der alte „Haken Papa“, von dem ich schon erzählt habe. Da wird der Pastor am Grabe gepredigt haben: „Wenn das Leben köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ So ein Lügner. Das Leben eines Ziegeleiarbeiters ist nicht köstlich, sondern eine menschenunwürdige Schinderei und Sklaverei. Hätte der Pfaffe nur 1 Jahr in einer Ziegelei arbeiten müssen, er hätte sich aufgehängt. Haken Papa hat 32 Jahre am Ofen gearbeitet.
Man hört hier die Gründe heraus, weshalb sich mein Opa eine andere berufliche Tätigkeit gesucht hatte, nämlich als Nachtwächter. Am 11. Oktober 1959 hatte er über eine andere Beerdigung geschrieben:
Hast Du die Todesanzeige im „Quell“ gelesen? Dr. Schäfer in Rahden ist gestorben. Ein Gesinnungsfreund aus Bielefeld hat die Totenfeier gehalten. Es soll sehr schön gewesen sein. Die Kirchenglocken haben zur Beerdigung nicht geläutet. Aber Blasmusik war da. Für die Rahdener war das mal was Neues. Pastor Kallmann soll im Konfirmandenunterricht folgendes dazu gesagt haben. Eine Konfirmandin: „Dr. Schäfer hätte auch an ein höheres Wesen geglaubt“. Darauf P. Kallmann: Was heißt höheres Wesen, eine Katze auf dem Dache ist auch ein höheres Wesen. - An dieser verärgerten Aussage sieht man, dass die Priester nicht kampflos ihre Vorrangstellung aufgeben.
Schon 1958 hatte mein Opa wegen der schweren Arbeitsbedingungen in der Ziegelei eine Stelle als Nachtwächter angenommen. Am 20. April 1958 schrieb er:
Ich bin nun schon 3 Wochen Nachtwächter. Es kostet auch Nervenkraft, des Nachts wachen und am Tage zu schlafen.
Er bedauert das vor allem deshalb, weil er dadurch noch weniger zum Lesen kam als es ihm zuvor schon möglich gewesen war.

Was hat mein Opa gelesen? (1958 bis 1961)

Was hat er in dieser Zeit alles so gelesen? Am 20. April 1958 schrieb er von dem Besuch offenbar eines Gesinnungsfreundes:
Er brachte mir ein paar Bücher über die Schlacht von Stalingrad.
Am Ende des Briefes wird deutlich, was er noch las:
Noch ein Wort aus dem „Triumph“. „Halte Dir heilig den Leib, der Dich in leblangen Mühen hintragen möchte zum Leben zur frohen Wanderung zur Höhe.
Er zitierte hier aus dem ersten philosophischen Buch von Mathilde Ludendorff "Triumph des Unsterblichkeitwillens". Am 27. April 1959 schrieb er:
Gestern kam ein Buch an. In den Gefilden der Gottoffenbarung. Sehr schön. Habe schon tüchtig drin studiert.
Daran ist erkennbar, dass mein Opa sich tatsächlich ernsthaft bemüht hat, in die Philosophie von Mathilde Ludendorff einzudringen. Er schreibt außerdem:
Lese jetzt das Buch von Bardeche Nürnberg usw. Fürchterlich waren die Grausamkeiten, die vom Malmedy-Prozess bekannt wurden.
Der Franzose Maurice Bardèche (1907-1998) gehörte zu der ersten Generation der „Geschichtsrevisionisten“, die sich sehr kritisch mit den Nürnberger Prozessen und den Folgeprozessen beschäftigte. Da konnte es nicht ausbleiben, dass er deshalb heute auch zu den „Holocaust-Leugnern“ gezählt wird, ein Begriff, der in den 1990er Jahren aufkam. Im Brief vom 16. April 1960 freut er sich sehr über ein neues Buch über Friedrich Schiller:
Herr Pahmayer hat für seine Schulbibliothek das Buch von Walter Löhde „Schiller im politischen Geschehen seiner Zeit“ gekauft. Damit hat er Zivilcourage bewiesen. Er hat mir das Buch geliehen, und ich habe es in den letzten Tagen gelesen. Also großartig. Walter Löhde ist der beste Schriftsteller von uns. Das Buch ist besser als das, was wir haben „Schiller, ein deutscher Revolutionär“.
Dieses Urteil ist vollständig nachvollziehbar, diese Bücher sind tatsächlich gut geschrieben und zusammen gestellt. Am 16. Juli 1960 schreibt mein Opa über die Wochenzeitung „Volkswarte“, die gerade ihr dreijähriges Bestehen feierte:
Der German Pinning gefällt mir immer besser. Und auch die Elsbeth Knuth. In der letzten Folge gibt sie es aber dem Pater Leppich. Und das freut einen denn ja auch. Auch der Artikel von Beißwenger: Urlaubsverlängerung 2 x 4 Wochen im Jahr ist gut.
Zu Ostern 1961 schrieb er:
Die jesuitische Strategie im „Quell“ zwei mal lesen! Wichtig.
Diese Ermahnung könnte man sich noch heute zu Herzen nehmen. Darüber machen sich die Menschen viel zu wenig Gedanken. Und am 27. Oktober 1961 schrieb er:
Habe das Buch Volksseele studiert.
Er meint hier das Buch „Die Volksseele und ihre Machtgestalter“ von Mathilde Ludendorff. Er hat sich also wirklich um diese Bücher bemüht.



Abb. 4: Mein Opa und meine Oma 1958 in Westfalen im Kabinenroller

Bemerkungen meines Opas zum Zeitgeschehen (1959 bis 1961)

Nun sei noch aus den Bemerkungen meines Opas aus jener Zeit ganz allgemein zum Zeitgeschehen etwas wiedergegeben. Am 11. Oktober 1959 schrieb er, was er sicherlich zuvor in der Wochenzeitung der Ludendorff-Bewegung „Volkswarte“ oder in der Halbmonatsschrift „Quell“ gelesen hatte, nämlich über den Ludendorff-Anhänger Arthur Götze:
Dass der Götze zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, ist neben einigen anderen Dingen ein Zeichen dafür, dass die überstaatlichen Mächte zum Angriff gegen die Völkischen vorgehen. Wir werden auf dem Gebiet noch Schlimmes erfahren.
Mein Opa sollte vollständig recht behalten: Zu Weihnachten 1959 kamen die groß von den Medien aufgebauschten, Geheimdienst-inszenierten Hakenkreuz-Schmierereien in Köln und in der ganzen westlichen Welt. Die erste Welle der sogenannten „Vergangenheitsbewältigung“ (s. Armin Mohler) lief an. Und auf dieser Welle reitend erfolge im Mai 1961 das Verbot des „Bundes für Gotterkenntnis“ und der Zeitschrift "Quell". Am 5. März 1961 schreibt mein Opa über irgendwelche Straßenkrawalle in Bonn, wobei noch einmal herauszusuchen wäre, um was für welche es sich dabei gehandelt haben könnte. Doch danach sagt er gleich etwas sehr Grundsätzliches:
Mutti sagt: „Du sollst Dich aus den Straßenkrawallen heraus halten.“ Damit rettest Du auch das Vaterland nicht mehr. Und von mir gleich noch einen Satz von Schiller: „Die Menschen kommen nur selten anders als durch Extreme zur Wahrheit und meist nur durch große Irrtümer zu ruhiger Weisheit.“ Die Deutsche Reichspartei wollte mich als Kandidaten für die Landtagswahl aufstellen. Zwei Mann waren hier und wollten mich überreden. Habe aber abgelehnt. Mutti war noch mehr dagegen. Sie würde mich nicht wählen, sagte sie.
Die Deutsche Reichspartei wurde damals wohl häufiger ablehnend beurteilt. Im November 1961 schrieb ein Mensch an Opas Sohn in einer anderen Sache, er sei auch Mitglied der DRP, wisse aber auch,
dass die Ludendorff-Bewegung mit Recht die politischen Parteien negativ beurteilt.
Nach den damals erreichten 0,8 % in der Bundestagswahl sei er wieder ausgetreten, "auch in den sogenannten nationalen Parteien" sei der "Wurm" drin. Wie erstaunlich wenig hat sich am Verhältnis zu den Parteien bei klar blickenden Leuten seit 60 Jahren geändert. Bzw., nein, anders herum: wie erstaunlich wenig haben sich all die Parteien geändert, einschließlich all der Partei-Neugründungen seither. Später, in den 1970er Jahren, ließ sich mein Opa noch als Kandidat der „Grünen Liste Umweltschutz“ in Hessen aufstellen. Womöglich war das auch wirklich noch eine bessere Idee, als bei der Deutschen Reichspartei mitzumachen, der Vorgängerpartei der NPD, die sicherlich ebenso Geheimdienst-gesteuert und -inszeniert war wie letztere.

Der Mai 1961 brachte dann die bundesweiten polizeilichen Ermittlungen gegen die Ludendorff-Bewegung. Opas Sohn warf seine Arbeit als Angestellter der Landwirtschaftskammer in Bonn hin, nachdem er seinem Chef nicht versprechen wollte, ab jetzt nicht mehr politisch aktiv zu sein. Er war aber auch froh darüber, diesen Büroberuf los zu sein. Noch bevor meine Oma davon erfuhr, schrieb sie ihm am 28. Mai 1961:
Wie geht es Dir? Hat Dich die Polizei aufgesucht? Im Rundfunk wird ja nicht viel von der Aktion gesprochen. Im „Gruß an die Zone“ wurde nur mal erwähnt, dass man in Berlin 4 Ludendorffer verhaftet hat. Der Gedanke, dass Ihr Gutes gewollt habt, wird Dir in diesen Tagen die nötige Ruhe geben, die Du vielleicht brauchst, wenn Unangenehmes auf Dich zukommt. Wie verhält man sich denn Dir gegenüber in Eurem Büro? Falls Du dort gekündigt wirst, schade wäre es schon, aber Arbeit findest Du auch hier jeder Zeit.
Während der Zeit des Verbotes der Zeitschrift „Quell“ wurden von Ludendorff-Anhängern verschiedene Rundschreiben versandt. Worum es sich bei dem folgenden von meinem Opa in einem Brief Erwähnten handelte, wäre noch einmal herauszusuchen:
Das beiliegende Schreiben von Johannes Marquardt1 ist prima. Davon will Otto Puhlmann
der Ingolstädter Schwager
aber nichts wissen. (…) Interessant ist auch der beiliegende Brief des Abg. Schwann über die Kriegsgefahr.
Im Oktober 1961 wurde eine neue Zeitschrift begründet, „Mensch & Maß“ und am 12. Oktober schrieb mein Opa:
Die Zeitschrift „Mensch und Maß“ habe ich gleich bestellt. Dagegen kann ich mich für die „Neue Politik“ und für den „Deutschen Beobachter“ nicht sonderlich erwärmen. Die Schreiber haben meiner Ansicht nach noch sehr wenig Leid erlebt. Die Kriegstreiber treten immer schärfer hervor. Wir Deutsche haben aber jeden Krieg schon verloren, bevor er begonnen hat. Denn wenn die Feinde eines Volkes in der eigenen Führung sitzen, ist nichts zu machen.
Die Zeitschrift „Neue Politik“ wurde seit 1956 von einem Wolf Schenke (1914-1989) herausgegeben, warnte vor einem Atomkrieg und trat für den - sicher vernünftigen - Gedanken ein, dass ein wiedervereinigtes Deutschland neutral zwischen Ost und West stehen müsse2.

Am 17. Januar 1962 schreibt Opas alte Mutter Emma Bading aus dem Heimatdorf an der Havel in der DDR an ihren Enkelsohn, der seine Arbeit hingeworfen hatte, im rauen bäuerlichen Umgangston der Familie:
Am Sonntag war Onkel Otto Lindenberg hier, er hat geschimpft, dass Du aus deinem Beruf bist raus gegangen und du sollst die verdammte Politik lassen, was hast du davon, du landest noch im Gefängnis. Möchtest du das? Dann hilft dir Mathilde auch nicht.
Natürlich war Mathilde Ludendorff gemeint. Otto Lindenberg war damals mit 64 Jahren Lehrer in Wusterwitz, hatte sich nach 1945 ideologisch „umgestellt“ und konnte sich ein „Politiktreiben“ ganz bestimmt nicht erlauben. Die beiden Teile Deutschlands lebten sich damals schnell auseinander. Immerhin nahm die Verwandtschaft doch noch sehr rege aneinander Anteil. Zehn bis fünfzehn Jahre später, als ich Jugendlicher war, wäre wohl eine so selbstverständliche Bewertung von Lebensentscheidungen im jeweils anderen Teil Deutschlands, wo man ja doch letztlich die Verhältnisse gar nicht richtig übersehen konnte, wohl nicht mehr gemacht worden. Am 10. Januar 1962 schrieb Opa:
In der „Neuen Politik“ ist ein Aufsatz von Prof. Matthies, sehr interessant. Und auch der Leitartikel von Rolf Schwenka zum Jahreswechsel. Allmählich gefällt mir diese Zeitschrift immer besser.
Am 14. Februar 1962 schreibt er über die Zeitschrift „Mensch und Maß“:
Interessant ist der Bericht von Freiherr von Bebenburg über die politische Lage. Den muss man mehrmals lesen. Er vergleicht Bismarck, Hitler und Adenauer miteinander. So gut und so klar und so lehrreich findet man selten einen Aufsatz.
Am 25. März 1962 schrieb er:
Außerdem kam noch ein Brief von Freiherr von Bebenburg über den Streit zwischen ihm und Herrn Löhde. Sehr interessant.
Hierbei handelte es sich um eine interne Auseinandersetzung in der Ludendorff-Bewegung, in der Walter Löhde Franz von Bebenburg - mit schwerwiegenden Argumenten - vorwarf, das Verbot der Zeitschrift „Quell“ im Mai 1961 schon zuvor sehr bewusst provoziert zu haben. Und wer hätte das genauer mitbekommen sollen als der langjährige Schriftleiter dieser Zeitschrift selbst? von Bebenburg wehrte sich damit, dass er den langen Streit zwischen Mathilde Ludendorff und Walter Löhde zwischen 1945 und 1950 öffentlich machte, um Walter Löhde zu diskreditieren. Damit sollte er vor allem deshalb Erfolg haben, weil die Menschen so vergesslich sind und auch diese Auseinandersetzung bald wieder vergessen haben.

Mit diesen kurzen Auszügen soll ein wenig veranschaulicht werden, wie solche Geschehnisse bei einem "gewöhnlichen Anhänger", der nicht selbst schriftstellerisch tätig war, angekommen und verarbeitet worden sind. Bei einem Anhänger, der nur Volksschulbildung aufwies, aber lebenslang sich weiterzubilden bemüht gewesen ist.


Abb. 5: Meine Oma und mein Opa mit Enkelkindern und einem Schwiegersohn im Garten, 1977

Ich habe keine Lust, mich mit Narren zu unterhalten" (G. E. Lessing)  

Mein Opa liebte es, wie ich mich auch noch gut erinnern kann, gelegentlich allgemeinere „Lebensweisheiten“ und Lehren von sich und weiter zu geben. so ein bisschen klang ja dieser "lehrerhafte" Ton auch schon aus den bisherigen Briefstellen heraus. Er nahm sich dabei aber nie selbst besonders arg ernst. Auch in seinen Briefen findet sich davon etwas. Und eine Auswahl davon soll hier am Abschluss stehen, nachdem seine Gedankenwelt durch die gebrachten Briefausschnitte ein wenig hat veranschaulicht werden können. Am 27. Oktober 1961 schrieb er:
Folgendes fiel mir noch ein: Mein Vater sagte des öfteren: „Es geht nirgends verrückter zu als in der Welt.“ Ich stehe dagegen heute auf dem Standpunkt, dass alles seine Richtigkeit hat. Nach dem Naturgesetz von „Ursache und Wirkung“ und nach dem Gesetz der Kraft siegt immer der Stärkere. „Eine härtere Säure treibt eine schwächere aus ihrer Verbindung.“ Weiter: „Wenn die Guten nicht kämpfen, siegen die Schlechten.“
Am 21. Januar 1962 schrieb er, nachdem er davon berichtet hat, dass sich ein Mitmensch nur lauwarm für die Zeitschrift „Mensch & Maß“ interessiert hatte:
Dabei fällt mir ein Spruch von Hölderlin ein: „Geh unter schöne Sonne, sie achteten Dein nur wenig, denn mühelos bist Du über die Sterblichen aufgegangen.“ Bei meinen langen Nachtwachen habe ich auch über ein anderes Wort von Friedrich Hölderlin nachgedacht. Er sagte: „Weine nicht, Vaterland, es ist dir, Liebes, nicht ein einziger zu viel gefallen.“
Weiter:
Sehr verwandt ist auch ein Wort von U. v. Hutten, wenn er schreibt: „Sterben kann ich, aber Deutschland sterben sehen, kann ich nicht.“
Das hat mein Opa aus der Erinnerung nicht ganz richtig zitiert. Das Original-Zitat von Ulrich von Hutten lautet: "Sterben kann ich, aber Knecht sein kann ich nicht." Im Gesamtzusammenhang:
Wenn die Feinde der Tyrannei des römischen Papstes, wenn alle mutigen Verfechter der Wahrheit und Freiheit Lutheraner genannt werden, dann will ich lieber diesen Namen tragen, als meiner Pflicht, wider Rom zu kämpfen, untreu werden. Denn sterben kann ich, aber Knecht sein kann ich nicht! Auch Deutschland geknechtet sehen, kann ich nicht.
Mein Opa schrieb am 16. April 1960:
In dem oben angeführten Buch (Walter Löhde, Schiller im politischen Geschehen seiner Zeit) steht ein ganz besonders guter Ausspruch von Lessing: „Ich habe keine Lust, mich mit Narren zu unterhalten“. Den Satz muss man zu allen Zeiten beherzigen. Denn es hat gar keinen Wert, mit Menschen zu reden, die nicht weiter denken können, als ein Schwein scheißt. Dazu kommt noch die große Schar derjenigen, die wohl denken können, aber ohne Wärme ums Herz und Gemüt. Kalt, herzlos, verlogen und schlecht. Diesen geht man am besten auch möglichst aus dem Wege.
Soweit einige Ergänzungen zum vorherigen Blogbeitrag (hier zurück zum ---> ersten Teil).



/Letzte 
Ergänzung:
30.4.17./

__________________________________________
1Ein Autor, Redner und Ordner der Ludendorff-Bewegung, der auch die Nutzung der Atomenergie kämpfte.

21951 erschien das nationalrevolutionäre, von der DDR finanzierte „Deutscher Beobachter – Unabhängiges, gesamtdeutsches Wochenblatt“. Da dies aber offenbar nur ein Jahr erschien, kann dies hier von meinem Opa nicht gemeinst sein.

Keine Kommentare:

Beliebte Posts