Sonntag, 28. Dezember 2014

Hindenburgs 70. Geburtstag am 2. Oktober 1917 in Bad Kreuznach

Zahlreiche Filmaufnahmen und Fotografien entstanden aus diesem Anlaß

Drei Monate waren vergangen seit der Kanzlerkrise in Berlin und dem Sturz des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg. Nun wurde der 70. Geburtstag des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburgs (1847-1934) am 2. Oktober 1917 für das damalige Deutschland zu einem großen Ereignis. Es ahnte, welche Bedeutung für sein gegenwärtiges und künftiges Schicksal von dieser Obersten Heeresleitung ausging.

Abb. 1a: Von der Feier des 70. Geburtstages von Hindenburgs entstanden zahlreiche Fotografien 
Deshalb auch suchte der Kaiser Hindenburg zu seinem Geburtstag auf und wurden von diesem Besuch und den weiteren Feierlichkeiten viele Filmaufnahmen und Fotografien gefertigt. Es mag auch nicht unwichtig sein, das Bildmaterial dieses Tages zu kennen, um zu wissen, vor welchem historischen Hintergrund knapp zwanzig Jahre später der 70. Geburtstags Erich Ludendorffs am 9. April 1935 in Deutschland gefeiert wurde. Letzterem ist ja schon ein eigener Beitrag gewidmet worden.

Abb. 1: Nach seiner Geburtstagsansprache (siehe Film [1]) weist Ludendorff Hindenburg auf die verschiedenen angetretenen Abordnungen im Kurpark von Bad Kreunach hin - eine bekannte Aufnahme, entstanden am 2. Oktober 1917
Neuerdings ist vor allem auch ein 17-minütiger Filmstreifen zugänglich (Filmportal) (1), in dem von 2'54 bis 5'49 Erich Ludendorff im Namen der Obersten Heeresleitung und des deutschen Heeres Hindenburg die Geburtagswünsche ausspricht. Die gesamte Inhaltsangabe dieses Streifens gibt schon ganz gut den Ablauf der Feierlichkeiten überhaupt wieder (1):
Bericht von den Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag von Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg am 2.10.1917 in Bad Kreuznach.
Kaiser Wilhelm II. begibt sich mit Gefolge in die Villa Imhoff; Hindenburg verabschiedet ihn am Eingang (das Schild mit der Namensbezeichnung Villa Imhoff wurde aus Geheimhaltungsgründen geschwärzt);
Kinder aus Bad Kreuznach bilden beiderseits der Straßen Spalier und winken Hindenburg zu; Schulmädchen gratulieren ihm, dabei Adjudant Rittmeister von Pentz.
[2'54-5'49] General Ludendorff mit den Generalstabsoffizieren vor der Villa; Ludendorff gratuliert Hindenburg; Begrüßung der angetretenen Generalstabsoffiziere; Hindenburg und Ludendorff auf der Terasse, anschließend begeben sie sich in den Park.
Gratulation durch den Landrat und die Leiter der Behörden im Park; Vorstellung einzelner Zivilisten durch den Landrat; Hindenburg besichtigt angetretene Kriegsveteranen von 1866 und 1970, verwundete Soldaten, Turnvereine und die Freiwillige Feuerwehr.
Reichskanzler Georg Michaelis verlässt die Villa Imhoff und steigt ins Auto;
Hindenburg im Kreise seiner Familie mit Ehefrau Gertrud und den Töchtern Frau von Brockhusen und Frau von Pentz, sowie Schwiegersohn Rittmeister von Pentz beim Spaziergang und am Kaffeetisch.
Empfang im Quartier von Kaiser Wilhelm II.; Offiziere betreten die Terasse, unter anderem Reichskanzler Michaelis und Hindenburg mit Mokkatasse; Offiziersgruppen im Gespräch, unter anderem Wilhelm II., Michaelis und Ludendorff mit Kurt Freiherr von Lersner;
Hindenburg mit den Kommandeuren der Regimenter, deren Chef er ist, auf der Freitreppe: Oberstleutnant von Schönstadt, Kommandeur des 3. Garde-Regimets F., Kapitän zur See von Karpf, Kommandant der S.M.S. "Hindenburg" und Oberstleutnant Behrboom, Kommandierender des Infanterie Regiments 147 (2. masurisches);
Hindenburg und Wilhelm II. im Gespräch; Wilhelm II. geleitet Hindenburg zum Auto und verabschiedet sich; Hindenburg und Ludendorff steigen ein und fahren ab.
Ergänzende Szenen sind in zwei weiteren Filmen enthalten (2-3).
Abb. 2: Nach der Mittagstafel, bei der der Kaiser Hindenburg "in warmen Worten als Feldherrn und Heros des deutschen Volkes gefeiert hatte"
Mit Hilfe dieser Filmstreifen lassen sich nun auch leichter zahlreiche Fotografien zuordnen, die aus diesem Anlaß entstanden sind.
Abb. 3: Der Kaiser verabschiedet sich von Exzellenz Ludendorff
Etwa die bekannten in Abbildung 1 und 3.

Abb. 3a: Der Kaiser verabschiedet sich von Exzellenz Ludendorff
In Abbildung 4 sitzt Hindenburg 1917 im Wagen mit Ludendorff. 1933 und 1934 sollte er ähnlich zusammen mit Adolf Hitler in einem Wagen sitzen.

Abb. 4: "Kreuznach Hindenburg Geburtstag 1917" steht handschriftlich in Bleistift auf der Rückseite dieses Fotos (Herkunft: Ebay)
Erwähnt sei, dass aus Anlaß des Hindenburg-Geburtstages öffentliche Musikaufführungen, Ansprachen, Vorführungen (Sportwettkämpfe, Theateraufführungen) und sonstige Festlichkeiten in ganz Deutschland und in den von Deutschland besetzten Gebieten stattgefunden haben. Als Beispiel sei eine "Festordnung" aus der damaligen "Grodnoer Zeitung" gebracht.

Abb. 5: Grodnoer Zeitung ehrt Paul von Hindenburg, 2.10.1917
"Turnen an Reck und am Barren" heißt es im zweiten Teil dieser Festordnung. Derartige Sportwettkämpfe gab es im Jahr 1918 auch auf sogenannten "Ludendorff-Tagen", abgehalten dann wohl am 9. April 1918, dem 53. Geburtstag Ludendorffs. Diesen soll auch noch einmal ein eigener Blogartikel gewidmet werden. Der Grodnoer Männerchor sang unter anderem "Die Himmel rühren des Ewigen Ehre" und das "Niederländische Dankgebet".
Abb. 6: Feier des 70. Geburtstages Hindenburgs in Grodno, 2.10.1917

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  1. Hindenburgs 70. Geburtstag im Großen Hauptquartier. Militärisch-amtlicher Film des Bild- und Film-Amtes (BUFA). (17'12) 2.10.1917 (Filmportal)
  2. Hindenburgs 70. Geburtstagfeier beim Kaiser im Großen Hauptquartier. Militärisch-amtlicher Film des Bild- und Film-Amtes (BUFA). (5'58) 2.10.1917 (Filmportal)
  3. Unser Hindenburg. Militärisch-amtlicher Film des Bild- und Film-Amtes (BUFA). (6'35) (Filmportal a); anderer Titel "Ein Tag bei Generalfeldmarschall von Hindenburg" (bessere Qualität) (Filmportal b)

Sonntag, 2. November 2014

Geheimdienste freuen sich über zwischenmenschliche Zerwürfnisse

Der Weggang von Werner Preisinger aus Tutzing im Jahr 1958
- Eine Folge der Zersetzungsarbeit von Geheimdiensten?

Das zentrale Ereignis in der inneren Geschichte der Ludendorff-Bewegung nach 1945 ist der Weggang von Dr. Werner Preisinger (1905-1986) aus Tutzing im Jahr 1958 gewesen, das Zerwürfnis zwischen ihm und Mathilde Ludendorff. Mathilde Ludendorff hatte große Erwartungen auf seine Mitarbeit gesetzt. Sie sah ihn, den Geschichtslehrer, als den Begabtesten seiner Generation an, darin, angemessen über ihre Philosophie sprechen und schreiben zu können. Und sie hatte gehofft, dass er die Ludendorff-Bewegung nach ihrem Tod weiterführen würde. Denn ihren Schwiegersohn Franz von Bebenburg hatte sie dafür als nicht geeignet angesehen.

Abb.1: Mathilde Ludendorff 1953
Und da diese Weiterführung der Ludendorff-Bewegung von beiden Seiten als etwas höchst Wesentliches und Wichtiges angesehen wurde, die moralischen Maßstäbe also sehr hoch angesetzt worden waren, stand seit diesem Zerwürfnis von beiden Seiten aus der Vorwurf menschlichen Versagens im Raum.

Seither "schieden" sich an der Person Werner Preisingers "die Geister". Und fast jeder damalige Zeitgenosse, der etwas von diesen Auseinandersetzungen mitbekommen hat, und den man Jahrzehnte später dazu noch befragen konnte, hatte eine eigene Sichtweise auf sie. Da waren jene, die Werner Preisinger schwere Vorwürfe machten, dass er sich gegenüber Mathilde Ludendorff unangemessen verhalten hätte, dass er einer so hochbetagten Frau so vieles so schwer gemacht hätte. Und da waren jene, die meinten, dass Mathilde Ludendorff Werner Preisinger nicht richtig behandelt hätte.

Und es gab noch Dritte, vielleicht die Mehrheit derjenigen, die von diesem Geschehen etwas mitbekamen. Sie ergriffen keine Partei. Und sprachen höchstens mit bedauernder Miene von einem "tragischen" Geschehen.

Was meinte Mathilde Ludendorff darüber?

Werner Preisinger hat sich - soweit bekannt - zu all dem niemals mehr schriftlich geäußert. Auch von Mathilde Ludendorff sind wenig konkrete Äußerungen bekannt. Aber klar hat sie noch im Frühjahr 1958 (in ihrem Aufsatz "Was ist zu beklagen?") ihre Meinung zum Ausdruck gebracht, dass dieses Zerwürfnis von interessierter Seite auf geschickte Weise hochgeschaukelt worden ist. Um es im Klartext zu sagen: Ihrer Meinung nach beruhte das Zerwürfnis auf der geschickt eingefädelten Zersetzungsarbeit von Geheimdiensten.

Abb. 2: Werner Preisinger (bei Murnau)
Viele werden damals - und noch heute - über eine solche Einschätzung den Kopf geschüttelt haben oder schütteln.

Dafür gibt es aber weitaus weniger Grund, seit bekannt ist, dass jene unmittelbar nachfolgenden weltweiten Hakenkreuzschmierereien der Jahre 1959 und 1960, die die Steilvorlage boten zum Verbot des "Bundes für Gotterkenntnis" im Jahr 1961, eine zwischen westlichen und östlichen Geheimdiensten abgesprochene Aktion gewesen ist, die in Camp David, USA, beim Besuch von Nikita Chruschtschow zwischen den Geheimdiensten abgesprochen worden ist. (So unter anderem dargestellt von Armin Mohler in seiner Schrift "Vergangenheitsbewältigung". Dass es sich bei den Hakenkreuzschmiereien um eine östliche Geheimdienstaktion gehandelt hat, haben zwischenzeitlich auch viele andere Autoren - etwa der Historiker Michael Wolfsohn - auf der Grundlage von Überläufer-Berichten und ähnlichem gesagt.)

Da ist es nahe liegend, dass die von Mathilde Ludendorff angenommene, vorausgegangene innere "Zersetzungsarbeit", für die ja die Stasi und östliche Geheimdienste auch sonst so gut bekannt sind, tatsächlich stattgefunden hat und sich auswirken konnte.

Ich selbst habe allerhand Menschen zu dem Weggang von Werner Preisinger aus Tutzing befragt. In dem näheren Umfeld der Familie und der Nachkommen von Werner Preisinger will man sich wohl am wenigsten mit diesen Dingen beschäftigen. Man will sie auf sich "beruhen" lassen. Man will Wunden verheilen lassen statt sie aufzureißen, auch noch nach so vielen Jahrzehnten. Franz von Bebenburg hat bei einer Gelegenheit von seinen "Bemühungen" geschrieben, Werner Preisinger trotz aller Schwierigkeiten in Tutzing zu halten, welche aber schließlich an der Weigerung von Werner Preisinger gescheitert seien.

In einem Beitrag (St.gr., 01/2012) habe ich den Briefwechsel zwischen Ilse Behrens und Eberhard Beißwenger zu diesem Geschehen ausgewertet, in dem sich schon einiges von den damaligen zwischenmenschlichen "Gelagertheiten" wiederspiegelt. Bevor es zum Zerwürfnis zwischen Werner Preisinger und Mathilde Ludendorff gekommen war, war es schon zum Zerwürfnis zwischen ihm und Ilse Behrens gekommen. Ilse Behrens stand als Schriftstellerin und Kulturvermittlerin in ihrer Begabung wohl Werner Preisinger kaum nach, hat aber nur wenig über Philosophie selbst geschrieben. Durch Werner Preisinger vor allem war sie selbst erst zur Ludendorff-Bewegung gekommen und an ihrem Zerwürfnis mit ihm wird schon erkennbar, dass es damals zu zwischenmenschlichen Spannungen auch sonst sehr leicht kommen konnte.

Abb. 3: Als Geschäftsführer des "Bundes für Gotterkenntnis" unterschrieb Werner Preisinger 1956 und 1957 in Tutzing Quittungen für Spenden, die vor allem auch dazu bestimmt waren, seinen Lebensunterhalt sicherzustellen (Herkunft: Ebay, Januar 2015)
Doch in diesem Briefwechsel spiegelt sich auch wieder, über wie viele Monate Mathilde Ludendorff dennoch hoffte, all die mit solchen Zerwürfnissen verbundenen Schwierigkeiten meistern zu können. Es schimmert in ihm auch ihre Erschütterung und Angegriffenheit durch, nachdem klar geworden war, dass die Schwierigkeiten nicht hatten gemeistert werden können.

Und diese Eindrücke decken sich mit den wenigen Worten, die Annemarie Kruse (gest. März 2016), die langjährige Haushälterin Mathilde Ludendorffs, im Frühjahr 2001 anlässlich einer persönlichen Nachfrage äußerte. Ihre Worte scheinen den eigentlichen Zusammenhängen am nächsten zu kommen. Sie sagte, dass sie es nie habe verstehen können, wie es so weit habe kommen können. Mathilde Ludendorff und Werner Preisinger wären über Monate und Jahre hinweg sozusagen "ein Herz und eine Seele" gewesen, hätten Stunden lang miteinander gesprochen, immer wieder wäre Werner Preisinger "herüber" gekommen (von Feldafing). Das Verhältnis wäre außerordentlich herzlich gewesen.

Es war ihr noch im hohen Alter ein Rätsel, wie ein so herzliches Verhältnis in einem so schwerwiegenden Zerwürfnis enden konnte. Und sie zeigte sich noch so viele Jahrzehnte danach traurig und erschüttert darüber. Ich denke, dass das im Wesentlichen auch die Sichtweise von Mathilde Ludendorff selbst gewesen ist.

Geheimdienste lauern auf zwischenmenschliche Zerwürfnisse

Über zwischenmenschliche Zerwürfnisse freuen sich Geheimdienste am meisten. Sie lauern richtig gehend auf sie. Oftmals lassen sie ihre Sendlinge Jahre und Jahrzehnte lang auf Lauerstellung liegen. Um im rechten Moment das Entscheidende zu tun. Denn diese zwischenmenschlichen Zerwürfnisse lähmen den Widerstand gegen ihre Arbeit am nachhaltigsten, tragen am meisten zur Erreichung ihrer Ziele bei. Nichts ist ihnen wichtiger, als das herzliche Vertrauensverhältnis zwischen den beteiligten Personen zu zerstören, als "Spaltungen" zwischen ihnen zu bewirken.

Das ist überall und immer wieder zu erkennen, wohin man blickt in der Geschichte der letzten hundert Jahre. Insbesondere bezüglich vieler gut aufgearbeiteter Fälle von Zersetzungsarbeit der DDR-Staatssicherheit (die ja sogar, wie wir heute wissen, vor der Zerstörung von Ehen nicht zurückschreckte). Aber deshalb freuen sie sich auch darüber, wenn sich im Nachgang über solche Zerwürfnisse "Sprachlosigkeiten" ausbreiten, sie geradezu zu einem Tabubereich werden.

Und sie freuen sich darüber, wenn niemand Mathilde Ludendorff wirklich ernst nimmt, wenn sie geschickte Zersetzungsarbeit von Geheimdiensten als letzte Ursache für das hier behandelte Geschehen angenommen hat.

Ich neige inzwischen auch zu der Einschätzung, dass das "eifersüchtige" Verschlossenhalten des Ludendorff-Archivs in Tutzing noch heute vor allem aus der Sorge heraus geschieht, dass niemand allzu unliebsame Fragen stellt. Dass die Aufarbeitung der Geschichte der Ludendorff-Bewegung der 1950er Jahre weiterhin in der Hand weniger bleibt, die dann reichlich krude "offizielle" Darstellungen darüber geben können (Hans Kopp, Franz von Bebenburg).

Und dass man sich freut, wenn man über den Tatbestand des Verschlossenhaltens erneut zwischenmenschliche Zerwürfnisse aller Art hochschaukeln kann und das dann erneut als ein "tragisches" Geschehen "bedauern" kann, bzw. wenn man ausstreuen kann, es würde unnötigerweise abträgliche Streitereien in die kleine Zahl der Anhängerschaft hinein getragen. Das fällt alles nicht schwer und die Freude innerhalb interessierter Kreise daran ist groß.

Es müssten einmal systematischer Äußerungen Erich und Mathilde Ludendorffs zusammen getragen werden über ihre Beobachtungen und Erfahrungen, die sie bezüglich der Unterwanderung und Zersetzungarbeit von gegnerischer Seite machten. So hatte Mathilde Ludendorff etwa schon in ihrem Aufsatz "Die feste Untermauerung" ("Der Quell", 9. Mai 1956) über die Geschichte der Ludendorff-Bewegung geschrieben:
Immer wieder wurden entsprechende Menschen mit solchen Aufträgen aus Geheimorden wie den Guoten, den Skalden, den Druiden usw. in unsere Reihen gesandt. Es drängten sich in unsere Bewegung viele durch Geheimorden an ihre vorgeschriebenen Ziele gebundenen Menschen. 
So viel man sieht, fällt selbst den überzeugtesten heutigen Ludendorff-Anhängern schwer zu glauben, dass solches in breiterem Umfang vor oder nach dem Tod von Mathilde Ludendorff geschehen sein könnte. Nach dem Tod von Mathilde Ludendorff natürlich noch mit viel größerer Wahrscheinlichkeit. Denn wer hätte nach ihr die Autorität gehabt, etwas allgemeiner verbindliches darüber zu sagen? Etwas ähnlich für die Anhängerschaft allgemein Verbindliches, was Mathilde Ludendorff noch 1958 in ihrem Aufsatz "Was ist zu bedauern?" ("Der Quell", 9. Juni 1958) über den erfolgreichen Verlauf der Feiern zu ihrem 80. Geburtstag im Oktober 1957 gesagt hatte, woran sie dann die folgenden Gedanken knüpfte (Hervorh. nicht im Orig.):
Diese überstaatlichen Mächte, die nur bei restloser Ausrottung all unserer Werke und unseres Wirkens ihre eigene Arbeit in der Zukunft voll gerettet sehen würden, erschrecken natürlich jedes Mal über den Auftrieb, den die Geburtstagsfeiern für die Mitkämpfer bedeuten. So sind denn die jeweils sich anschließenden Versuche der Verleumdung, vor allem auch die Bemühungen, Zank und Misstrauen in der kleinen Kampfschar zur Aufblüte zu bringen, natürlich eine stete Begleitmusik der Geburtstagsfeiern. Da sie nun ebenso klug sind wie listig, so ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie im Höchstmaße zu erreichen suchen, worauf ich in meinen Worten am 4. 10. hingewiesen habe. Die Einzigen, so erinnerte ich, die die reine Idee, die nur dem Schöpfungsziel dient, hemmen können, sind die, die die Ziele des Hauses Ludendorff öffentlich vertreten, aber durch unvollkommenes Handeln den Sieg hinauszögern können.
Die verschiedenen die Welt beherrschenden Priesterreiche haben die an sich sinnvolle Unvollkommenheit der Menschen stets ungeheuer geschickt ausgenützt, und so ist es ihnen gelungen, das Höchstmaß solcher Auswirkung der Unvollkommenheit in den Völkern zu erreichen. Die günstigsten Vorbedingungen haben sie dadurch geschaffen, dass sie sie durch Fremdreligionen (...) entwurzelt haben. In solcher Entwurzelung wurde die Mehrheit unserer kleinen Mitkämpferschar noch in ihrer Kindheit auferzogen, und so ist es denn natürlich sehr begreiflich, dass sogar unter denen, die selbst fest überzeugt sind, auf dem Boden der Kampfziele Erich Ludendorffs und meiner Werke der Gotterkenntnis zu stehen, dem eifrigen Ausnützen ihrer Unvollkommenheit von seiten der Gegner zu geringen Widerstand entgegensetzen.
Diese aber bemühen sich immerwährend und meist in sehr geschickter Anpassung an die Eigenart der einzelnen, sie zum Misstrauen untereinander zu veranlassen, denn das gegenseitige Vertrauen der kleinen Schar von Mitkämpfern wäre ja eine prachtvolle Stütze im Wirken für unsere Ziele, und das ist natürlich den Gegnern höchst unwillkommen. So beklagenswert für uns nun auch diese gesteigerten Bemühungen im Anschluss an die Geburtstagsfeiern sind, so darf es uns jedenfalls nicht wundern. Die Verleumdungsfeldzüge und das Wecken von Zwietracht, Eifersucht und Misstrauen sind nur das Zeugnis dessen, wie klar die Gegner die Gefahr für sich erkennen.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Einiges zu den Finanzen der Ludendorff-Bewegung 1938 bis 1948

Was war der "Heidenschatz"?
Mathilde Ludendorff und eine Getreidemühle (1944 bis 1948) - Eine - bis auf weiteres - unvollständige Chronologie und Dokumentation

Abb. 1: "Für treue Kampfarbeit und Heidenschatzspende" - Eine Art Spendenquittung, ausgestellt von Mathilde Ludendorff für das Jahr 1943
2011 wurde in der Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung "Mensch & Maß" eine Art Spendenquittung, ausgestellt von Mathilde Ludendorff für das Jahr 1943, veröffentlicht (siehe Abb. 1) zusammen mit der Frage (8):
Wer kennt die Heidenschatzspende?
Wer kann Auskunft über die Heidenschatzspende geben? Die Dankeskarten sind von Mathilde Ludendorff unterschrieben worden und stammen aus den Jahren 1941 bis 1947 (siehe Bild). (...) War dies eine Fortführung des Ludendorff-Kampfschatzes, der zwischen 1925 und 1937 Spenden für den Aufklärungskampf einwarb?
Es wurde dann um Zuschriften gebeten. Soweit übersehbar, ist seither in der Zeitschrift keine Antwort auf diese Fragen veröffentlicht worden. Bei dieser Frage wäre ja zunächst einmal zu klären, was eigentlich der hier genannte "Ludendorff-Kampfschatz" gewesen ist. Im März 1957 schrieb Werner Preisinger in einem Rundbrief des "Bundes für Gotterkenntnis" von den vielen geplanten Veranstaltungen und Vorhaben der nächsten Zukunft und setzte dann fort:
Alle diese Aufgaben stellen aber an die Finanzkraft des Bundes besonders hohe Anforderungen, die aus den Mitglieds-Beiträgen allein nicht bestritten werden können. Wir sind für diese Ausgaben auf die Spendenfreudigkeit unserer Mitglieder angewiesen.
Wie der Feldherr zu seinen Lebzeiten sich als Geburtstagsgeschenk eine Spende für den Heidenschatz wünschte, so nehmen wir die Zeit seines Geburtstages zum Anlass, uns mit der Bitte für eine Spende ... an Sie zu wenden. ... Es soll unsere Spende und unser Wille, seinen Einsichten zum Siege zu verhelfen, unser Dank an den großen Toten sein.
Es lebe die Freiheit!
Tutzing, im Lenzing 1957 Bund für Gotterkenntnis (L) e.V.
Dr. Werner Preisinger
In diesen Ausführungen wird schon deutlich, dass es sich schlicht um ein Spendenkonto handelte, durch das sicherlich Saalmieten, Reisekosten, Kosten der Geschäftsführung allgemein und was immer sonst bestritten werden konnten.

In dem dem vorliegenden Blogbeitrag soll im weiteren nach und nach zusammen getragen werden, was sich noch weiter als Antwort auf die gestellte Frage an Tatsachen und Hinweisen derzeit zusammenstellen lässt.

Allerdings soll nicht verhohlen werden, dass die Fragestellung selbst schon eigentümlich ist. Schließlich werden die Fragenden doch wohl Zugang zum Ludendorff-Archiv in Tutzing haben, wo doch die Unterlagen vorliegen müssen, die (auch) diese Frage werden beantworten können. Warum schauen sie dort nicht einfach nach und veröffentlichen die Ergebnisse ihres Nachsehens?

Aber wie auch immer. Dieses Ludendorff-Archiv wird - gegen den ausdrücklichen, oft wiederholten Willen von Erich und Mathilde Ludendorff - und ganz entgegen der von ihnen wie selbstverständlich vertretenen Haltung in kulturgeschichtlichen Fragen heute wie ein vatikanisches Geheimarchiv betrieben. Vorläufige Antworten müssen deshalb von woanders her bezogen werden. Und das gilt ja auch für viele andere hier auf dem Blog gestellte Fragestellungen. Im folgenden ein grober chronologischer Abriss.

1938

1938 heiratete Asko von Kemnitz, einer der beiden Söhne und Mitarbeiter von Mathilde Ludendorff. Mathilde Ludendorff berichtete im November 1947 (siehe unten) (6, S. 15):
Ich hatte im Jahre 1938 meine Papiere des Privatvermögens in einer Mühle angelegt, schon gleich in der sicheren Hoffnung, wenn Krieg komme, die ideellen Unternehmen wirtschaftlich sichern zu können.
Mit ideellen Unternehmen war, wie wir sehen werden, der "Heidenschatz" und der Ludendorffs Verlag gemeint. Wahrscheinlich handelt es sich bei der hier genannten Mühle schon um jene in Hettenshausen, die im folgenden eine Rolle spielen wird. Wie Mathilde Ludendorff dazu kam, gerade in dieser Mühle Vermögenswerte anzulegen, ist vorläufig nicht bekannt.

1940

Am 11. März 1940 schreibt Frieda Stahl, die Schwester Mathilde Ludendorffs, an letztere:
Daß nun wieder etwas in der Mühle kaputt ist, ist doch schlimm.
Das ist ein weiterer Hinweis, dass mit der Mühle schon in dieser Zeit gearbeitet wurde.

1944

Abb. 2: Scheller-Mühle in Hettenshausen
Asko von Kemnitz war wie sein Bruder Hanno im Jahr 1940 gemustert worden und wurde im weiteren Verlauf des Krieges Offizier bei der deutschen Wehrmacht und kam zum Kriegseinsatz, wie noch zu hören sein wird (siehe unten). Vor allem der vormalige Mitarbeiter Erich und Mathilde Ludendorffs, der Schriftsteller Walter Löhde, war in den Endjahren des Zweiten Weltkrieges mit der Verwaltung der Gelder des "Heidenschatzes" im Zusammenwirken mit Mathilde Ludendorff befasst.

Im Jahr 1944 wurde von Mathilde Ludendorff in Hettenshausen bei Pfaffenhofen eine Mühle gekauft als Geldanlage und Sicherheit für die zu erwartenden Umbrüche der nächsten Jahre (2). Hettenshausen liegt etwa 45 Kilometer nördlich von München (1, S. 12). Die Familie Scheller betreibt noch heute die Scheller-Mühle in Hettenshausen, die seit 1450 urkundlich erwähnt ist und seit 1834 im Besitz der Familie ist.

Möglicherweise war dies dann die von Asko von Kemnitz betriebene Mühle, die die Familie Scheller nach 1960 wieder übernommen hat. (Vielleicht gibt es  in Hettenshausen aber auch zwei Mühlen: Ilmweg 11 und Mühlweg 6.)

1945

Mit den Bombardierungen Münchens, den Ein- und Umquartierungen und schließlich mit dem Einmarsch der Amerikaner 1945 kam die Tätigkeit des Ludendorff-Verlages vollständig zum erliegen. Und auch Walter Löhde konnte nun nicht mehr auf sein bisheriges Gehalt von Seiten des Verlages setzen. In seiner wirtschaftlichen Not trat er - wie so viele damals - wieder in die evangelische Kirche ein. Diese Entscheidung warf natürlich in Anhängerkreisen der Ludendorff-Bewegung kein gutes Licht auf einen so engen vormaligen Mitarbeiter Erich Ludendorffs. Auch sonst kam es zwischen 1945 und 1949 zu starken Spannungen zwischen Walter Löhde und Mathilde Ludendorff.

Da diese Spannungen dokumentiert wurden, kann man diesen Dokumentationen einige Einzelheiten zu den Geschehnissen der Jahre vor und nach 1945 entnehmen.

Walter Löhde wurde 1945 nach dem Einmarsch der Amerikaner in seinem Dorf bei Seeshaupt, wo er Zuflucht gefunden hatte, zum Bürgermeister gewählt, ebenso wie dies Asko von Kemnitz zur gleichen Zeit in Hettenshausen widerfuhr. Von 1945 bis 1960 war Asko von Kemnitz jedenfalls Bürgermeister von Hettenshausen. Und in dieser Eigenschaft war er offenbar auch Vorsitzender der dortigen Spruchkammer (3).

1946

Am 25. März 1946 schrieb Walter Löhde nun an einen Freund über Mathilde Ludendorff aus den damals entstandenen Spanungen heraus (6, S. 1f):
Sie hat sich bereits im Jahr 1944 eine Mühle gekauft, die ihr Sohn betreibt und in der die Gelder des Bundes, des Heidenschatzes und des Verlages nutzbringend angelegt sind.
1947

Am 30. Januar 1947 brannte die Mühle nieder (6, S. 25). Am 3. Oktober 1947 erzählte Walter Löhde ihn besuchenden Ludendorff-Anhängern (6, S. 10),
daß Frau Ludendorff das Vermögen des Heidenschatzes, zirka Mk 100.000,- in der Mühle des Sohnes nutzbringend angebracht hätte. (...) Einer der Söhne hätte Mk. 44.900,- vom Bund abgehoben und sie privat verbraucht. Diese wirtschaftlichen Eingriffe stänken zum Himmel. Frau Dr. Ludendorff hätte jedoch schnellstens die Sache bereinigt, es sei ihr selbst sehr unangenehm gewesen. Sie hätte angeordnet, daß der Sohn keine Vollmacht über den Geldverkehr weiterhin hätte.
Mathilde Ludendorff hielt als Bemerkung zu dieser Aussage, die ihr neben anderem berichtet wurde, schriftlich fest (6, S. 12):
Die Anlage von Geldern in der Mühle sollte eine Sicherstellung bezwecken, da die Gefahr bestand, daß die nationalsozialistische Regierung durch die Gestapo die Hand darauf legen würde, nachdem der Verlag schon lange nicht mehr arbeiten konnte. Über die näheren Vereinbarungen weiß Dr. Carl Schramm Bescheid.
Dr. Carl Schrammn war zu jener Zeit der Rechtsanwalt Mathilde Ludendorffs. Am 6. November 1947 schreibt sie an das Ehepaar Neuhaus über Walter Löhde (S. 15):
Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß, seine Behauptungen, wir hätten für das privatwirtschaftliche Unternehmen der Mühle die Gelder von Heidenschatz, Bund und Verlag nutzbringend verwertet, die Tatsachen auf den Kopf stellen. Ich hatte im Jahre 1938 meine Papiere des Privatvermögens in einer Mühle angelegt, schon gleich in der sicheren Hoffnung, wenn Krieg komme, die ideellen Unternehmen wirtschaftlich sichern zu können. Herr Löhde wußte genau, daß die Mühle sich selbst dadurch zu schädigen bereit war, daß sie Gelder der ideellen Unternehmen im Getreidewert erhalten wollte, daß aber, weil derartiges Handeln von der Gestapo als Erwartung einer Geldentwertung geahndet wurde, solche Absicht nicht durchgeführt werden konnte. Ich brauche wohl nicht zu beteuern, daß weder der Bund noch der Heidenschatz, noch der Verlag auch nur einen Pfennig eingebüßt hat und wir in all den schwierigen Lagen unterschiedlicher Bedrohung solcher Konten vor allem auch im Hitlerreich die rechten Maßnahmen trafen, um die uns am Herzen liegenden ideellen Unternehmen vor Schaden zu schützen. Die Buchführungen beweisen das. Gewiß habe ich im Februar Herrn Löhde an Stelle meines Sohnes deshalb zum stellvertretenden Geschäftsführer ernannt, weil mein Sohn damals ununterbrochen an der Front war und wir oft rasch disponieren mußten. Es ist Lüge, daß mein Sohn 44.600 Mark vom Bund privat verbraucht habe! Es ist ungeheuerlich von Herrn Löhde, so an Herrn Voß zu schreiben und zu Ihnen zu sprechen, obwohl er so genau Bescheid weiß.
Am 19. November 1947 schreibt Rechtsanwalt Leysieffer an Walter Löhde zu den eben erwähnten Vorgängen und Behauptungen (6, S. 18a):
Das alles ist umso bedenklicher, als Sie nur zu genau den von Ihnen den Herren Hänisch und Voß und Herrn und Frau Neuhaus gegenüber gemachten unrichtigen Angaben abweichenden wahren Sachverhalt kennen, zumal Sie selbst seinerzeit diesbezügliche Verhandlungen mit Herrn Rechtsanwalt Dr. Schramm geführt und von der Richtigkeit der damals ergriffenen Maßnahmen auch persönlich durchaus überzeugt waren und selbst dazu geraten haben. Ich kann es mir deshalb auch versagen, an dieser Stelle im einzelnen zu Ihren unwahren Behauptungen Stellung zu nehmen und diese zu widerlegen.
1948

Am 23. Januar 1948 schreibt der Rechtsanwalt Mathilde Ludendorffs, Leysieffer, an Walter Löhde (S. 24):
Daß die auf der Mühle Hettenshausen sichergestellten Gelder schon längst in dem Augenblick zurückgegeben wurden, als sie nicht mehr als eine sichere Anlage erschienen, weil die Mühle mit all ihren wertvollen Maschinen am 30. 1. 47 niedergebrannt ist, das konnten Sie nicht wissen. 
Und:
... Zumal Sie, wie bereits gesagt, alles noch dadurch so sehr verschärften, daß Sie dem Ehepaar Neuhaus gegenüber mit keiner Silbe erwähnten, wie berechtigt das Bestreben der Sicherstellung des Gelder deshalb war, weil von Frau Dr. Ludendorff und auch von Ihnen die Niederlage Hitlers und besonders auch deswegen eine Gefährdung der Gelder vorausgesehen wurde. Mir liegt auch eine Stellungnahme des Herrn RA. Dr. Schramm vor, welche die ideellen Beweggründe dieser wirtschaftlichen Sicherstellung voll berechtigt bestätigt und Folgendes ausdrücklich betont: Herr Dr. Schramm habe wegen der treuhänderischen Verwaltung von Geldern des Heidenschatzes und des Bundes für Gotterkenntnis ausschließlich mit Ihnen verhandelt, wobei Sie davon ausgegangen seien, daß diese Gelder durch den Kriegsausgang verloren gehen könnten und deshalb gesichert werden sollten; zum Teil seien die Gelder schon auf der Mühle Hettenshausen dinglich gesichert gewesen, zum Teil hätte aber auch der Verlag noch Barbestände gehabt, die noch mit hätten gesichert werden sollen. Außerdem wären durch Sie Verträge vorgelegt worden, die eine Sicherung über eine "Getreidewert-Klausel" enthielten. Danach sei es dann zu Vertragsentwürfen und endgültigen Verträgen gekommen, wonach alle diese Gelder auf der Mühle in Hettenshausen dinglich gesichert wurden. Wörtlich fügt Herr Dr. Schramm hinzu: "Ich stelle fest, daß diese ganzen Verhandlungen auf Veranlassung und Wunsch des Herrn Löhde geführt würden und das Ergebnis sein volles Einverständnis hatte. Ich hielt diese Form der Sicherheit nach den damaligen Verhältnissen auch für die einzig mögliche. Wenn Herr Löhde sich daran nicht mehr erinnert, muß es sich um eine Gedächtnisstörung handeln."
Weiter schreibt er (6, S. 26):
Triumphierend sprachen Sie, wie meine Auftraggeberin jetzt erst erfuhr, seinerzeit schon im Verlag von "Unterschlaggung"; mit gleicher heute erst verständlicher hämischer Miene erstatteten Sie meiner Auftraggeberin Bericht und mußten sich von ihr sofort über die tatsächlichen Verhältnisse aufklären lassen, was Sie aber nicht hindert, immer wieder Ihre unhaltbaren Verdächtigungen zu wiederholen. Tatsächlich wissen Sie nur zu gut, daß es sich auch hier angesichts der nahen Niederlage nur um eine Fortsetzung der auch von Ihnen erstrebten Sicherstellung der Gelder handelte, die Herr von Kemnitz anläßlich eines zweitägigen Urlaubs, wie sein späterer Brief von der Front an meine Auftraggeberin, die er auch telefonisch nicht zu erreichen vermocht hatte, berichtete, in Getreide glaubte anlegen und mit sichern zu sollen, nicht wissend oder auch nur ahnend, welcher unheimlichen Gefahr er damit nach der Frau Dr. Ludendorff durch Herrn RA. Dr. Schramm zuteilgewordenen Auskunft vor allem auch sich selbst von seiten der Naziregierung bzw. der Gestapo aussetzte. Deshalb die außerordentliche, Ihnen auch sofort bekanntgegebene Erregung meiner Auftraggeberin und ihr Entschluß, eine Änderung in der Verfügun'gsverhältnissen eintreten zu lassen, nur, um Herrn von Kemnitz, der ja infolge seiner Abwesenheit nicht über alles unterrichtet sein und werden konnte, zu schützen, nicht aber, um ihn, wie Sie es jetzt hinzustellen versuchen, zu kompromittieren! Frau Dr. Ludendorff sagte Ihnen ja auch ausdrücklich, wie leicht "ideelle Motive" von der Mitwelt mißdeutet werden können. Und wie recht sie damit hatte, das beweisen ja Sie, von dem man es am Allerwenigsten hätte erwarten sollen, nur zu offensichtlich.
Über Asko von Kemnitz heißt es von Seiten eines Ortschronisten (5):
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde unter Bürgermeister Asko von Kemnitz ein Neuanfang unter demokratischen Vorgaben der amerikanischen Besatzungsmacht gemacht. In seiner bis 1960 reichenden Amtsperiode erfolgten viele wichtige Weichenstellungen für die Zukunft. Das Hauptaugenmerk wurde auf den Aufbau einer funktionierenden demokratischen Verwaltung sowie auf die Notwendigkeit der Unterbringung und Integration der Flüchtlinge gelegt, deren Zuzug für ein rasches Ansteigen der Bevölkerungszahl sorgte, für die jedoch kein ausreichender Wohnraum zur Verfügung stand. Im Lauf der 50-er Jahre konnte dieses zentrale Problem der Nachkriegsjahre bewältigt werden, als eine intensive Wohnungsbautätigkeit die endgültige Niederlassung der Heimatvertriebenen ermöglichte und ihre Existenz auf eine dauerhafte Grundlage stellte.
In den Jahren 1958 bis 1962 wurde der Ausbau der Ortsstraßen vorgenommen, die Ausgemeindung der Hipp-Siedlung 1959 nach Pfaffenhofen brachte eine bedeutende Änderung der Gemeindegrenzen.
Nachfolger von Kemnitz’ wurde im Jahr 1960 Josef Scheller, der bis 1981 der Gemeinde vorstand. 
Im August 1948 hat Mathilde Ludendorff einen Brief an ihren Sohn Asko geschrieben, aus dem ihre finanzielle Mitbeteiligung an der von ihm betriebenen Mühle hervorgeht:
Tutzing, den 13. 8. 48
Lieber Asko,
Fünf Wochen dauert diesmal schon die Plage der angreifenden Rückenneuralgieen. Zwar sind die Attacken nun nicht mehr so häufig aber es ist doch sehr unwahrscheinlich, daß ich mit nach Hettenhausen kommen kann. Ich muß alles tun, daß die Sache nicht chronisch wird und immerfort bei Nahen einer Attacke auf Heizkissen liegen. Ich hoffe nur eines, daß ich am 1. September zur Erholung auf die Hütte kann. Dies wird um so notwendiger, als der Oberstaatsanwalt gesagt hat, meine nun auch auf alle Kritik am Christentum ausgedehnte Anklage werde in zwei bis drei Monaten fertig sein.
Mit Hütte wird die Berghütte in Klais gemeint sein. Ansonsten geht es hier um die Spruchkammer-Anklage. Weiter schreibt sie:
Du wirst den Geschwistern also vielleicht allein Deine schöne, zu einem gewissen Abschluß gekommene Leistung zeigen und ihnen ein Bild der Lage geben und ich bitte Dich mir, wenn Du in den nächsten Wochen nach München kommst, hier in Tutzing auch die Lage selbst zu schildern, falls ich unmöglich kommen kann. Ich habe Dir ja schon bewiesen, daß ich, vorbehaltlich aller meiner Rechte in dem festen Vertrauen darauf, daß Du zunächst noch vor einer Unmöglichkeit stehst, die Rente dem Betrag gemäß auszuzahlen, die fehlenden 2/5 nicht angemahnt habe. Aber selbstverständlich muß ich in dieser Sache auch selbst bald ganz klar sehen. Wenn ich, was mir sehr wahrscheinlich ist, nicht nach Hettenhausen kommen kann, werde ich mir mit Freuden Deinen mühereichen Aufbau ansehen, wenn ich im Herbste hoffentlich ganz gesund sein werde. Ich bitte Dich, diesen Brief auch den Geschwistern bei der Besprechung vorzulesen und bin mit viele herzlichen Grüßen
Deine ...
Über das weitere Schicksal des "Heidenschatzes" berichtete Franz von Bebenburg im Oktober 1980 (7):
Antwort der Schriftleitung

Hannover. In Ihrem Brief heißt es: "Es ist eben nicht alles kerngesund, was sich völkisch nennt und vorgibt, im Sinne des Hauses Ludendorff mutvoll zu handeln. Ich sage nur: "Heidenschatz!"

Aus Ihren Worten ist zu schließen, daß noch immer Gerüchte über Verbleib und Verwendung von "Ludendorffs Heidenschatz" vor dreißig Jahren herumspuken. Für diejenigen, die so wißbegierig sind, hätte es nahegelegen, die Verwalter des Heidenschatzes, Frau Dr. Ludendorff und Herrn Dr. Edmund Reinhard, zu ihren Lebzeiten danach zu fragen.

Da mit der Verwaltung nicht beauftragt, ist meine Kenntnis beschränkt. Ich erhielt lediglich nach der Währungsreform, und zwar m.W. im September 1948 den Auftrag, bei der zuständigen Behörde (Finanzamt für Körperschaften) in München den Antrag auf Freigabe des Bankkontos des Bundes für Gotterkenntnis und des Heidenschatzes zu stellen. Aus dem abgewerteten Reichsmarkvermögen von rund RM 100 000 ergab sich eine Freigabequote von DM 6000,-, die später noch etwas erhöht wurde. Ferner besaß der Bund bzw. der Heidenschatz eine Grundschuld über 60 000 Reichsmark. Diese wurde, wie alle Hypotheken und Grundschulden, auf 10 % abgewertet; die daraus fließenden DM 6000 erhielt der Bund bzw. Heidenschatz zurück. Die übrigen 90 % der Schuldsumme gingen in den Besitz des Lastenausgleichsfond über.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, wofür die zwölf- bis fünfzehntausend DM verwendet worden sind. Ich nehme jedoch an, daß sie zur Bestreitung der Kosten des mehrjährigen Spruchkammerverfahrens und für den Lebensunterhalt Frau Dr. Ludendorffs dienten, da ihr 1945 die Offizierswitwenpension entzogen und erst Anfang der 60er Jahre wieder zuerkannt worden war. Diese Verwendung war doch wohl vollauf gerechtfertigt.
1949

Im Jahr 1949 wurde Alexander von Kemnitz (1949–1990), ein Sohn von Asko von Kemnitz, geboren. Von diesem stammt wiederum ein Maximilian von Kemnitz ab (*1976). Beide wählten den Beruf des Diplomkaufmanns (2, 4).

1954

Im Zuge seiner Amtstätigkeit als Bürgermeister weihte Asko von Kemnitz 1954 auch
eine Gedenktafel zu Ehren der gefallenen und vermißten Kameraden des 2. Weltkrieges
ein (Paffenhofen.de). Sie
wurde im Vorraum der Hettenshausener St. Johannes Kirche installiert und von Hochw. Herrn Pfarrer Ebner aus Ilmmünster eingeweiht. Die Festansprache anläßlich dieser ersten großen Nachkriegsfeier in der Gemeinde hielt der damalige Bürgermeister Asko von Kemnitz. 
Soweit die bisher zusammenstellbaren Hinweise auf den "Heidenschatz", die Mühle in Hettenshausen und die damit zusammenhängende Biographie von Asko von Kemnitz. Dieser Beitrag dient nur der Dokumentation. Eine Bewertung und geschichtliche Einordnung des hier Zusammengestellten ist damit bis auf weiteres nicht beabsichtigt.

___________________________________________________
  1. von Bebenburg, Franz: Analyse zu Briefen des Herrn Walter Löhde. Rundbrief an Freunde. Pähl, o.D. [März 1962] (21 S.)
  2. Radler, Rudolf, „Ludendorff, Mathilde, geborene Spieß“, in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 290-292 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd11857485X.html
  3. o.N.: Am heiligen Quell Deutscher Kraft. In: Der Spiegel, 23.06.1949
  4. Brief aus dem Umkreis eines Urenkels von Mathilde Ludendorff an den Verfasser dieses Beitrages vom 28.12.2011
  5. Sauer, Andreas: Hettenshausen im 20. Jahrhundert  Ein Rückblick anlässlich der 1200 Jahrfeier 1998. Pfaffenhofen.de 
  6. Akten-Zusammenstellung (zum "Fall" Walter Löhde). Mit einem Nachwort von Franz von Bebenburg. Pähl 1962 (als Manuskript, 42 S.)
  7. von Bebenburg, Franz: Antwort der Schriftleitung. In: Mensch & Maß, Folge 20, 23.10.1980, S. 958f
  8. o. V.: Wer kennt die Heidenschatzspende? In: "Mensch & Maß" (Zeitschrift), Folge 6, 23.3.2011, S. 288

Samstag, 4. Oktober 2014

April 1935 - Erich Ludendorff als Gesprächspartner des militärischen Widerstandes gegen Hitler (II)

Aufsatz in zwei Teilen (dies ist Teil 2 - hier: Teil 1)

Nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 2. August 1934 ist Erich Ludendorff vielfach von den Spitzen des deutschen Staates und der Wehrmacht umworben worden. Er stand aber zugleich in einem scharfen Spannungsverhältnis zu diesen. Das Ergebnis umfangreicher Verhandlungen Erich Ludendorffs mit der Wehrmachtspitze, insbesondere mit Ludwig Beck, lautete für Ludendorff: "Die Wehrmacht wird bald die abgelehnteste Einrichtung im ganzen Deutschen Reich sein." Und in der Tat sollte sich das ja, nachdem mancherlei Beschönigungen der Wehrmacht in den Nachkriegsjahrzehnten (u.a. um die Wiederbewaffnung besser vorantreiben zu können),  überwunden worden waren, spätestens mit und seit der Wehrmacht-Ausstellung des Jahres 1995 recht deutlich bewahrheiten.

Warum empfing Ludendorff ausgerechnet SA-Brigadeführer?

Das Foto von Abbildung 14 ist in dem schon zitierten Bericht ebenfalls veröffentlicht worden (2, S. 69) ("Aufnahme Hanno von Kemnitz"). Es wird in dem Bericht folgendermaßen erläutert (2, S. 60 - 71):
Die öffentliche Feier durch die Huldigung der Wehrmacht des Reiches begann um 11 Uhr. (...) Pünktlich trafen die Herren Reichswehrminister v. Blomberg und der Chef der Heeresleitung General d. Art. v. Fritsch am Hause des Feldherrn ein. Major v. Treuenfeld, der im Großen Hauptquartier gewesen und für diesen Tag wieder Adjutant des Feldherrn war, empfing sie und geleitete sie in das Haus. Dort stand der Feldherr in der Uniform, die er im Weltkriege getragen hatte, geschmückt mit den höchsten Kriegsorden der Länder des Deutschen Vaterlandes in seinem Arbeitsraum (...). In der jugendlichen Frische eines Fünfzigjährigen empfing er an seinem 70. Geburttag in tiefer Bewegung die Vertreter der Deutschen Wehrmacht, mit der er nun endlich wieder geeinigt war.
Abb.: Ein Mann mit Blumenstrauß neben dem Ehrenposten (aus einer privaten Bildserie, Herkunft: Ebay, Oktober 2014)
Dass man aufgrund der Jugendlichkeit des Generals noch mit einem langen Leben seinerseits - und damit mit ihm überhaupt - rechnen müsse, mehr als mit einem greisen von Hindenburg, konnte - und sollte sicherlich - als ein Signal gegenüber dem Diktator selbst und seiner Umgebung verstanden werden. So auch das folgende:
Niemand von den Wenigen, die von dem Nebenraume aus diesen feierlichen Augenblick miterleben durften, wird ihn je vergessen. Die kurzen Worte der Ehrung, die der Reichwehrminister v. Blomberg in der Öffentlichkeit am 17. März gesprochen hatte, lagen auf seinen Zügen und auf denen des Chefs der Heeresleitung, als sie in diesem feierlichen Augenblicke dem großen Feldherrn gegenüberstanden.
(...) Ganz so, wie in den Vorzeiten unseres Volkes, als jedes Wort noch schweres Gewicht hatte, sprach der Reichswehrminister, jedem Worte seine Nachwirkung lassend, mit feierlicher Gemessenheit.
Abb.: Mathilde Ludendorff mit Enkelsohn und General Bronsart von Schellendorf schreiten am Ehrenposten vorbei, offenbar auf dem Weg zur Besichtigung der Ehrenformation (aus einer privaten Bildserie, Herkunft: Ebay, Oktober 2014)
Dann begaben sich die Anwesenden nach draußen (Abb. 6) zum Abschreiten der Ehrenkompanie (Abb. 7 - 9):
Der Feldherr begrüßte die auf dem rechten Flügel der Ehrenkompagnie stehenden unmittelbaren Vorgesetzten derselben, darunter als ersten Generalleutnant Adam, den Befehlshaber des Wehrkreiskommandos 5, Generalleutnant Eberth, dessen Geschwader in der Luft kreiste. (...)
Nach dem Abschreiten der Ehrenkompanie wurde ihr Vorbeimarsch abgenommen. Dann ...
... begaben sich der Feldherr und seine Gäste wieder in sein Haus zurück. Er hatte hierhin auch die Vorgesetzten der Kompagnie und des Flugzeuggeschwaders gebeten. (...) Die Regimentsmusik (...) trug (...) den Preußischen Präsentiermarsch, das Vorspiel aus den Meistersingern, das der Feldherr so oft bei feierlichen Gelegenheiten in Berlin in Gegenwart des Kaisers gehört hatte und den Hohenfriedberger Marsch vor.

Hier sei einmal ein Tonbeispiel des Vorspiels zu den Meistersingern eingestellt (Yt.) Während dieses Ständchens wird dann auch das Foto aus Abbildung 18 entstanden sein.

Abb.: Mathilde Ludendorff mit Enkelsohn, General Bronsart von Schellendorf und im Hintergrund Frieda Stahl (?) (wohl) auf dem Weg zur Besichtigung der Ehrenformation (aus einer privaten Bildserie, Herkunft: Ebay, Oktober 2014)
Auf ihm sieht man, wenn man es mit dem damit verbundenen Text (2) abgleicht, von links nach rechts: 1. die Hausherrin Mathilde Ludendorff, 2. "Geburtstagskind" Erich Ludendorff, 3. der Chef der Heeresleitung Generaloberst Werner von Fritsch, 4. Generalleutnant Franz Halder (Besuch erwähnt in späterem Beitrag), 5. ... , 6. der Reichswehrminister Generaloberst Werner von Blomberg, 7. ...  und 8. Generalleutnant Bronsart von Schellendorff. Der letztere war ein Freund Ludendorffs seit Jugendtagen und Nachfolger Hierls als Leiter des Tannenbergbundes gewesen. Außerdem dürften sich auf dem Foto finden wie angeführt Generalleutnant Wilhelm Adam, der Befehlshaber des Wehrkreiskommandos in München (wohl 5.), Generalleutnant Karl Eberth, Befehlshaber des Luftkreiskommandos 5 (wohl 7.), sowie der unmittelbare Vorgesetzte der gestellten Ehrenkompanie.

Weiter heißt es in dem Bericht:
Nachdem die letzten Klänge verrauscht waren, verabschiedeten sich die Offiziere bis auf die Generale v. Blomberg und Fritsch von dem Feldherrn und seiner Gattin. (...)
In kleinstem Kreise hatten dann der Feldherr und seine Gattin noch die Freude, den Herrn Reichswehrminister und den Herrn Chef der Heeresleitung zu einem Frühstück bei sich zu sehen und mit ihnen wertvolle Erinnerungen und Gedanken auszutauschen.
Um 1 Uhr 30 verließen die Herren das Haus.
Damit ist aber nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Bericht von dieser Feier des 70. Geburtstages Erich Ludendorffs gegeben. Insbesondere sprach Ludendorff auch während der Anwesenheit der beiden höchsten Offiziere des Deutschen Reiches zu den im Garten versammelten Anhängern seiner Weltanschauung, denen er auch die übrige Zeit seines Geburtstages widmete. Nachmittags weilten Offiziere des alten Heeres bei Ludendorff.

Kronprinz Wilhelm begeistert von der Philosophie Mathilde Ludendorffs

Abb.: Kronprinz Wilhelm mit Enkelkind, 1934
Was in keinem öffentlichen Bericht erwähnt wurde, ist die Tatsache, daß unter den Besuchern des Nachmittages sich auch der Kronprinz Wilhelm befand, der seinen Besuch bis in die späten Abendstunden hinein ausdehnte, wie Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen berichtet, und Kriegserinnerungen mit Ludendorff austauschte. Unmittelbar nach seinem Besuch sollte er sich in einem Brief an seinen Vater, den abgedankten Kaiser in Doorn in den Niederlanden begeistert über die Philosophie von Mathilde Ludendorff äußern (Stud. Nat., 04/2015). Das geht aus Aufzeichnungen von Sigurd von Ilsemann hervor, der bis 1941 in der Nähe des Kaisers in Holland lebte. Er schrieb am 27. April 1935 in sein Tagebuch:
Der Kronprinz hat seinem Vater jetzt nach seinem Besuch bei Ludendorff begeistert von diesem Ehepaar und ihrer vernünftigen Religion geschrieben, die allerdings nur für wenige sehr Gebildete geeignet sei.
Ein Umstand, der Mathilde Ludendorff selbst so deutlich offenbar nie bekannt geworden ist. Doch betonte auch sie - noch anlässlich des Todes des Kronprinzen 1951 - das herzliche Verhältnis, das der Kronprinz Ludendorff gegenüber zeitlebens einnahm und nach dem Tod Erich Ludendorffs auch auf sie als seiner Witwe übertrug (Stud. Nat., 04/2015).

Die Festrede von General Ludwig Beck im Radio

General Ludwig Beck hatte an diesem Besuch vom 9. April 1935 nicht teilgenommen. In dem genannten Bericht heißt es aber weiter (2, S. 73f):
Es war Abend geworden, als auch diese Feier (mit den Offizieren des alten Heeres) ihren Abschluss gefunden hatte. Nur wenige Minuten gehörte der Feldherr dann seiner Familie, ehe er sich die Übertragung der Festrede, die der Chef des Truppenamtes, Generalleutnant v. Beck, am Deutschlandsender hielt, anhörte. Ernst lauschte der Feldherr den Worten des Kameraden, die in so wundervoller, militärisch gedrängter, aber plastischer, prägnanter Sprache die gewaltige Leistung des Feldherrn vor und während des Weltkrieges dem gesamten Volke anschaulich machte. Es war ergreifend, den tiefen Ernst zu sehen, mit dem der Feldherr den Worten lauschte und immer dann beifällig nickte, wenn wieder einmal die Kriegslage und Leistung durch die Wortgestaltung des Generals der jungen Wehrmacht den Nagel auf den Kopf traf. Und eben deshalb, weil hier Wahrheit in markiger und schlichter Sprache an des Feldherrn Ohr drang, war ihm, wie er aussprach, diese Festrede ein so schöner Höhepunkt der Feier.
Feierstunde in München
Abb. 21: "Eintrittskarte zur Feierstunde (...) in der Tonhalle zu München"
Es gibt auch (Abb. 21) Eintrittskarten
zur Feierstunde zum 70. Geburttag des Feldherrn Erich Ludendorff  (...) nachmittags 5 Uhr in der Tonhalle zu München.
Diese ist wohl ohne den zu Feiernden, also ohne Erich Ludendorff, veranstaltet worden.

Abb.: Liederblatt, verteilt für die "Feierstunde" in der Tonhalle in München
Die Eintrittskarte Nummer 0011 für RM 0.80 wurde aufgehoben zusammen mit dem offenbar dort verteilten Liedblatt (Ebay-Angebot, November 2015). Auf diesem Liedblatt sind zwei Liedtexte abgedruckt, nämlich "das Lieblingslied des Feldherrn" "Ich hab mich ergeben". Dieses Lied wurde 1949 auch anlässlich der Verabschiedung des deutschen Grundgesetzes anstelle einer Nationalhymne gesungen. Außerdem das von Erich Ludendorff selbst gedichtete "Kampflied der Deutschen Abwehr". Es handelt sich um ein Lied gegen den Jesuitenorden nach der feierlichen Melodie des "Altniederländischen Dankgebetes", die bis heute einen Teil des militärischen Zapfenstreiches bildet ("Wir treten zum Beten"). Ludendorffs Wortlaut:
Der Schwarze, die Deutschen zu Falle zu bringen,
schleicht hassend und trugvoll durchs arglose Reich
und suchet durch List die Gewalt zu erringen
und Freie zu fällen mit tödlichem Streich.
Ausharret und kämpfet im härtesten Streite,
mit Schanden in Banden des Schwarzen nicht fallt!
Der Tapfere zwingt sich den Frevler zur Beute
zur Rettung des Volkes aus Pfaffengewalt.
Vertraut nur euch selber, hofft nichts von Gebeten,
den Würger vertreibt allein tatfrohe Kraft.
Den Stolzen und Starken, von Schleichern getreten,
entflammet der Zorn, der jetzt Freiheit uns schafft!
Man mag es bemerkenswert finden, dass dieses Lied offenbar im April 1935 in München in öffentlicher Versammlung gesungen wurde und werden konnte.

"Ich habe dem Feldherrn heute persönlich die Hand gedrückt ..."

Abb.: Postkarte, 1935
Ein kurioses Zeitzeugnis jenes Tages aus der Ludendorff-Anhängerschaft ist im Handel mit historischen Postkarten aufgetaucht. Eine in Berlin aus Anlass dieses Tages vom Berliner Verlag Schubert & Co./Verlags-G. m. b. H. gedruckte Postkarte, die sicherlich sehr selten ist. (Dieser Verlag gab technische Schriften heraus, die in der "Elektrotechnischen Zeitschrift" besprochen wurden.) Die Postkarte trägt auf der Vorderseite in Fraktur Worte eines sonst nicht bekannten Menschen namens Walter Pfleger:
9. Ostermonds 1935.
Zum 70. Geburtstage des Feldherrn des Weltkrieges!
Nicht Worte genug, zu künden seiner Taten Zahl,
.. im Kampfe um des Reiches Bestand,
um die Freiheit der Deutschen Seele!
Deutscher! Es gibt für dich keine andere Wahl,
willst frei du sein .. und dich wieder erheben zur Größe! 
Abb.: Rückseite der Postkarte, 1935
Diese Karte ist auf der Rückseite handschriftlich offenbar von einem Herrn Eggert an seine Tochter in Berlin gerichtet:
Frl. Lieselotte Eggert
bei Herrn Postrat (?) Schmitt
Berlin-Steglitz, Wrangelstr. 10 II
München-Tutzing, 9.4.35.
Liebe Lotte! Ich habe dem Feldherrn heute persönlich die Hand gedrückt zu seinem 70. Geburtstage. Das heutige Ereignis werde ich nie vergessen. Herzlichen Gruß und Kuß! Dein Vater
Grüße Familie Schmitt. Morgen Heimfahrt.
Ludwig Becks monatelanges, fast tägliches geduldiges Bemühen um Ludendorff (1935)

In der Folgezeit war es nun vor allem General Ludwig Beck, der zu jenen innerhalb der Wehrmachtführung gehörte, die sich am intensivsten um Ludendorff bemühten. Der Historiker Klaus-Jürgen Müller hat für seine wissenschaftliche Biographie (1) erstmals sehr gründlich den Nachlaß eines Obersten Robert Holtzmann ausgewertet, der im Bundesarchiv in Koblenz aufbewahrt wird. Robert Holtzmann, ein früherer Landesleiter Norddeutschland des Tannenbergbundes, wohnte in den 1930er Jahren in Berlin und fungierte als der "Verbindungsmann" zwischen General Ludwig Beck in Berlin und dem pensionierten General Ludendorff in Tutzing. Wie aussagekräftig dieser Nachlass ist, ist von Klaus-Jürgen Müller zum ersten mal in vollem Umfang herausgearbeitet worden.*)


Abb. 5: Robert Holtzmann - ganz rechts - auf der Landesverbandstagung des Tannenbergbundes am 3. und 4.12.1932 neben Erich und Mathilde Ludendorff
Die Auswertung dieses Nachlasses bezüglich der Kontakte zwischen Ludwig Beck und Erich Ludendorff ergibt - so der Autor der Beck-Biographie -, dass Beck vom Frühjahr 1935 bis Anfang 1936
"monatelang, zum Teil täglich, in der Ludendorff-Sache tätig"
gewesen ist, dass hier ein
"langes, geduldiges Bemühen um Ludendorff"
vorlag (1, S. 157). Klaus-Jürgen Müller spricht von dem "umfangreichen Briefwechsel zwischen Ludendorff und seinem Beauftragten Holtzmann". Dieses Bemühen hat sich dann letztlich als gescheitert erwiesen. In ihm spiegeln sich aber doch sehr gut die Interessen aller Beteiligten wieder. 

Abb. 22: Fritsch und Beck, Manöver (1937)
Angestrebt war von seiten der Wehrmachtführung, so Autor Müller, Ludendorff "als eine Art Ersatz-Hindenburg" "vor den Wagen der Wehrmacht zu spannen". Auch gegen Hitler, auch bei dem Anstreben einer Militärdiktatur, also bei einem Staatsstreich gegen Hitler. Dazu ließen sich noch viele Details aus dieser neuen Biographie anführen. (- Rechts im Bild, Abb. 22, die Generäle von Fritsch und Beck während eines Wehrmacht-Manövers im Sommer 1937.)

Ludwig Beck hat die persönliche Widmung, die Erich Ludendorff in das Exemplar seines Buches "Mein militärischer Werdegang" für Ludwig Beck geschrieben hatte, noch mehrmals später in eigenen militärischen Studien zitiert und sich damit zueigen gemacht. Auch sonst geht aus vielem hervor, dass Ludwig Beck sich zumindest bemüht hat, sich in die militärischen - aber auch in die weltanschaulichen und politischen - Gedankengänge Erich Ludendorffs hineinzufinden.

Dass er allerdings so von der Philosophie Mathilde Ludendorffs begeistert worden wäre wie der deutsche Kronprinz, dafür gibt es einstweilen kein Zeugnis.

Staatsstreich der Wehrmacht: Mit Ludendorff gegen Hitler?

Mehrmals bezieht sich die Biographie - und damit wohl ebenfalls erstmals in der Forschung - auf die eidesstattliche Erklärung von Mathilde Ludendorff nach dem Zweiten Weltkrieg über die Kontakte Erich Ludendorffs zu den Generälen. Und die Biographie betont, dass die inhaltliche Aussage dieser eidesstattlichen Erklärung nicht im Widerspruch steht zu dem, was sonst über das Verhältnis zwischen Ludendorff und der Wehrmachtsgeneralität bekannt geworden ist. Diese eidesstattliche Erklärung benennt jedoch vieles noch deutlicher und konkreter, als es aus den sonstigen, überkommenen schriftlichen Zeugnissen hervorgeht oder auch nur hervorgehen konnte.

General von Fritsch fragte anlässlich eines weiteren persönlichen Besuches in Tutzing am 11. Februar 1936 Ludendorff, ob dieser denn nicht seinen weltanschaulichen Kampf einstellen könne. Also seinen Aufklärungskampf gegen die von ihm so genannten "überstaatlichen Mächte" und für die nichtchristliche, am Evolutionsgedanken orientierte Philosophie seiner Frau Mathilde Ludendorff. Wer sich mit diesem weltanschaulichen Kampf und mit der Person Erich Ludendorff nur ein wenig beschäftigt hat, muss sich schon von vornherein über die Naivität dieser Frage von Seiten des Generals von Fritsch wundern. Allerdings konnte ein pensionierter General unter den Verhältnissen des Dritten Reiches eine solche Frage von seiten eines sich in einer Machtstellung befindlichen Generals auch als eine Drohung empfinden. Ludendorff jedenfalls scheint gerade auch solche Fragen deutlich gemacht zu haben, dass er seine bis dahin immer intensiver werdenden Beziehungen zu den Wehrmacht-Generälen baldmöglichst beenden müsse.

Ludendorff lehnt "Verantwortung ohne Macht" ab

Im Grunde hatte von Fritsch an Ludendorff die Forderung gestellt, sein sehr energisch vertretenes Recht auf Meinungsfreiheit innerhalb der NS-Diktatur nicht mehr weiter in Anspruch zu nehmen. Mathilde Ludendorff sagte zu Robert Holtzmann laut Tagebuch-Eintrag desselben nach dem Besuch Ludwig Becks in Tutzing im Dezember 1935:
"Sorgen Sie dafür, dass mein Mann nicht hineingezogen wird. Jetzt soll er nur wieder vor den Wagen der Wehrmacht gespannt werden, damit es wieder heißen kann: Alle Schuld auf Ludendorff. So wie 1918, 1920, 1923, so auch jetzt wieder!"
Ludendorff lehnte, wie er Holtzmann sagte, "Verantwortung ohne Macht" ab. Weitere Ausschnitte aus dem Holtzmann-Nachlass wie sie in den Anmerkungen zitiert werden, zeigen, dass dieser Nachlass noch vieles weitere, bislang Unveröffentlichte enthalten könnte, das sich als geschichtlich bedeutsam erweisen könnte. Etwa Anmerkung 217: Am 29. 11. 1935 schrieb Robert Holtzmann an Erich Ludendorff,
General Beck werde sich für das Buch "Der totale Krieg" bei Blomberg kaum verwenden. Er habe geäußert, er selbst habe das Buch zwar mit größtem Interesse gelesen, es sei hervorragend und glänzend, die gesamten Ausführungen seien ideal gedacht, aber "es sei eben alles von der überragenden Warte eines Ludendorff aus gesehen und auf ihn zugeschnitten".
So schreibt ein Beck, der sich in einem kommenden Krieg als ein Nachfolger Ludendorffs ansehen musste. Im Januar 1936, als jene Durchbruch-Strategien, die in den Anfangsjahren des Zweiten Weltkrieges dann tatsächlich verwirklicht werden sollten, in den Planungsstäben der Wehrmacht durchdacht wurden, sagte Beck über seinen Vorgänger Ludendorff aus dem Ersten Weltkrieg noch deutlicher (1, S. 611, Anm. 218):
"General Ludendorff ist uns hundert Kilometer voraus und nun verlangt er, wir sollten mit ihm Schritt halten."
Beck bezog dieses "hundert Kilometer voraus" sicher auf die in damaligen Büchern, in Ansprachen und in persönlichen Gesprächen geäußerten Ansichten Ludendorffs über die aktuellen politischen, militärpolitischen und nicht zuletzt auch weltanschaulichen Fragen. Fragen der Weltanschauung sah Ludendorff in einem Maße in Zusammenhang stehen mit politischen und militärpolitischen Fragen, wie das wohl nur von wenigen Militärs zuvor oder nachher getan worden ist. Schon allein sein Kirchenaustritt bewies dies ja aller Welt. Damit kamen seine militärischen "Standesgenossen" noch 1936 letztlich gar nicht zurecht. Obwohl hinwiederum das Beispiel des deutschen Kronprinzen zeigt, dass man auch unter solchen "konservativen Knochen" einige geistige Aufgeschlossenheit nicht völlig unrealistischerweise hat voraussetzen können.

Die Wehrmacht wird bald "die abgelehnteste Einrichtung im ganzen Deutschen Reich sein" - Ludendorff 1936

Bis zur Veröffentlichung und Neuveröffentlichung der Beck-Biographie war auch die folgende prophetische Äußerung Ludendorffs aus dem Februar 1936 unbekannt geblieben (1, S. 168):
"Die Wehrmacht sei eben ein Hort 'christlicher Reaktion'. Sie werde, so prophezeite er, daher bald 'die abgelehnteste Einrichtung im ganzen Deutschen Reich sein und die gleiche Ablehnung erfahren, wie es heute oft der regierenden Partei passiert. Die Wehrmacht verdient diese Ablehnung nicht unverdient. Ich habe jedenfalls einen Schlussstrich der Wehrmacht gegenüber gezogen'."
Man möchte diesen Satz fast zu jenen prophetischen Aussprüchen Erich Ludendorffs rechnen, von denen es noch mehrere weitere gibt. Denn das ist doch eigentlich genau jene Perspektive auf die Wehrmacht, wie sie die Mehrheit der deutschen Historikerschaft mit mancherlei Berechtigung heute ebenfalls eingenommen hat. Nämlich dass das bigotte Christentum, das viele führende Generäle pflegten, ihnen keine ausreichende Kraft gab, sich gegen die Diktatur des Dritten Reiches in einem Staatsstreich aufzulehnen. Ludendorffs diesbezügliche "Prophetie" hat sich schlichtweg bewahrheitet: Die deutsche Wehrmacht erfährt in der heutigen deutschen Öffentlichkeit tatsächlich fast die gleiche Ablehnung, wie die damals regierende Partei. Tatsächlich erkennt die Geschichtswissenschaft nach einem Generationen-Wechsel unter der Historikerschaft immer besser, wie sehr die Wehrmacht eben vor wie nach 1933, vor wie nach 1939 nicht genügend Widerstand geleistet hat gegenüber den nationalsozialistischen Verbrechen, und wie wenig sie sich auch als immun erwiesen hat gegenüber der Beeinflussung durch die nationalsozialistische Mordmoral.

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*) Im Bundesarchiv Koblenz liegt laut Nachlassdatenbank der "Teilnachlaß 2" vor, die Jahre nach 1934 betreffend. Der Holtzmann-Nachlaß, der die Jahre vor 1934 betrifft, liegt an der Stanford-Universität in Kalifornien in der "Hoover Institution" (einer amerikanisch-konservativen "Gedankenschmiede" ["Think-Tank"]). Eine Übersicht über die Bestände (pdf.) zeigt die große Zahl der Briefpartner Holtzmanns auf, etwa: Blomberg (1935, 1936), Bormann (1935), Fritsch (1932, 1934), Goebbels (1933), Heß (1935), Himmler (1936). Außerdem engere Mitarbeiter Erich Ludendorffs wie Walter Löhde (1935), Bronsart von Schellendorf (bis 1932), Robert Schneider (1936) und viele andere mehr.

(Erster Entwurf 14.10.2009; letzte Einfügungen: 30.8., 12.9.2014, 27.11.2015)

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  1. Müller, Klaus-Jürgen: Generaloberst Ludwig Beck. Eine Biographie. Hrsg. mit Unterstützung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Potsdam. Ferdinand Schöningh, Paderborn u.a. 2008, 2. durchgesehene Auflage 2009
  2. o. N. (wohl Mathilde Ludendorff): Des Feldherrn 70. Geburttag. Der Verlauf der Feier. In: Quell, 6. Jg. Folge 2, 20.4.1935, S. 52 - 74 (Scribd)
  3. Katta, Peter: SA Düsseldorf (Brigade 75). Auf: AxisHistory-Forum, 11.4.2007
  4. Wallraff, Horst: Friedrich Karl Florian (1894-1975), Gauleiter der NSDAP. Auf: Rheinische-Geschichte [8.1.12]
  5. historicimages-store: 1935 Press Photo Picture Erich Ludendorff April Day Few. Ebay-Angebot für 8 US-Dollar, Ablauf am 15. August 2012
  6. Tuohy, Ferdinand: Ludendorff Re-Emerges. In: The Sphere (UK weekly news magazine). A 1937 issue. Ebay-Angebot für 8,99 britische Pfund von "devonian35", [18. Juli 2012]
  7. Nebelin, Manfred; Blasius, Rainer A.: Stratege in eigener Sache. In: FAZ, 20.12.2012
  8. Müller, Klaus-Jürgen: General Ludwig Beck. Studien und Dokumente zur politisch-militäri­schen Vorstellungswelt und Tätigkeit des Generalstabschefs des deutschen Heeres 1933- 1938, Boppard a. Rhein 1980 (= Schriften des Bundesarchivs Bd. 30) 

Sonntag, 31. August 2014

Mein Großvater - Ein Leben in den Bergen

Jahrgang 1892 - Die österreichische Generation der Frontsoldaten

Am 20. und 21. Juli 1936 ging ein Aufschrei durch die internationale Presse von Berlin über Paris, London bis nach New York und Sydney: Ein erneuter Versuch der Erst-Durchsteigung der Eiger-Nordwand war gescheitert. Das "Drama an der Nordwand": Alle vier beteiligten Bergsteiger waren ums Leben gekommen. Ein guter Bergsteigerkamerad meines Großvaters, der Salzburger Edi Rainer, war einer der vier Toten.

Dieses Drama ist in den vielen Jahrzehnten seither vielfach literarisch und filmisch aufgearbeitet worden. Unter anderem mit Schauspielern wie Luis Trenker (1962), Clint Eastwood (1975) oder Benno Führmann (2008) (9-13). Schon im Vorjahr, 1935, hatte der erste Versuch einer Durchsteigung in den Schweizer Alpen ein tödliches Ende gefunden. Seit dieser Zeit heißt eine Stelle in der Nordwand das "Todesbiwak".

Abb. 1: Ölgemälde meines Großvaters Wilhelm Schaufler (1892-1950)
Vom 1. bis 16. August 1936 sollten die Olympischen Sommerspiele in Berlin stattfinden. Und Adolf Hitler hatte für die Erstdurchsteiger der Eiger Nordwand eine Goldmedaille ausgesetzt. Auf Wikipedia wird weiterhin über die politische Bedeutung dieses Dramas berichtet:
Der deutsche Botschafter in Österreich, Franz von Papen, unterzeichnete am 11. Juli 1936 das sogenannte Juli-Abkommen mit Österreich, das von Deutschland als Vorstufe zum Anschluss Österreichs gesehen wurde. Die deutsche Propaganda nahm mit Freude die Nachricht auf, dass am Fuß des Eigers Seilschaften aus Deutschland und Österreich darauf warteten, in die Wand einsteigen zu können. Ein gemeinsamer Aufstieg und Gipfelsieg wäre ein willkommenes Symbol auch für einen Zusammenschluss auf politischer Ebene gewesen.
Bei den vier Toten handelte sich um Toni Kurz aus Berchtesgaden und Andreas Hinterstoißer aus Bad Reichenhall, 23 und 21 Jahre alt. Diese beiden leisteten damals als Gebirgsjäger Dienst in Bad Reichenhall. Außerdem handelte es sich um die beiden Österreicher Willy Angerer und Edi (Eduard) Rainer, 24 und 27 Jahre alt. Edi Rainer war - wie gesagt - ein guter Bergkamerad meines damals fünfzehn Jahre älteren Großvaters. Mein Großvater, der damals in Zell am See lebte, sammelte deshalb alle ihm erreichbaren Zeitungsberichte über diese Tragödie.

Abb. 2: Edi Rainer links, Willy Angerer rechts
Und wenn man das bescheidene, zurückgenommene Gesicht von Edi Rainer auf einem überlieferten Foto sieht (Abb. 2), dann kann man sich schon denken, dass er und mein Großvater sich gut verstanden haben. (Und es wird einem dann auch schon hierbei klar, dass die Darstellung dieser beiden Menschen in dem Benno Führmann-Film aus dem Jahr 2008 mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben kann.) In einem von meinem Großvater aufgehobenen Zeitungsartikel vom 24. Juli 1936 ("Nr. 168", wohl aus den "Salzburger Nachrichten" oder ähnlich) wird das Schicksal von Edi Rainer ausführlich behandelt. Er war laut dieses Berichtes
ein Salzburger, der vor etwa zwei Jahren nach Deutschland geflüchtet ist. Der 26jährige Eduard Rainer, Handelsangestellter in Salzburg, galt allgemein als ein vorzüglicher Alpinist und Skiläufer. Es war für seine hochachtbaren Eltern ein schwerer Schlag, als der Sohn gleich vielen anderen den Lockungen der nationalsozialistischen Politik zum Opfer fiel und sich verleiten ließ, sogar "aktive Politik" zu machen.
Rainer wurde deshalb, wie weiter berichtet wird, verhaftet, konnte aber während eines Krankenhausaufenthaltes mit Hilfe eines Komplizen nach Deutschland fliehen, was "damals einiges Aufsehen erregt" hatte, so der Bericht:
Rainer wurde wie alle seine Leidensgenossen in die Legion eingereiht.
Mit "Legion" ist die "Österreichische Legion" gemeint. Auf Wikipedia heißt es über diese (Wiki):
Eine ab 1933 aufgestellte paramilitärische Einheit, die sich aus ins Deutsche Reich geflüchteten österreichischen Nationalsozialisten rekrutierte. Ihre Mitglieder, überwiegend SA-Männer, wurden zunächst in verschiedenen Lagern Bayerns militärisch ausgebildet und bewaffnet und waren für einen eventuellen deutschen Einmarsch in Österreich vorgesehen.
Nach dem gescheiterten Putsch gegen Dollfuß im Juli 1934 traf diese Legion aber den Zorn Hitlers, so heißt es, aufgrund dessen sie
im August 1934 ihre gesamten Waffenbestände (10.300 Gewehre und Karabiner, etwa 340 MG, 1.300.000 Schuss Munition) an die Reichswehr abliefern musste und von ihren Standorten nahe der österreichischen Grenze abgezogen und in Lager im Norden des Reiches verlegt wurde.
So unter anderem nach Bocholt in Westfalen (s. Marius Lange). Vielleicht kann eine nähere Beschäftigung mit der Geschichte dieser "österreichischen Legion" (14) auch aufklären, welche Motive diese beiden österreichischen Bergsteiger leiteten, ob sie vielleicht sogar einen offiziellen oder halboffiziellen Auftrag hatten. (So wird es auch in der Verfilmung angedeutet, allerdings nur sehr "diffus".) Die Mutter von Eduard Rainer hatte - nach dem oben zitierten Zeitungsbericht - gerade erst eine Ausreisegenehmigung erhalten, um ihren Sohn in Deutschland besuchen zu können. Womöglich war diese Genehmigung schon in Ausblick auf einen erwarteten Erfolg an der Eiger-Nordwand geschehen? Weiter heißt es in dem Zeitungsbericht:
Die Aussöhnung mit Deutschland mag wohl seine letzten Lebenstage mit einiger Hoffnung erfüllt haben, dass es im Laufe der Zeit wieder ermöglicht sein würde, Heimat und Eltern zu sehen.
Wenn ich jedenfalls weiß, dass ein so bescheidener und zurückhaltender Mensch wie mein Großvater mit Edi Rainer befreundet war, bekomme ich gleich einen ganz anderen Blick auf dieses damalige legendäre Geschehen in der Eiger-Nordwand. Weder nach der Fotografie von ihm, noch nach dem Charakter meines Großvaters kann ich mir denken, dass es sich bei Edi Rainer um einen typischen "SA-Rabauken" gehandelt hat.

Das Drama an der Eiger-Nordwand (1936)

Die vier Bergsteiger müssen sehr schlichte, einfache Menschen gewesen, wahrscheinlich gar nicht geeignet als Objekte "spektakulärer" Verfilmungen, wie sie seither erschienen sind. Auf Wikipedia wird berichtet:
Im Juli 1936 befanden sich die Deutschen Toni Kurz und Andreas Hinterstoißer sowie die Österreicher Willy Angerer und Edi Rainer in Wartestellung unterhalb der Nordwand. Sie stiegen am 18. Juli, zunächst als konkurrierende Seilschaften, auf der gleichen Route in die Wand ein. (...) In der Wand schlossen sich die Seilschaften zusammen. (...) Nach einem gemeinsamen Biwak am Rande des zweiten Eisfeldes setzten sie den Aufstieg fort, kamen aber nur 200 Höhenmeter weiter. Dies bedeutete ein weiteres Biwak. Am folgenden Tag kamen sie weiterhin nur langsam voran und erreichten, gebremst durch den verletzten Angerer, das Todesbiwak. Das Quartett beschloss nun, gemeinsam abzusteigen. In der nächsten Biwaknacht kam es zu einem Wettersturz. Als sie auf dem Rückweg wieder zum Quergang gelangten, hatten die Felsen einen Eisüberzug, und damit war ihnen der Weg abgeschnitten. Einzige Möglichkeit blieb das direkte Abseilen. Sie erreichten eine Stelle oberhalb eines Stollenlochs der Jungfraubahn, wo sie vom Bahnwärter entdeckt wurden. Kurze Zeit darauf riss eine Lawine bis auf Toni Kurz alle Bergsteiger am 21. Juli in die Tiefe.
Andreas Hinterstoißer stürzte bis zum Fuß der Wand in den Tod. Toni Kurz und Willy Angerer waren zu jenem Zeitpunkt von Edi Rainer durch das Seil gesichert worden. Durch die Wucht ihres Sturzes wurde er vom Seil nach oben bis an den Haken gegen eine Felsspitze geschleudert, wobei er einen starken Schlag gegen das Zwerchfell erhielt. Eingeklemmt und bewegungsfähig quälte er sich wohl noch eine Stunde lang, bis er starb. Willy Angerer wurde durch den Sturz gegen die Wand geschleudert und hing tot im Seil unterhalb von Toni Kurz, der die Lawine als einziger überlebte. Aber auch er konnte nicht gerettet werden:
Wegen der schlechten Bedingungen in der Wand misslangen alle Rettungsversuche.
Die Rettungsmannschaft der Schweizer Bergwacht brachte sich trotz der flehentlicher Hilferufe von Toni Kurz über Nacht in Sicherheit und Kurz musste die ganze Nacht über allein und bei Minus-Graden am Seil hängen - über sich und weiter unter sich je einen Toten am Seil. Über den nächsten Vormittag heißt es:
Zuletzt bekam der geschwächte Kurz beim Abseilen den Knoten eines zusammengeknüpften Seils nicht durch seinen Karabiner, so dass er wenige Meter über den Rettern hängend starb.
Wie auch heute noch bei schweren Bergunglücken - etwa bei dem Tod des Bruders von Reinhold Messner - hatten diese Ereignisse viele und kontroverse öffentliche Erörterungen im Gefolge. - All das hat jedoch nicht gehindert, dass von den sieben Kindern meines Großvaters fast alle eine große Liebe zu den Bergen und zum Bergsteigen in die Wiege gelegt bekommen haben, so wie mein Großvater selbst sie als Salzburger in die Wiege gelegt bekommen hatte.

Abb. 3: Mönchsbergstiege in Salzburg - In diesem Haus ist mein Großvater aufgewachsen (Aufnahme aus dem Jahr 1981)
Mein Großvater - ein Österreicher

Nachdem anderwärts hier auf dem Blog schon mein Opa väterlicherseits behandelt worden ist - ein ganz anderes Leben im Havelland, dem Herzland Preußens - bietet es sich an, im vorliegenden Beitrag die Familienalben und -erinnerungen weiter zu durchforsten und ähnlich auch meinen Großvater mütterlicherseits zu behandeln. Nämlich den Österreicher Wilhelm Leonhard Oswald Schaufler (1892-1950) (1). Beide Großväter lebten 700 Kilometer entfernt und wussten nichts voneinander.

Abb. 4: Oktober 1920 - Foto aus dem "Meldungsbuch des außerordentlichen Hörers Wilhelm Schaufler" an der "Universität zu Wien"
In diesem Beitrag werden Fotos aus den Familienalben gebracht zusammen mit einer kleinen Auswahl jener Landschaftsbilder, die mein Großvater gemalt hat, und die noch heute die Wohnungen seiner Kinder und Enkelkinder schmücken. Dazwischen eingestreut wird über das berichtet, was über sein Leben noch in Erfahrung zu bringen ist. Wie mit dem eingangs gebrachten Bezug zur Eiger-Nordwand finden sich in diesem Leben, wie wir sehen werden, immer einmal wieder Bezüge zu allgemeineren zeitgeschichtlichen Geschehnissen.

Abb. 5: Die Hochzeit meiner Großeltern in Tamsweg im Lungau am 6. Mai 1938
Mein Großvater wurde in Salzburg geboren und ist dort zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bruder Alfred bei seinen Großeltern aufgewachsen. Denn ihr Vater ist früh gestorben. Die Großeltern der beiden Brüder stammten aus der vornehmen, eigentlich italienischen Adelsfamilie der Nobile Cicogna. Diese hatte Ende des 16. Jahrhunderts sogar den 88. Dogen von Venedig gestellt und aus ihr sind bis ins 20. Jahrhundert viele höhere Beamte der österreichisch-ungarischen Monarchie hervorgegangen. Die Großeltern besaßen in Salzburg ein Haus an der Mönchsbergstiege, wo sie zusammen mit der unverheirateten Tante Olga lebten. Die Mutter meines Großvaters war 1866 "im Kanonendonner von Custozza" zur Welt gekommen, wie es in der Familienüberlieferung heißt.

Salzburg war natürlich eine Stadt, in der rundum die Berge zum Bergsteigen und -klettern auffordern. Die Kindheitserinnerungen des Salzburger Schriftstellers Karl Springenschmid (1897-1981), der fünf Jahre jünger war als mein Großvater, können davon einen Eindruck vermitteln. Wie die Biographie Springenschmids (2) überhaupt manche Parallelen zu der meines Großvaters aufweist, etwa auch was die spätere Anteilnahme an der völkischen Bewegung der Zwischenkriegszeit betrifft, sowie die Nähe zum Nationalsozialismus in dessen Verbotszeit in Österreich. Und so wie Karl Springenschmid in seiner "Waldgänger-Zeit" nach 1945 die Erfahrungen des österreichischen Klerikalfaschismus, des Dritten Reiches und der Kriegszeit verarbeitete, so hatte auch mein Großvater in anderer Weise nach dem Krieg viel zu verarbeiten. Beide suchten dazu Zuflucht in den Bergen und in künstlerischer Betätigung. (Dass mein Großvater Springenschmid - zumindest als Romanschriftsteller - kannte, ist allerdings nicht überliefert.)

Abb. 6: Mein Großvater beim Malen in den Bergen, 1930er Jahre
Von Oktober 1911 bis Juli 1913 studierte mein Großvater zunächst vier Semester an der Technischen Hochschule in Wien.

1914 - 18 - "An der russischen Front"

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war mein Großvater von Anfang an als 22-Jähriger dabei. Laut seines "Entlassungsscheines zugleich Kriegsdienstbestätigung" (aus dem Jahr 1919) und seines "Hauptgrundbuchblattes" (1916) hatte er am 1. September 1913 als Einjährig-Freiwilliger seinen Militärdienst beim Infanterie-Regiment 75 in Salzburg angetreten. Dieses Regiment bestand (laut Internetangaben) zu einem hohen Anteil aus Tschechen, von denen im Kriegsjahr 1917 viele die Front zu den Russen gewechselt haben, also desertiert sind. Am 1. April 1914 war mein Großvater zum Gefreiten befördert worden. Und am 8. August 1914 endete seine Ausbildung. Welche Erinnerungen er wohl hatte von den Tagen in Salzburg, als das Regiment zur Front ausrückte?

Abb. 7: Zell am See, Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
Für den Zeitraum vom 9. August bis zum 3. September heißt es in seinen Dokumenten: "an der russischen Front". Am 28. August 1914 wurde er bei Tomaszow "verwundet durch schweren Fußschuss". Das war in der "Schlacht von Komarów". Was sich hinter diesen spröden Angaben verbirgt, hat meine Großmutter, die neunzehn Jahre jünger war als er und ihn 1933 kennen lernte, in ihren Lebenserinnerungen ein wenig mehr erläutert (3, S. 24):
Sehr beeindruckend waren für mich die Erzählungen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, den er nach seiner einjährig-freiwilligen Zeit im Jahre 1913 alle vier Jahre bis zum Kriegsende 1918 mitgemacht hatte (als Leutnant). Zu Kriegsbeginn kam er nach Galizien, wo die Soldaten anfangs auf offenem Feld gegen den Feind (Russen) anrennen mussten. Links und rechts von ihm gab es Tausende von Gefallenen. Ihn traf eine Kugel im rechten Fußgelenk. Am Verbandsplatz wollten sie ihm den Fuß amputieren. Als Offizier ...
(Zu dieser Zeit war er laut der genannten Unterlagen noch Gefreiter, aber er wird Offiziersanwärter gewesen sein)
... konnte er sich dagegen wehren und wurde dann mit dem alten Verband und hohem Fieber ins rückwärts gelegene Krankenhaus befördert. Lange musste er mit Krücken gehen und nur den eisern durchgehaltenen Bewegungsübungen in Salzburg (er ging mit Krücken auf den Untersberg) ist es zu verdanken, dass er so weit wiederhergestellt wurde, dass er später seine Klettertouren (Watzmann Ostwand, Dachstein, Schweiz usw.) mit etwas versteiftem Knöchel machen konnte.
Über die Anfangsschlachten des Ersten Weltkrieges zwischen Russland und Österreich-Ungarn in Galizien gibt es viele Erlebnisberichte, durch die man sich ein genaueres Bild machen kann. Auch der österreichische Maler Oskar Kokoschka hat, wie er in seinen Lebenserinnerungen berichtet als Kürassier und Schwerverwunderter Erfahrungen gemacht, die nicht ganz unähnlich gewesen sein werden denen meines Großvaters. Kokoschka wurde schwer verwundet und musste dann lange Zeit im Spital verbringen und ist für die Heilbehandlung schließlich während des Krieges sogar zu einem Arzt nach Schweden geschickt worden. Auch die Verwundung meines Großvaters brauchte mindestens neun Monate, um auszuheilen. Er verbrachte diese Zeit im "Spital" in Wien bzw. in der Rekonvaleszenz-Abteilung in Neuhaus in Südböhmen.

Abb. 8: 1940/41 - Wilhelm Schaufler mit seinem ältesten Sohn in Zell am See (fotografiert vom Wiener Schwiegervater, der die Fotos selbst entwickelte)
In einem handgeschriebenen Lebenslauf schreibt er über die nachfolgende Zeit:
Mit 16. 3. 1915 wurde ich zum k.u.k. IR Nr. 59 transferiert und rückte am 1. 4. 1915 zum Ersatzbataillon nach Salzburg ein.
Es war dies das Salzburger "Hausregiment", das damals landesweit bekannte "k.u.k. Infanterieregiment Erzherzog Rainer Nr. 59", kurz genannt nur "die Rainer" (Salzburg-Wiki). Am 23. Mai 1915 erklärte Italien Österreich-Ungarn den Krieg. Und Österreich-Ungarn hatte so gut wie keine Truppen, die es an die neue italienische Gebirgsfront schicken konnte, da alle einheimischen Regimenter an der Ostfront eingesetzt waren. Aus diesem Anlass gab es damals erneut viele Freiwilligen-Meldungen. Mein Großvater schreibt in seinem Lebenslauf:
Bei der Kriegserklärung von Italien meldete ich mich, kaum schon marschfähig, freiwillig ins Feld nach Südtirol, kam aber vom 9. 7. bis 9. 9. an die russische Front. Durch Überanstrengung verschlechterte sich mein verwundeter Fuß, dass ich vom 10. 9. bis 8. 12. ins Spital und anschließend in die Reserveabteilung des IR 59 kommen musste.
Im "Hauptgrundblatt" heißt es dazu am 20. Dezember 1915:
Als tauglich zu Hilfsdiensten als Schreiber zu verwenden (...). Das Gebrechen ist durch die (...) Militärdienstleistung herbeigeführt worden.
Er war dann ein Jahr lang beim Ersatzbataillon 59 bzw. beim Stationskommando Salzburg tätig. Am 11. Februar 1916 wurde er hierbei zum "Zugführer", am 1. März zum "Kadett", am 7. September zum "Fähnrich der Reserve" und am 14. November zum "Leutnant im Ruhestand" befördert. Dabei heißt es wiederholt:
Als zum Truppendienste im Heer untauglich zu Lokaldiensten geeignet. - Als felddienstuntauglich zu Ausbildungsdiensten geeignet. - Als zum Truppendienste im Heere untauglich zu Lokal- und zu Ausbildungs- und Fliegerdiensten geeignet.
Ab dem 1. Januar 1917 besuchte er für acht Monate die Reserve-Offiziers-Schule in Stejr-Freistadt. Nach weiteren zwei Monaten beim Ersatzbataillon in Salzburg gehörte er fast ein Jahr lang offenbar zu den wachhabenden Offizieren des Kriegsgefangenenlagers Mauthhausen. Dann heißt es in seinen Papieren:
3. 9. 17 - 1. 11. 18 russ. Kgf. Komp. 218 AZA 54a in Montenegro
Was sich dahinter verbirgt, wäre noch einmal genauer zu untersuchen. Offenbar bewachte er russische Kriegsgefangene. Im März 1918 kam es zum berühmten Frieden von Brest-Litowsk zwischen den Mittelmächten und Russland und zeitweise gab es Überlegungen, dass die russischen und/oder ukrainischen Kriegsgefangenen auch auf Seiten der Mittelmächte eingesetzt werden könnten, so wie die nach Rußland desertierten Tschechen in der Roten Armee gegen die Mittelmächte eingesetzt wurden. Was genau mit den russischen Kriegsgefangenen in Montenegro gemacht wurde, muss an dieser Stelle offen bleiben.

Abb. 9: Zell am See - Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
Meine Großmutter berichtet über diese Zeit nur sehr skizzenhaft. Dass mein Großvater Kriegsgefangene bewachte, scheint ihr gar nicht mehr in Erinnerung gewesen zu sein. Sie schreibt weiter (3, S. 24f):
Wieder eingerückt, kam er nach Bosnien und Herzegowina, Montenegro (das damals zu Österreich gehörte). Die Soldaten waren dort sehr durch die Partisanen gefährdet und durften sich nicht vom Zuge entfernen. Als Offizier hatte er jedoch die Möglichkeit, sich nicht an diese Anordnung zu halten. Zum Aquarellieren suchte er sich oft malerische Plätze aus. So bemerkte er eines Tages plötzlich einen Schatten auf dem Aquarellpapier. Hinter ihm stand ein Partisan mit einem Gewehr! Er malte ruhig weiter und der Schatten verschwand nach einiger Zeit. - Er musste oft in Lebensgefahr gewesen sein.
Und:
Als der Rückzug im Oktober und November 1918 stattfand, war die Truppe bereits von der Hauptarmee abgetrennt, in einer Schlucht eingeschlossen und von Partisaninnen bewacht. In der Nacht konnten sie sich durch Überfall auf die Partisanen retten. Halbverhungert konnten sie sich in Gewaltmärschen zur Hauptarmee durchschlagen und fanden dort nur mehr als Proviant bereits mit Petroleum übergossene Brotlaibe vor, die dem Feind nicht in die Hände fallen sollten. Solch einen Brotlaib hat er auf einen Sitz verzehrt.
Und (3, S. 28):
Damals musste er leider auch sein Pferd mit dem ganzen Gepäck und allen drei Skizzenbüchern aus dem Krieg in eine Schlucht stürzen. Beim Rückzug haben nur mein Mann und ein zweiter deutsch-österreichischer Offizier eintausend Soldaten nach Wien zurückgebracht. Die tschechischen, ungarischen, italienischen Offiziere usw. der k.u.k. Monarchie ließen damals die Truppen im Stich und kehrten heim in ihre Heimatländer. Die Ungarn wollten anfangs keine Eisenbahnwaggons für die Rückfahrt nach Wien und Verpflegung für die heimkehrenden Soldaten stellen. In Wien angekommen, war dort schon die Revolution ausgebrochen, die Monarchie abgeschafft und den Soldaten wurden die Achselstücke von den Schultern gerissen.
Der Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie. Von den damaligen Ereignissen blieb das Leben meines Großvaters geprägt wie das fast aller Angehöriger seiner Generation, der Generation der "Frontsoldaten". Vom 30. November 1918 liegt dann ein Urlaubsschein vor für "dauernde Beurlaubung" des "Leutnant der Reserve Wilhelm Schaufler", ausgestellt vom "Ersatzbataillon des Infanterieregiments Erzherzog Rainer Nr. 59" in Salzburg. Und vom 31. März 1919 dann jener "Entlassungsschein zugleich Kriegsdienstbestätigung", ausgestellt von derselben militärischen Einheit, der hier schon zitiert worden ist.

Abb. 10: Etwa 1944 - "Tante Traudel", ein "Pflichtjahrmädchen", mit den Kindern der damals rasch wachsenden Familie
1919 - Fortsetzung des Studiums unmöglich

Ein Jahr später wird Wilhelm Schaufler dann "außerordentlicher Hörer" an der "Universität zu Wien". Aber über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schreibt er in seinem Lebenslauf:
Da ich nach dem Kriege mittellos war, konnte ich meine Studien nicht fortsetzen und fand endlich eine Stelle als Erzieher und Lehrer für Handfertigkeit und Werkstättenleiter an der Bundeserziehungsanstalt für Knaben in Wiener Neustadt von 1. 4. 1920 bis 13. 9. 1923. 
Danach war er für eineinhalb Jahre "als Beamter" - also offenbar in der Verwaltung - einer Baufirma tätig (1923 und 1924). Und dann wechselten noch einmal halbjährlich Arbeitslosigkeit, Anstellung als "Beamter" bei einer Expeditionsfirma und wieder Arbeitslosigkeit. Erst mit dem 1. April 1926 - also in der Zeit der wirtschaftlichen Stabilisierung - bekam er eine Daueranstellung beim Landesarbeitsamt Salzburg. Dort arbeitete auch sein Bruder Alfred. Noch im gleichen Jahr 1926 wurde mein Großvater Mitglied im Verein für Höhlenkunde Salzburg. Und am 4. Juni 1929 Mitglied des Salzburger Turnvereins. Am 1. November 1929 wurde er schließlich als Amtleiter des Arbeitsamtes Tamsweg im Lungau eingesetzt.

Abb. 11: Sommer 1945 - Mein Großvater (hinten), meine Großmutter (am Kinderwagen) und ihre lachenden Kinder beim Spaziergang in Zell am See
Die erste von ihm eingegangene Ehe scheiterte früh. Der Sohn, der aus dieser Ehe hervorging, kam in den 1930er Jahren beim Spielen mit Munition ums Leben. Für die Jahre 1928 und 1929 haben sich Auszüge aus dem Tourenbuch meines Großvaters erhalten. In diesem sind folgende Touren verzeichnet:
1928
28./29.2. Leoganger Steinberge, 30.2.-4.3. Glockner, 6.3. Diretissima Stuhlwand Urberg, 7.-8.7. Kommersee, 14.-15.7. kleine Watzmann Ostwand, 21.-22.7. Watzmanneck Bartolomä, 29.7. Sumpf (?), 5.8. Sumpf, 11./12.8. Barolomä Wand, 15.8. Berchtesgadener Hoch... Kamin (...)
1929
1.1. Roßfeld, 6.1. Roßfeld, 12./13.1. Stahlhaus, Schneiber, 20.1. Zistel, 26.1. Rauhenbichel, 27.1. Ehrentraudisalm, 3.2. Untersberg, 10.2. Zistel, 16./17.2. Tennengeb. Wieselstein (?), 23./24.2. Watzmannkind, 2./3.3. Hochkönig, 9./10.3. Wieserhörndl, 16./17.3. Berchtesgadener ... (?), 19.3. Untersberg Diretissima
Die seelischen Erschütterungen persönlicher und allgemeiner Art nach dem Ersten Weltkrieg werden auch meinen Großvater sehr bald der völkischen Bewegung nahe gebracht haben wie so viele vormalige Frontsoldaten jener Zeit, die zugleich oft auch Mitglied des Turnerbundes und des Alpenvereins waren.

Wie mein Großvater Tannenbergbund- und Ludendorff-Anhänger wurde, berichtet meine Großmutter in ihren Lebenserinnerungen nicht. Es wird dies über seinen Bruder Alfred geschehen sein, der in Salzburg eine völkische Buchhandlung betrieb und dort die sogenannte "Geschäftsstelle der Deutschen Volkshochschule Salzburg" leitete.

1931 - Erich Ludendorff in Salzburg
"Die Tages des Christentums sind gezählt!" 

Damals gab es Pläne, eine dezidiert Katholische Universität Salzburg zu gründen. Diese Pläne sind von Seiten der katholischen Kirche bis zum Jahr 1962 weiter betrieben worden. Erst dann nahm man sie als gescheitert hin, worauf sich die katholische Kirche 1980 entschloss - unter maßgeblicher Beteiligung des späteren Papstes Joseph Ratzinger -, die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt zu gründen. Dass es nie zu einer Katholischen Universität Salzburg gekommen ist, dazu leisteten auch die beiden Brüder Schaufler einen vielleicht nicht unbedeutenden Beitrag. Im Jahr 1931 organisierte Alfred Schaufler nämlich in Salzburg eine aufsehenerregende Veranstaltung des Ludendorff'schen Tannenbergbundes gegen die Gründung einer solchen Katholischen Universität. Sie fand statt vom 8. bis 13. September 1931. Gewicht bekam diese Protestveranstaltung insbesondere durch die persönliche Teilnahme von Erich und Mathilde Ludendorff (4, 5).

Das Ehepaar Ludendorff besichtigte aus diesem Anlass, wie sie in ihren Lebenserinnerungen schreiben, die Festung Hohensalzburg und das Mozarthaus. Inhaltlich und verantwortlich geleitet worden war diese Tagung von einem Dr. Georg Stolte aus Hannover. Dieser war Leiter des damals bestehenden "Tannenberg-Studenten-Bundes" (4, 5), dem auch Alfred Schaufler angehört haben wird. Dieser trat als Veranstalter der Tagung auf zusammen mit dem "Tannenbergbund / Landesverband Deutsch-Österreich". Weitere Einzelheiten zu dieser Tagung sind in einem parallelen Blogbeitrag zusammengetragen (5). Auch ist dort die Rolle behandelt, die Alfred Schaufler und mein Großvater Wilhelm Schaufler dabei spielten. Erich und Mathilde Ludendorff waren nicht zufrieden mit der Organisation dieser Tagung wie sie in ihren Lebenserinnerungen schreiben.

Diese Veranstaltung ist in ähnlicher Weise noch einmal ein Jahr darauf wiederholt worden. Diesmal ohne die persönliche Anwesenheit Erich und Mathilde Ludendorffs (5).

1932 - Die Kirchenglocke läutet für eine "verlorene Seele"

Erich Ludendorff hat in seiner Ansprache in Salzburg unter anderem die Worte ausgerufen: "Die Tage des Christentums sind gezählt!" Mein Großvater ist wenig später aus der katholischen Kirche ausgetreten. Leider erwähnt meine Großmutter die ganze Tagung in ihren Lebenserinnerungen nicht. Doch erwähnt sie, wie mein Großvater im Jahr 1932 aus der katholischen Kirche ausgetreten ist. Dies war Voraussetzung, um Mitglied der kirchenfreien weltanschaulichen Vereinigung der Ludendorff-Bewegung "Deutschvolk e.V." werden zu können. Der "Deutschvolk e.V." war die Vorgänger-Organisation des "Bundes für Deutsche Gotterkenntnis (Ludendorff)", der 1937 gegründet wurde, und der mit Unterbrechungen bis heute besteht (heute: "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff)"). Meine Großmutter berichtet (3, S. 23):
Mein zukünftiger Mann war schon 1932 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Er hat mir erzählt, dass der Pfarrer dies auch in der Tamsweger Kirche beim Sonntagsgottesdienst öffentlich verkündet hat und der Mesner die Kirchenglocken für die „verlorene Seele” läuten musste. Zur Entschädigung für diese Mühe erhielt dieser von meinem Mann ein Trinkgeld von zwei Schillingen.
Abb. 12: Oktober 1932 - Aufnahme in die weltanschauliche Vereinigung "Deutschvolk e.V." mit persönlicher Unterschrift Erich Ludendorffs
1932 - Astrologische Interessen

In einem ziemlich deutlichen Gegensatz zu diesem Beitritt zum "Deutschvolk e.V." stehen die lebenslangen astrologischen Interessen meines Großvaters. Er glaubte zwar eigentlich nicht daran, wie meine Großmutter später ihren Kindern erzählte. Er war also nicht von der Astrologie überzeugt. Aber das sagen ja auch heute noch fast die meisten, die sich trotzdem vergleichsweise intensiv mit ihr beschäftigen. Er erstellte Horoskope für alle seine sieben Kinder. "Erstaunlicherweise" (!) sollten sogar einige der Angaben in den Horoskopen sich im späteren Leben - zumindest eines seiner Söhne - als richtig herausgestellt haben!!!

Meine Großmutter hat die Horoskope und etwa sieben astrologische Bücher meines Großvaters auch noch nach seinem Tod aufgehoben. Da sich aber in der Familie niemand mehr für diese interessierte, wurden sie nach dem Tod meiner Großmutter nicht mehr aufgehoben. Seitdem der Autor dieser Zeilen von der großen Bedeutung der Astrologie in der völkischen Bewegung der 1920er und 1930er Jahre erfahren hat (siehe anderweitige Blogbeiträge), empfindet er darüber ein wenig Bedauern.

Von Erich und Mathilde Ludendorff sind solche astrologischen Interessen früh und außerordentlich scharf abgelehnt worden. Immer wieder haben beide in ihren Aufsätzen und Büchern die Astrologie als eine Volksgefahr und der Sache nach als eine "Einstiegsdroge" für weitere okkulte Verblödung dargestellt.

Als Beispiel sei angeführt, was Erich Ludendorff am 13. Dezember 1932 zwar nicht in einem öffentlichen Aufsatz in seiner Wochenzeitung, aber in den „Verordnungsblättern“ seines "Tannenbergbundes" geschrieben hat (zit. n. Mensch und Maß, 2002, auf hohewarte.de; Hervorhebung nicht im Original):
Solange die Deutschen auf jeden theosophischen, ariosophischen, pansophischen Schwindel, auf Neugeist und Mazdaznan, auf sogenanntes armanisches, nordisches Weistum und Weihtum, oder den nordischen, kosmischen Christus hereinfallen, ist den Deutschen nicht zu helfen. Sie müssen doch in der Lage sein zu prüfen, ob das, was ihnen entgegengebracht wird, dem Selbsterhaltungswillen dienen oder ob es ihn schwächen soll … Bei der Verblödung der Deutschen spielt Astrologie ja eine ganz besondere Rolle. Jeder Anhänger der Astrologie ist aus dem Tannenbergbund zu entlassen, er hat nicht die einfachsten Begriffe deutschen Denkens in sich aufgenommen und ist deshalb nur ein Schaden für den Bund … Der Kampf gegen Geistesverblödung muss tatkräftig aufgenommen werden. Es ist heute das erkannte Streben der überstaatlichen Mächte, die Regierenden durch Erpresserstrippen oder Okkultismus usw. an sich zu ketten und im Volk durch "Laienapostel", ebenfalls durch Okkultismus aller Art, den Selbsterhaltungswillen zu schwächen. Tannenberger dürfen sogenannten germanischen Glaubensgemeinschaften nicht angehören, erst recht nicht irgendeiner "Gesellschaft" wie "Deutscher Orden" usw. oder sonstigen "Vereinen", in denen Geheimorden sichtbar wirken, wie in vielen kulturellen, namentlich sogenannten germanischen, arischen Kulturbestrebungen.
Es ist eigentlich kaum denkbar, dass meinem Großvater und seinem Bruder Alfred diese Gegnerschaft des Ehepaares Ludendorff gegenüber der Astrologie entgangen sein können.

1933 - Wie der Großvater die Großmutter nahm

Im Jahr 1933 lernte mein Großvater meine Großmutter Ingeborg Willner (1911-1996) kennen. Dies geschah geradezu "wie im Roman" mitten im Gebirge. Meine Großmutter stammte aus einer vormals wohlhabenden Wiener (vormals schlesischen) Familie. Ihr Vater hatte in Gießen Agrarwissenschaften studiert und verwaltete in der Zwischenkriegszeit jene landwirtschaftlichen Güter in Österreich, die vormals im Besitz der Habsburger waren. Als seine aufgeweckte und vielseitig interessierte Tochter Medizin studieren wollte, riet er ihr aber davon ab. Deshalb lernte sie Krankenschwester. Diese junge 22-jährige Wiener Krankenschwester machte nun 1933 mit ihrem Vater und ihrer Schwester eine Bergtour in den Schladminger Tauern. Ehrfürchtig sahen sie oben im Gebirge einen Maler sitzen. Der Vater knüpfte ein Gespräch mit diesem an und bat ihn, seine beiden Töchter auf einen der nächsten Gipfel zu führen.

Nachdem sie von dort zurückgekehrt waren, sagte der Vater meiner Großmutter: Hast Du gesehen, der hatte am Revers einen Ludendorff-Adler. Den kannte meine Großmutter noch gar nicht, obwohl sie zu jener Zeit schon mehrere philosophische Bücher von Mathilde Ludendorff gelesen hatte (darüber ggfs. noch einmal in einem anderen Beitrag). Abends auf der Hütte merkte sich mein Großvater die Adresse, die meine Großmutter auf eine Postkarte nach Hause nach Wien schrieb. Und er knüpfte dann einen Briefkontakt mit ihr an.

Abb. 13: Etwa 1955 - Meine Großmutter mit fünf ihrer sieben Kinder
1937 - Meine Großmutter zieht nach Tamsweg im Lungau

Sie besuchten sich in den nächsten vier Jahren gegenseitig und machten gemeinsame Wanderungen und Bergtouren. Die offizielle Eheschließung war - aufgrund des damals herrschenden Klerikalfaschismus in Österreich - gebunden an den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938. Meine Großmutter berichtet darüber, wobei fast jeder ihrer Sätze noch genauerer zeitgeschichtlicher Erläuterung und Einordnung bedürfte, so kompliziert lagen damals die Dinge (3, S. 23):
Da wir trotz beiderseitigen Kirchenaustrittes uns den damals für den Staat Österreich geltenden katholischen Kirchengesetzen unterwerfen mussten und nicht heiraten konnten, auch nicht zusammenziehen durften, da wir sonst im „Konkubinat” gelebt hätten und in diesem Falle mein Mann seine Stellung im Arbeitsamt als Angestellter im Staatsdienst verloren hätte, bemühte er sich für mich um eine Arbeit in Tamsweg, die er im Jahre 1937 bei Dr. Menz, als Ordinationsgehilfin fand. Ich musste mir extra ein Zimmer nehmen und bei meiner Vorgängerin innerhalb von vierzehn Tagen das Anfertigen von Zahnprothesen und Goldkronen erlernen. Dr. Menz hatte vormittags Allgemeine Praxis, nachmittags und Sonntag Vormittag wurde die Zahnbehandlung für die Bauern des Lungaues durchgeführt. Auch den Warteraum musste ich putzen. Die Bauern ließen besonders im Winter Wasserlachen vom an den Schuhen anhaftenden Schnee zurück. Die Gipsarbeiten und das Vulkanisieren der Zahnprothesen mussten im Zahnbehandlungsraum durchgeführt werden, ebenso das Schleifen. Es erforderte gute Einteilung und schnelles Wegräumen, um immer wieder alles sauber und ordentlich zu haben. Auch musste mein Mann, der schon viel früher mit seiner Arbeit fertig war, oft lange an unserem Treffpunkt und Badeplatz an der Taurach auf mich warten. In diesem Jahr lernte ich trotzdem den Lungau im Sommer und im Winter gut kennen.
Meine Großmutter war ja gelernte Krankenschwester, keine Zahnarzthelferin.

1938 - Dr. Menz, der "Vater des Lungaus"  

Was aus diesen Worten nicht hervorgeht, was aber aus inzwischen erschienener zeitgeschichtlicher Literatur (6-8) entnommen werden kann, ist der Umstand, dass dieser Dr. Menz gar nicht "irgendwer" war. Es handelte sich um den Sprengelarzt Dr. Otto Menz (1890-1980). Er war Mitglied der illegalen österreichischen NSDAP. 1938 ist er Kreisleiter der NSDAP geworden, wie man Angaben im Internet entnehmen kann und wie meine Großmutter ebenfalls in ihren Lebenserinnerungen andeutet. Schon im März 1931 war Dr. Menz zu Salzburger Gemeindewahlen als Redner der NSDAP aufgetreten. Es wird berichtet (6, S. 65, 67):
... Darunter auch der Tamsweger Arzt und spätere Kreisleiter Dr. Otto Menz, der eigentlich zu dieser Zeit noch Lungauer Gauleiter der Großdeutschen Volkspartei war.
Menz wurde während des Ständestaates - natürlich - als politisch unzuverlässig beurteilt (8, S. 45, 105). 1938 wurde er nun kommissarischer NSDAP-Kreisleiter des Lungau und "residierte" in der Bezirkshauptmannschaft Tamsweg (pdf). In einer Radiodokumentation aus dem Jahr 1988, deren Manuskript 2008 in die Geschichtszeitschrift Salzburgs übernommen wurde, heißt es über Otto Menz (7, S. 44):
Nach übereinstimmenden Berichten vieler Zeitzeugen dürfte auch der Lungauer Kreisleiter Dr. Menz nicht zu den Scharfmachern gezählt haben.

Zeitzeuge: „1938 hat der Lungau dadurch, daß der Kreisleiter so eine imponierende Persönlichkeit war und der Kreisleiter der Vater des Lungaues, der Arztvater des Lungaues genannt werden darf, hat der Kreisleiter in seiner gerechten Art usw. zum Beispiel bei der Vergebung der verschiedenen Posten z. B. Ortsgruppenleiter usw. keinen Rowdy in seinen Mitarbeiterstab hineingenommen. Da könnte ich Namen nennen, Leute, die sich in der Verbotszeit da irgendwie hervorgetan haben bei irgendeiner Rauferei usw., die hin und wieder schon entstehen konnten, und die geglaubt haben, sie haben nun die Verdienste, da hat der Dr. Menz von vornherein Ordnung geschaffen.“

Die Hilfsbereitschaft des Arztes Dr. Menz wird auch von Gegnern des Nationalsozialismus anerkannt. Manche mittellose Lungauer wurden kostenlos behandelt oder erhielten kleine Zuwendungen. In Tamsweg herrschte überhaupt ein anderes Klima als in den übrigen Nazihochburgen im Lungau. Die Halleiner Schulschwestern mußten zwar den Kindergarten aufgeben und die Schulen räumen, im Krankenhaus konnten sie aber bleiben. Dort wirkte mit Dr. Ellmautaler die ganze NS-Zeit hindurch ein erklärter Gegner des Regimes als Primar. Kreisleiter Dr. Menz war Konsiliararzt.
Diese Schilderungen und der Bericht meiner Großmutter scheinen bestätigen und ergänzen sich gegenseitig sehr gut. Würde meine Großmutter heute noch leben, könnte sie diesem Bericht sicherlich noch viele Einzelheiten hinzufügen. Zu ihren Lebzeiten ist mir allerdings nie klar gewesen, daß sie Zahnarzthelferin eines regional- und zeitgeschichtlich keineswegs so unbedeutenden Zahnarztes gewesen ist. Betont und herausgestellt hat sie das jedenfalls nicht, auch nicht in ihren Lebenserinnerungen. Für sie war er ein Mensch wie jeder andere, allerdings ein hilfsbereiter.

Abb. 14: Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
31. März 1938 - Hermann Göring im Lungau

Wie gestaltete sich der Anschluss im einzelnen im Lungau? Dabei spielte Hermann Göring eine große Rolle. Dieser hatte nämlich eine ganz besondere Beziehung zum Lungau. Auf Wikipedia steht darüber:
Hin und wieder besuchte der junge Hermann Göring die Familie Epenstein auf Schloß Mauterndorf (ca. 90 Kilometer südlich von Salzburg), das er später „die Burg seiner Jugend“ nannte.
Und ähnlich auch noch einmal zum Mai 1945:
Nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 (...). Auf eine Frage, wohin er nun wolle, antwortete er: „Auf die Burg meiner Jugend.“ Er begab sich am 7. Mai 1945 auf die Fahrt zur Burg Mauterndorf (Österreich), und da es unsicher war, ob es den sowjetischen Streitkräften nicht doch noch gelingen würde, ins Murtal, also bis in den Salzburger Lungau vorzustoßen, entschied er sich, nach Schloß Fischhorn im Salzburger Pinzgau zu fliehen.
In "besseren Tagen" (aus der Sicht Görings), nämlich als Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen wurde, besuchte Göring den Lungau. Und das war für den Kreis natürlich eine große Angelegenheit (7, S. 21-23):
Das Spektakel des Jahres spielte sich am 31. März in Tamsweg und Mauterndorf ab. Anscheinend der ganze Lungau war auf den Beinen, um Hermann Göring zu begrüßen, der von Graz kommend in seine Wahlheimat einzog. Alle Orte entlang der oberen Muhr und speziell die Strecke zwischen Tamsweg und Mauterndorf waren mit Triumpfbögen und Fahnen geschmückt und 13 Sonderzüge der Muhrtalbahn wurden eingesetzt, um die Menschenmassen heranzukarren. Die erste Begrüßung auf Lungauer Boden fand in Tamsweg statt. Die Tauernpost berichtete ausführlich:

„Dann bestieg Herr Bürgermeister Rath die kleine Rednertribüne vor dem Rathaus, gab seiner Freude Ausdruck, daß er als erster nationalsozialistischer Bürgermeister des Lungaues die Ehre habe, Herrn Generalfeldmarschall in unserer Mitte begrüßen zu können, teilte mit, daß der Marktplatz von heute ab Adolf-Hitler-Platz genannt werde, bat den Herrn Ministerpräsidenten um die Erlaubnis, die Kirchengasse, durch die die Weiterfahrt gehen werde, nunmehr Hermann Göring-Straße nennen zu dürfen und teilte dem Herrn Feldmarschall weiter seine Ernennung zum Tamsweger Ehrenbürger mit. Er schloß seine Rede mit einem dreifachen Sieg-Heil auf unseren geliebten Führer Adolf Hitler und den Getreuesten seiner Getreuen, Hermann Göring."

Der Empfang in Mauterndorf wurde laut „Tauernpost“ zur größten Veranstaltung, die der Ort je gesehen hatte. In seiner Rede ging Göring geschickt auf die miserablen Verkehrsbedingungen im Lungau ein und verfügte spontan, daß die Muhrtalbahn zu einer zweigleisigen Normalspurbahn mit Anschluß nach Radstadt ausgebaut werden müsse. Mit den Vorarbeiten sei sofort zu beginnen. Weiters sei in Turrach eine Eisenhütte zu errichten. Auch der Ausbau der Wasserkräfte im Lungau müsse in Angriff genommen werden, damit auch der entfernteste Bergbauer seinen Licht- und Kraftstrom beziehen könne. Für die Landwirtschaft versprach Göring Kredite und Beihilfen. Zum Abschluß geißelte er die religionsfeindlichen Bestrebungen der Kommunisten, mit denen sich Schuschnigg im letzten Augenblick noch verbünden wollte. Nach dieser Rede marschierten zu Ehren des Generalfeldmarschalls der Samson und die Zwerge auf und mehrere Trachtengruppen boten ländliche Tänze. Die Ehrenbürgerschaft erhielt Göring angeblich wegen seiner Verdienste um die Wasserleitung. Die Ernennung erfolgte allerdings schon am 15. März und somit lange vor Baubeginn.

In der illegalen Zeit wurde die Lungauer NSDAP von der Steiermark aus betreut. Nach dem Anschluß sollte der Bezirk auch politisch von Salzburg abgetrennt werden. Das konnte nur Göring verhindern!

Zeitzeuge: „1938, in den Märztagen, hat es auf ein Mal geheißen: So, der  Lungau gehört zur Steiermark. Das hat die Lungauer so bestürzt und so enttäuscht, daß wirklich absolut keine Freude aufgekommen ist, im Gegenteil, man hat den Kreisleiter Dr. Menz und den Organisationsleiter und noch einen Dritten förmlich bestürmt, sie müssen sofort nach Berlin fahren zu Göring und müssen Göring bitten, daß das wieder in Ordnung gebracht wird. Und sie sind nach Berlin gefahren und der Göring hat sie empfangen und hat zuerst gesagt: „Meine Herren, geographisch gehört der Lungau zur Steiermark." Dann hat er sie eine Zeit warten lassen und dann hat er gesagt: „Dem Herzen nach gehört der Lungau zu Salzburg." Und da waren sie natürlich dann glücklich, sind heim gefahren und dann ist eigentlich erst im Lungau der Anschluß mit Freude gefeiert worden.“
6. Mai 1938 - Meine Großeltern können heiraten

In den im Jahr 1990 niedergeschriebenen Erinnerungen meiner Großmutter stellten sich diese Ereignisse rund um den Anschluß folgendermaßen dar (3, S. 26):
Der Anschluß Österreichs an das Dritte Reich im März 1938 wurde auch im Lungau groß gefeiert. Mein Chef Dr. Menz war damals Kreisleiter als Arzt und überließ die Ordination oft meiner Betreuung. Leider konnte ich die Patienten meist nur auf später vertrösten. Zur Feier des Anschlusses kam Hermann Göring in den Lungau, der in seiner Kindheit die Ferien oft im Schloß Mauterndorf verbracht hatte. Auf einer großen Wiese bei Mauterndorf wurden Tribünen mit Hakenkreuzfahnen errichtet, wo Göring mit Ansprachen von Dr. Menz empfangen wurde. Die Bevölkerung des ganzen Lungaus wurde mit Lastautos herangeschafft, um eine „Volksbewegung” auf die Beine zu stellen. Auch die Prangerstangen, der Samson und die Zwerge aus Zederhaus wurden aufgeboten. In Tamsweg gab es am nächsten Tag noch einen Fackelzug. Ich konnte alles aus nächster Nähe mitmachen, war damals schon im siebenten Monat schwanger und wußte, daß wir nun heiraten können.
Das deutsche Ehegesetz wurde allerdings in Österreich erst im Juli eingeführt, doch gab es ja noch das alte Gesetz von 1925 über die Dispensehe. Das Gesuch dazu ging mit der Befürwortung von Dr. Menz an den Landeshauptmann von Salzburg. Allerdings kannte sich niemand mit den Bestimmungen aus und das Gesuch wurde irrtümlich nach Wien geschickt, wo es gut unter einem Aktenberg geruht hätte, wenn Dr. Menz nicht der Sache nachgegangen wäre.
Am 3. Mai kam endlich die Bewilligung und nach dreitägigem Aufgebot konnten wir auf der Bezirkshauptmannschaft in Tamsweg heiraten. Dr. Menz und Herr Eckel waren unsere Trauzeugen. Meine Mutter und Schwester Helga trafen aus Wien ein und brachten Grüße von meinem Vater mit. Ich hatte die Geburt von Gernot (dem ersten Sohn) erst am 20. Mai erwartet, er kam aber schon am 12. Mai auf die Welt, sechs Tage nach unserer Hochzeit. Er war somit "ehelich" geboren. Meine Adoption durch Tante Olga war also nicht notwendig gewesen. Unser Hochzeitstag wurde gefeiert mit einem schönen Maienspaziergang durch blumige Almwiesen mit kleinen Stiefmütterchen und vielen hölzernen Zäunen, die überstiegen werden mußten.

Die preußischen Beamten, die dann auch nach Tamsweg ins Arbeitsamt kamen, machten sich hier wie anderwärts in Österreich nicht gerade beliebt, wie meine Großmutter weiter berichtet.

Abb. 15: Aquarell von Wilhelm Schaufler (1892-1950)
1938 bis 1950 - Jahre in Zell am See

Am 12. Mai 1938 ist also der erste Sohn geboren worden. Ihm folgten in zügiger Abfolge noch sechs weitere Kinder. (Der jüngste Sohn, das siebte Kind, wurde 1947 geboren.) Einige Zeit später konnten meine Großeltern eine Wohnung im Haus von Dr. Menz beziehen (3, S. 27). Allerdings wurde mein Großvater noch im Jahr 1938 nach Zell am See versetzt, um die Stelle als Leiter des dortigen Arbeitsamtes anzutreten (3, S. 28).

Zu dem Leben in Zell am See sind noch einige schöne Fotos in den Familienalben zu finden. Seit 1938 erhielten Familien mit vier oder mehr Kinder 14- bis 15-jährige "Pflichtjahrmädchen" (Wikip., Kollektives Gedächtnis). Meine Großmutter wird somit ihr erstes Pflichtjahrmädchen nach der Geburt ihres vierten Kindes 1942 bekommen haben. Auf Abbildung 10 ist ein solches Pflichtjahrmädchen mit den Kindern zu sehen - im Hintergrund das "Steinerne Meer". Meine Großmutter schreibt über ihre Pflichtjahrmädchen in ihren Lebenserinnerungen:
Ich hatte damals immer Pflichtjahrmädchen zur Hilfe. (Sie hießen Jolanda, Hierlanda, Klara usw.) So konnte ich mehrmals in der Woche in der Mittagspause meinen Mann im Arbeitsamt abholen und wir konnten in eineinhalb Stunden schnell mit der Seilbahn auf die Schmittenhöhe fahren und mit den Skiern abfahren. Der Preis für die Seilbahn war damals niedrig und ich hatte allmählich Übung im Ski Fahren bekommen. 
Eigentlich eine tolle Einrichtung, diese Pflichtjahrmädchen. Warum gibt es das heute nicht? - Eine andere, hier nicht eingestellte Aufnahme entstand vor einem Trafo-Häuschen oder etwas ähnlichem in Zell am See. Interessanterweise scheint an der Tür ein Propagandazettel gehangen zu haben mit den groß gedruckten Worten "Die Tat" und "Das Opfer". Leider ist das kleiner Gedruckte nicht zu entziffern. Mein Großvater war jedenfalls froh, daß er während des Zweiten Weltkrieges "unabkömmlich" gestellt war und nicht ein zweites mal in den Krieg mußte.

Abb. 16: Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
1945 - Geburt des sechsten Kindes, Arbeitslosigkeit des Familienvaters

Ausgerechnet am 8. Mai 1945 brachte meine Großmutter ihr sechstes Kind zur Welt. Zu dieser Zeit waren alle ihre Wiener Angehörigen vor den Russen nach Zell am See geflüchtet (3, S. 31):
Es war der 8. Mai 1945, der Tag an dem die Amerikaner in Zell am See einmarschierten. Da wir Ausgangsverbot hatten und ich nicht wußte, ob mich meine Angehörigen im Krankenhaus besuchen konnten, blieb ich zur Entbindung lieber zu Hause. (...) Alle meine Angehörigen, die von Wien vor den Russen zu uns geflüchtet waren, mußten in die Küche verbannt werden. Ich vernehme noch heute im Geiste das Freudengeschrei aus der Küche, als die Hebamme die Ankunft von G. verkündet hatte.

Die ganze Zeit damals war recht aufregend. Gleich in unserer Nachbarschaft wurde im Hotel Austria amerikanisches Miltär einquartiert. Im Großen und Ganzen ging es uns unter der Besatzungszeit verhältnismäßig gut. Die Amerikaner verteilten Carepakete und ich bekam für die Stillzeit und für die Kinder reichlich Lebensmittel. Nur für die Normalverbraucher gab es ziemlich knappe Zuteilungen. Und ich hatte damals mit den Verwandten 15 Leute zu verpflegen, was oft nicht leicht war. Meine Schwestern und meine Cousine Gisela wurden nach einiger Zeit bei einem Bauern untergebracht und mußten für ihre Verpflegung Bauernarbeit tun. Gisela war ein ganzes Jahr bei Frau Pf. in Thumersbach, bevor sie zu ihrem Vater, der von Schlesien flüchten mußte, zurückkehren konnte (nach Bad Gandersheim).
Wie unterschiedlich mein Großvater und meine Großmutter zu den Zeitereignissen innerlich Stellung nahmen, geht aus dem nächsten Zitat meiner Großmutter hervor.

Warum wurde mein Großvater 1938 Mitglied der NSDAP?

Sie selbst konzentrierte sich ganz auf das Familienleben und hatte damit gewiss genug zu tun. Während mein Großvater, wie sie schreibt, sich "die ganze schwere Zeit sehr zu Herzen" nahm (3, S. 31f):
Mein Mann war der Erste gewesen in Zell am See, den man wegen seiner Parteizugehörigkeit zur NSDAP entlassen hatte. (...)  An dem Tag, als mein Mann nach Hause kam - nunmehr: „vogelfrei”, fragte ich, was er nun tun wolle. Er sagte: „Malen!” und nahm sein Malzeug und malte ein wildbewegtes Bild vom See mit dem Kitzsteinhorn. Leider wurde es später verkauft. Denn nun mußten wir vom Verkauf der Bilder leben; solange die Leute noch Geld hatten - bis zur Währungsreform - ging dies auch. Viele der schönsten Bilder gingen damals weg. Mir tat es um jedes gute Bild leid. Diejenigen Bilder, die mir besonders am Herzen lagen, ließ ich mir von ihm schenken, um sie vor dem Verkauf zu schützen. Bin ich doch oft bei unseren Wanderungen dabei gewesen, als sie entstanden. (...)

Willi nahm sich die ganze schwere Zeit sehr zu Herzen. Sah er doch, nun stellungslos, keine Zukunft mehr für sich und die Familie. Da ich noch jünger und optimistischer war, sagte ich manchmal zu ihm: „Wir können noch von Glück sagen gegenüber vielen anderen Menschen, wir leben noch, die Kinder sind gesund, wir haben ein Dach über dem Kopf und sind noch nicht verhungert. Andere sind ausgebombt und haben Angehörige verloren.”
Alle Umstände der Parteizugehörigkeit meines Großvaters, die zusätzlich dazu beigetragen haben können, daß er sich "die ganze schwere Zeit sehr zu Herzen nahm", sind aus dem Nachhinein nicht mehr restlos zu klären. In einem von ihm niedergeschriebenen Lebenslauf vom 8. April 1948 schreibt er:
Am 1. 4. 1926 wurde ich als Angestellter beim Arbeitsamte Salzburg aufgenommen, wo ich ununterbrochen bis zum 30. 6. 1945 verblieb. (...) Ich war Mitglied der NSDAP (ohne Funktionen und bin als Minderbelasteter eingestuft) und wurde ohne Wissen meiner vorgesetzten Behörde in Salzburg über örtliche Veranlassung von der amerikanischen Militärregierung am 30. V. 1945 meines Dienstes enthoben. Seither war ich als selbständiger Kunstmaler und anerkanntes Mitglied der Berufsgenossenschaft der bildenden Künstler tätig.
Eines der Kinder meiner Großmutter berichtet über die Zugehörigkeit des Großvaters zur NSDAP:
Meine Mutter erzählte nicht allzulange vor ihrem Tod darüber: er wäre als inoffizielles Mitglied geführt worden, was er selbst gar nicht gewußt hätte. Bei der Aufforderung, in die Partei einzutreten (wohl 1938) hätte er dies abgelehnt, aber - österreichisch verbindlich - stattdessen der Partei eine Spende gemacht. Als (vormaliges) Mitglied des Tannenbergbundes wollte er der NSDAP nicht beitreten. Er wäre den politischen Entwicklungen schon in der Anfangszeit der NSDAP kritisch gegenübergestanden im Gegensatz zu seiner Frau, die optimistischer war. 1945 wäre er "denunziert" worden. Unsere Mutter wäre drei mal beim (jetzt kommunistischen) Bürgermeister in Zell am See vorstellig geworden, um die Entlassung unseres Vaters aus der "Strafarbeit" (er schaufelte als Hilfsarbeiter beim Staudammbau in Kaprun) zu erreichen mit dem Hinweis, daß er dieser schweren körperlichen Arbeit nicht gewachsen wäre und die große Familie möglicherweise eines Tages der Gemeinde zur Last fallen werde.
Das Schicksal der Mitglieder des vormaligen Tannenbergbundes und der Ludendorff-Anhänger nach 1933 ist noch wenig erforscht. Zahlreiche landeten im Konzentrationslager. Aber andere sind auch früher oder später der NSDAP oder der SS beigetreten. Noch Anfang der 1940er Jahre beklagten sich Gestapo-Stellen (beim Ludendorff-Anhänger Landesgerichtsdirektor Wilhelm Prothmann [?]), daß dies unverhältnismäßig wenige wären. Umgekehrt sind auch manche vormalige Nationalsozialisten und SS-Männer, nachdem oder weil sie mit der Ludendorff-Bewegung in Berührung gekommen waren und aus der Kirche ausgetreten waren, innerlich in verschiedener Weise auf Distanz gegangen zur NSDAP. Ein gutes Beispiel dafür scheint mir mein Opa väterlicherseits zu sein, über den schon in einem anderen Blogbeitrag berichtet wurde.

Wie dargestellt war mein Großvater Wilhelm Schaufler bis 1936 nicht nur ein guter Freund von Edi Rainer, der offenbar auch aus patriotischen Gründen und in politischen Zusammenhängen von Salzburg ins Reich geflüchtet war, dort Mitglied der österreichischen Legion geworden war 1936 an der Eiger-Nordwand den Tod gefunden hat, sondern er war 1937/38 dem "Vater des Lungau", dem Kreisleiter Dr. Menz, zu viel Dank verpflichtet. Da derselbe ihm so vielseitig geholfen hatte bei der Gründung seiner Familie.

Ob sich mein Großvater deshalb - und weil Dr. Menz offenbar auch nicht zu den "Scharfmachern" gehörte -  bewogen gefühlt hat, einer ihm angetragenen Umwandlung seiner ihm selbst womöglich bis dahin unbekannten inoffiziellen Parteimitgliedschaft in eine offizielle 1938 nicht zu widersprechen - über all das liegt offenbar nichts Gewisses mehr vor. Jedenfalls redet sich mein Großvater 1948 in seinem Lebenslauf nicht lange heraus aus seiner Mitgliedschaft. Wer weiß auch, was der Gefühlsüberschwang des Jahres 1938 bei meinen Großeltern, für die derselbe ja wie geschildert ein doppelter gewesen ist, alles ausgelöst hat.


Mein Großvater hat nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg in Zeiten der Arbeitslosigkeit auch von dem Verkauf seiner Bilder gelebt. In dieser Zeit bezeichnete er sich als "Kunstmaler". Aber er hat darauf weder eine Existenz aufbauen können noch wollen.

Abb. 17: Auch mein Großvater mußte Zwangsarbeit leisten in Hallein nach 1945 - Hier Zwangsarbeit bei den Ennskraftwerken vor 1945 (Amazon)
1948 - Wiederanstellung beim Arbeitsamt Kaprun

Meine Großmutter berichtet weiter (3, S. 33):
Im August 1948 konnte Willi wieder in das Arbeitsamt eingestellt werden, doch mußte er nun auf der Außenstelle in Kaprun arbeiten und alle Tage hin und her fahren. Vorher hatte er als Hilfsarbeiter im Tauernkraftwerk arbeiten müssen, da wir nach der Währungsreform ohne Zahlungsmittel dastanden. (...)

Willi hat für den Speiseraum in der Küchenbaracke des Tauernkraftwerkes sieben große Bilder mit Leimfarben gemalt. Es wurden Jagdtiere gewünscht, die er in Landschaften seiner eigenen Skizzen gesetzt hat: Auerhahn auf einer Tanne in Abenddämmerung mit Steinernem Meer als Hintergrund, Gemse mit Großglockner, Murmeltier mit Kitzsteinhorn, Fuchs hinter einem Stein hervorkommend auf dem täglichen Waldweg der Arbeiter zum Lager, balzende Rebhühner usw.
Ob diese Bilder erhalten sind? Der Bau von zwei großen Staumauern für einen Stausee auf 2.000 Metern Höhe, also weit oberhalb der Baumgrenze im schwer zugänglichen Hochgebirge (Hochgebirgsstausee Kaprun), war schon 1928 konzipiert worden. 1955 konnte das Tauernkraftwerk Kaprun schließlich in Betrieb genommen werden (Wik). Mit dem schwer durchführbaren Großprojekt war erst 1938/39 nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich begonnen worden. Der Krafwerkbau spielte vor wie nach 1945 in der Propaganda eine große Rolle als eine heroische Tat des Menschen im Kampf mit den Naturmächten.

Schon während des Krieges wurden auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Der Bau kam aber - laut Wikipedia - in dieser Zeit kaum voran: "Ab 1947 wurde das Projekt mit enormen Mitteln aus dem Marshallplan gefördert." 1955 konnte das Kraftwerk schließlich in Betrieb genommen werden. Welche propagandistische Rolle der Kraftwerksbau in der damaligen Zeit hatte, geht auch noch daraus hervor, daß Heimatfilme wie "Ruf der Wälder" (a) *) aus dem Jahr 1965 auf ihn Bezug nahmen:
In die Filmhandlung wurde das Tauernkraftwerk Kaprun einbezogen, das symbolhaft für den Wiederaufbau Österreichs nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand und in mehreren österreichischen Heimatfilmen der Zeit eine zentrale Rolle spielte. (...) Gedreht wurde in und um Kaprun.
Oktober 1949 - Noch einmal: Malen!

Über die Zeit sechs Monate vor dem Tod meines Großvaters berichtet meine Großmutter (3, S. 30):
Lange hatte er nichts mehr gemalt. Durch das Malen nur zum Verkauf hatte er wohl die Freude und die Fähigkeit verloren, die Naturstimmungen so wie früher mit dem Pinsel zu erfassen. Wie erstaunt war ich - es war sechs Monate vor seinem Tod - als er eines Tages von Kaprun nach Hause kam und mich bat, seine Mappe zu öffnen: Es waren zehn der besten Aquarelle drin, die er in der letzten Zeit in der Mittagspause in Kaprun gemalt hatte.
Das war also etwa im Oktober 1949. Ein halbes Jahr später, am frühen Morgen des 3. Mai 1950, starb mein Großvater ganz überraschend mit 58 Jahren. Womöglich starb er daran, daß er - wie auch mein Opa väterlicherseits - Raucher war, was ihm meine Großmutter nie hatte abgewöhnen können. (Ein genetischer Test des Blogautors bei 23andMe im Jahr 2016 brachte an den Tag, dass es in der Familie eine erhöhte genetisch bestimmte Neigung gibt, an Nikotinsucht zu erkranken. Ebenso übrigens gibt es auch eine erhöhte Neigung zur Glatzenbildung. Beides Eigenschaften, die sich bei beiden Großvätern finden.) Meine Großmutter berichtet (3, S. 30f):
Im letzten Jahr war er oft sehr nachdenklich, sprach nicht viel und ich wußte oft nicht, wo er mit seinen Gedanken war. (...) Damals war Willi befreundet mit dem Arzt Dr. Zoepnick, der auch Aquarelle malte. Er besuchte ihn öfters am Abend. Dr. Zoepenick war wohl damals auch schon krank. Er starb etwas später an Schlaganfall. Als Willi nach Hause kam, so gegen neun Uhr und wir schlafen gingen, ließ ich mir noch erzählen, worüber sie sich unterhalten hätten. Er teilte mir mit, Dr. Zoepnick hätte ihm gesagt, er hätte nach vielen Jahren versucht, wieder zu beten - merkwürdig, was ich davon hielte? - Nun, wir schliefen bald ein. Morgens gegen halb fünf Uhr wachte ich auf durch Willis Stöhnen und nach Luft Schnappen, wie es schon einmal vierzehn Tage zuvor der Fall gewesen war. Damals wachte er dann bald auf und erzählte mir, er hätte geträumt. Er träumte öfters vom ersten Weltkrieg und machte dabei alle Situationen, bei denen er in Lebensgefahr war, noch einmal durch. Bei Wiederholung solle ich ihn wecken. - Ich versuchte es diesmal, richtete ihn im Bett etwas auf. Aber es kam nur noch ein letzter Atemzug nach einem Krampf und das Ende war da.
Meine Großmutter jedenfalls stand nun mit sieben Kindern allein da. Sie war 39 Jahre alt und fühlte sich, wie oben schon zitiert, jung und optimistisch. Sie stammte aus dem Wandervogel, außerdem stammte sie ab von zähen schlesischen, deutschbaltischen und englischen Vorfahren. Die sieben Kinder haben ihren Vater, der gestorben ist, als das älteste der Kinder erst zwölf Jahre alt war, als waren ihnen sehr zugewandt in Erinnerung.

Er bastelte gerne für sie Spielzeug, kleine Kästchen, Utensilien, die bis heute in ihrem Besitz geblieben sind. Alljährlich stellten die Mutter und ihre sieben Kinder - gemäß eines schönen Brauches in Zell am See - zu Weihnachten auf seinem Grab hoch über dem Zeller See ein kleines Bäumchen auf und zündeten daran Kerzen an. Als das Grab aufgelassen wurde, kam der Grabstein auf einen Friedhof an den Bodensee. Unter diesem ist heute unsere Großmutter und einer ihrer Schwiegersöhne begraben.

Abb. 18: Ölgemälde von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
1996 sagte dieser ihr im späteren Leben am nächsten stehende und ihr am meisten mit Verständis gegenüberstehende Schwiegersohn anläßlich ihrer Beerdigung über sie und den Großvater:
Die beiden stellten ihr Leben unter eine neue und eigene Gottauffassung, fern von den herkömmlichen christlichen Religionen. (…) Aber nur 12 Jahre des erfüllten Zusammenseins waren geschenkt: Wilhelm Schaufler starb unerwartet im Jahre 1950, im Alter von 58 Jahren. Wir Jüngeren bedauern alle es sehr, dass wir ihn nicht selbst näher kennen gelernt haben. Die Bilder, die er malte, sind ein Spiegel seines Wesens. (...) Mutter ist es gelungen, (…) die sieben Kinder zu gesunden, bescheidenen und tüchtigen Menschen heranzuziehen, die alle eine gute Berufsausbildung erhielten, und von denen zwei sogar ein Hochschulstudium durchlaufen konnten.
Über das Leben von Großmutter sicher noch einmal in einem anderen Beitrag.

(zuerst 17.11.2012; letzte Überarbeitungen: 30.8.14, 2.10.16)
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*) Mit den Mitteln des Heimatfilmes (!) wurde schon damals den Deutschen und Österreichern Gastarbeiter-Zuwanderung und -Integration schmackhaft gemacht. Man merkt dem Film aber an, wie das, was heute "normal" ist im Zusammenhang mit Multikulti-Propaganda, damals noch neu und ungewöhnlich war.
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  1. Bading, Ingo: Meine Ahnen und ihre Zeit. Facharbeit 10. Klasse, Realschule Homberg/Efze, Ostern 1982 (unveröffentlichtes Manuskript)
  2. Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid (Biographie). Weishaupt, Graz 1987 
  3. Schaufler, Ingeborg (1911-1996): Meine Wanderungen durch Zeit, Gebirge, Täler und Familien. Lebenserinnerungen über acht Jahrzehnte. Geschrieben von Februar bis Dezember 1990. Als Manuskript im Familienbesitz.
  4. Stolte, Georg (Tannenberg-Studentenbund) (Hg.): Der Kampf um Salzburg. Vorträge und Ansprachen der Deutschen Volkshochschule Salzburg vom 8. - 13. Scheidings 1931. Ludendorffs Volkswarte-Verlag, München 1931
  5. Bading, Ingo: 1931 - Ludendorffer wider die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg. Studiengruppe Naturalismus, 17.11.2012 
  6. Schausberger, Franz: Alle an den Galgen! - Der politische "Takeoff" der "Hitlerbewegung" bei den Salzburger Gemeindewahlen 1931. Böhlau, 2005 (Google Bücher)
  7. Kolmbauer, Hans; Spatzenegger, Hans: Das achtunddreißiger Jahr im Bundesland Salzburg. Zusammenfassung einer achtteiligen Hörfunkserie. Radio Salzburg, März bis November 1988. Österreichische Widerstandsbewegung prov. Landesleitung Salzburg 1. Mitteilungsblatt. Die Österreichische Demokratische Freiheitsbewegung als Wegbereiter der Demokratie. Programmatisches Rundschreiben. In: Salzburg - Geschichte und Politik, 18. Jahr, 2008, Nr. 1/2, S. 7 - 60 (pdf)
  8. Stock, Hubert: "... Nach Vorschlägen der Vaterländischen Front". Die Umsetzung des christlichen Ständestaates auf Landesebene, am Beispiel Salzburgs. Böhlau Verlag, 2010 (Google Bücher)
  9. Trenker, Luis: Sein bester Freund. Spielfilm 1962
  10. Oswald Oelz, Nadja Klier, Rupert Henning: Nordwand. Das Drama des Toni Kurz am Eiger. 1967
  11. Baur, Gerhard: Der Weg ist das Ziel - Die Eiger-Nordwand-Tragödie 1936. Bayerischer Rundfunk, Spielfilm 1981 oder 1986 (Film.at)
  12. Simpson, Joe: Drama in der Eiger-Nordwand. 2008. Discovery Channel. Dokumentarfilm (Youtube) Nach dem Buch desselben Autors "The Beckoning Silence" (dt.: "Im Banne des Giganten - Der lange Weg zum Eiger") (2003)
  13. Stölzl, Philipp: Nordwand. Spielfilm mit Benno Führmann, 2008 (Youtube)
  14. Lukas Wieselberg: "Österreichische Legion" - Ein Ranking der Nazi-Dichte. In: science.ORF.at, 23.3.2011, http://sciencev2.orf.at/stories/1678805//index.html

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