Samstag, 1. September 2012

Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel

Wie mein Opa Ludendorff-Anhänger wurde 
- Oder: Beim Blättern in alten Familienalben 

Es entsprach dem Selbstverständnis der Ludendorff-Bewegung - als Teil der völkischen Bewegung -, daß in ihr alle "Stände" und Bevölkerungsschichten vertreten waren. Viele Bauern fühlten sich von ihr angezogen ebenso wie zahlreiche Juristen. Auch Ärzte und Akademiker anderer Fachrichtungen. Volksschullehrer fühlten sich von ihr angesprochen ebenso wie Schmiedemeister, Beamte ebenso wie Arbeiter.

Da dem Autor dieser Zeilen über die Biographie eines einzelnen, "gewöhnlichen" Ludendorff-Anhängers besonders viel Material vorliegt (1), soll diese exemplarisch in diesem Beitrag vorgestellt werden. Es ist schwer zu sagen, wie typisch oder untypisch diese Biographie ist. Es handelt sich um die Biographie meines Opas väterlicherseits. 

Und um der Authentizität willen, wird es gut sein, wenn man persönliche Erinnerungen an ihn aus der eigenen Kindheit mit einfließen lässt. Mein Opa Otto Bading lebte von 1906 bis 1979. Er stieß "erst" im Jahr 1936 zur Ludendorff-Bewegung. Zu diesem Zeitpunkt war er schon seit 1927 Mitglied der NSDAP gewesen und Träger des "Goldenen Parteiabzeichens". - - -

Abb 1: Mein Opa Otto Bading in den 1930er Jahren
Er war also kein "alter Tannenberger", wie dies für so viele Ludendorff-Anhänger galt, die - mit ihrem ausgeprägten politischen und wenig ausgeprägten philosophischen Interessen - auch noch lange nach 1945 die Ludendorff-Bewegung zahlenmäßig bestimmen. Diese hatten irgendwann im Jahr 1927 oder 1928 von Erich Ludendorff gehört und von seinem Kampf gegen die Freimaurerei, hatten etwa einen seiner Vorträge besucht auf den damaligen Großveranstaltungen mit tausenden von Zuhörern und waren von einem solchen Vortrag so erschüttert gewesen, dass sie fortan "durch dick und dünn" gingen für "den General" und seine Frau.

Abb. 2: Mein Opa mit dem Hanomag-Trecker vor der Scheune
Aber es gibt eben auch noch andere Biographien. Und eine solche sei im folgenden herausgegriffen. Wenn ich dabei über die "persönlichen" Beziehungen meines Opas zum Gedankengut des Hauses Ludendorff wenig mitteilen kann, so liegt das einfach daran, dass ich erst zwölf Jahre alt war, als mein Opa starb und zu dem Zeitpunkt noch nicht alt genug gewesen war, um mich mit ihm über Politik oder weltanschauliche Fragen unterhalten zu können. (Darüber ist inzwischen, drei Jahre später, ein weiterer Blogartikel erschienen.)

Abb. 3: Mein Opa mit seinen Pferden (womöglich am Revers das goldene Parteiabzeichen)
Größtenteils ist also im folgenden einfach eine gewöhnliche Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts zu erzählen. Mit der Besonderheit eben, dass hier eine Familie teilnahm an der ersten wirklich großen deutschen Kirchenaustrittsbewegung des 20. Jahrhunderts, nämlich derjenigen zwischen 1936 und 1940, einer Kirchenaustrittsbewegung wie sie in Deutschland vom rein quantitativen Umfang her erst wieder erreicht worden ist im Jahr 1968.

Abb. 4: Hof Bading in Bahnitz (neben dem Haus die Autogarage)
Ein abgelegenes Dorf im Westhavelland

Mein Opa wurde im Jahr 1906 in Bahnitz an der Havel geboren, einem Dorf etwa auf halben Weg zwischen Brandenburg und Rathenow. Dieses Dorf liegt etwa achtzig Kilometer westlich von Berlin im heutigen Naturschutzgebiet Westhavelland und kann als sehr "abgelegen" bezeichnet werden. Es führt eine Straße hinein - aber keine hinaus. Denn diese Straße endet an der Havel.***)

Mein Opa war Bauer. Soweit sich die Stammbäume meines Opas und meiner Oma zurückverfolgen lassen, nämlich bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges, waren alle ihre Vorfahren Bauern und Müller. Und sie lebten alle im Umkreis von höchstens 50 Kilometern von Bahnitz entfernt. Das war also seit Jahrhunderten eine kleine, abgeschiedene Welt für sich.

Abb. 5: Meine Oma Johanna Bading in Bahnitz - im Hintergrund der Obstgarten mit Hausgänsen
Dennoch keine ganz unbedeutende Region. Immerhin wurde hier Otto von Bismarck zum Abgeordneten des preußischen Landtages gewählt. Immerhin ging aus dieser Region mancher bedeutende Beamte, Minister, General oder Industrielle des preußischen Staates hervor. So stammte etwa Carl Bolle, ein bedeutender Unternehmer im aufstrebenden Berlin Ende des 19. Jahrhunderts, aus dem nahegelegenen Milow. Seine dort noch heute erhaltene Villa (heute Jugendherberge) stellte Bolle seinen Mitarbeitern zur Erholung zur Verfügung.

Die großen Bauern in den Dörfern der Mark Brandenburg stammten wohl im Wesentlichen von den flämischen Siedlern ab, die der Erzbischof von Magdeburg und die brandenburgischen Herzöge im Hochmittelalter ins Land gerufen hatten (man vergleiche dazu noch den heutigen Namen des Höhenzuges "Fläming"). Die älteste Ansiedlungsurkunde in dieser Region ist für das Dorf Wusterwitz erhalten, das ganz in der Nähe liegt, und wo die Schwester meines Opas lebte. Ein Dorf Badingen gibt es heute noch in der Nähe der Stadt Stendal. Es ist nahe liegend, dass der Familienname von dort stammt.

Abb. 6: Mein Opa (ganz rechts) im Schleusen-Gasthof beim Skatspielen, zweiter von links sein (späterer) Schwager
Mein Opa war also in erster Linie Bauer. Wie alle seine Vorfahren. "Schlipfs Handbuch der Landwirtschaft", mit dem er 1923 ein Jahr lang an der Landwirtschaftsschule in Oranienburg die damals "moderne" Landwirtschaft erlernte, befindet sich noch heute im Familienbesitz (2, 3).

Abb. 6a: Beispiel für einen Dixi (1930)
Mein Opa war einer der ersten Bauern im Dorf, der die jeweils modernen, neuen Maschinen anschaffte. Und er war auch einer der ersten, der 1928 den Führerschein machte und sich ein Auto erwarb. Einen "Dixi" (s. Abb. 6a).

Der ganze Stolz der großen Bauern auf den Dörfern in der Mark Brandenburg - der Hof meines Opas hatte 44 Hektar - waren die Pferde (siehe Abb. 3). Mit Verwunderung hörte man davon, dass in anderen, ärmeren Regionen Deutschlands noch mit Kühen gepflügt wurde.

Abb. 7: Mein Opa mit seinen beiden ältesten Kindern vor seinem Haus (um 1935)
Damals gab es noch keine gepflasterten "Bürgersteige" neben der Dorfstraße und bei Regen standen große Pfützen vor den ausgefahrenen Hofeinfahrten, wie man auf alten Fotos sieht (Abb. 4). Mein Opa heiratete im Jahr 1932 eine Bauerntochter aus dem nahe gelegenen Dorf Zollchow. Nämlich meine Oma Johanna Bading (1910-1984). Noch im hohen Alter las sie gern "Kartoffeln mit Stippe" oder sah sich Fontane-Verfilmungen an (etwa: "Vor dem Sturm"). Weil sie in diesen die Welt ihrer ersten Lebenshälfte, bis 1945, wieder fand. Auch schenkte sie mir den Roman "Meines Vaters Pferde" und andere Pferde-Bücher, die diese Welt wiederspiegelten. Das war in etwa die Welt, in der auch meine Oma aufwuchs. Auf dem Gut in der Nähe des Dorfes Zollchow lebte die Familie von Katte, die bei den Bauern angesehen war, und von der auch meine Oma nie so sprach, als würde sie von gewöhnlichen Bauern sprechen.

Abb. 7a: 25. Mai 1935 - Mein Opa wird Mitglied im "BfG (L)"
Wie so häufig in der damaligen bäuerlichen Welt weigerte sich der Vater meines Opas, ein Gustav Bading, lange, den Hof zu übergeben. Aus Trotz ging mein Opa 1927 - damals ein junger, stürmischer Mann - für einige Zeit nach Sachsen, um dort in der Industrie zu arbeiten. (Zuerst als Wirtschaftsgehilfe in Thießen bei Wittenberg, dann in einer Fabrik in Glauchau in Sachsen.) Dort lernte er die NSDAP kennen und trat ihr 1928 bei. Endlich übergab sein Vater 1928 den Hof und mein Opa konnte schließlich auch heiraten. Das war 1932.

1932 - Im Wahlkampf

In jener Zeit war mein Opa in den Wahlkämpfen der NSDAP sehr engagiert. Er hatte seinen "Dixi" über und über mit Wahlkampfplakaten beklebt und fuhr so über die Dörfer. Wenn er Kommunisten begegnete, warfen diese ihm Steine hinterher. Mein Opa war aber ein ganz jovialer Mensch. Ihm machte das wenig aus. Noch heute erzählt der hochbetagte Hausnachbar, der damals ein halbwüchsiger Junge war, daß sie meinem Opa heimlich, wenn er mit seinem Hinterrad-Antrieb losfahren wollte, die Hinterräder hochhoben und das Auto, als er Gas gab, fallen ließen, so daß es einen Sprung nach vorne machte. Mein Opa drohte dann nur lachend mit dem Zeigefinger in den Rückspiegel und brauste ab.

Abb. 9: Meine Oma und mein Opa mit ihren beiden ältesten Kinder, flankiert rechts von Opas Schwester Lucie und links wohl von einem anderen Mädchen aus dem Dorf (um 1935)
Als einmal in einer Saalschlacht mit den Kommunisten in einer Gastwirtschaft (wohl in Plaue) sechzig Stühle zusammengeschlagen wurden, mußte die Mutter meines Opas den Schaden bezahlen.

Meinen Opa scheint das nicht weiter angefochten zu haben. Gerne klopfte er abends in der Gastwirtschaft eine Runde Skat (Abb. 6). Als ich etwa neun Jahre alt war, brachten mir meine Oma und mein Opa das Skatspielen bei. Und so auch zahlreiche "Sprüche", die Skatspieler so klopften und klopfen: "Und da verließen sie ihn und flohen in die Wüste" (beim Reizen) - und viele "Lebensweisheiten" ähnlicher Art. Jovialität war wohl das grundbestimmende Lebensgefühl meines Opas. Und vielleicht nicht nur meines Opas, sondern das der damaligen größeren Bauern auf den Dörfern überhaupt. Eine gewisse in sich ruhende Gelassenheit. Mein Opa war es auch, der mir das Schachspielen beibrachte. Es war ein großes Ereignis, als ich das erste mal gegen ihn gewann. (Oder als er mich gewinnen ließ. Darüber bin ich mir natürlich heute nicht mehr so sicher ...)

Abb. 10: In der Bahnitzer Feldmark - Otto und Johanna Bading mit Emma (Opas Schwester) und ihrem Mann Otto Lindenberg, einem Lehrer in Wusterwitz
Mein Opa war bei allen Kindern sehr beliebt. Gern saßen wir auf seinem Schoß und machten "Hoppe, hoppe Reiter". Gerne hörten wir, wenn er bei den Weihnachtsliedern mit seiner kräftigen Stimme einfiel. Meine Oma warf ihn immer aus der Wohnung, wenn er seine starken Overstolz-Ohne-Zigaretten (also ohne Filter) rauchte, von denen sie ihn nicht abbringen konnte, und die wohl auch zu seinem vergleichsweise frühen Tod beigetragen haben werden. Dann setzte er sich in seine Sitzecke im Flur vor mein Zimmer, zündete sich eine Zigartte an und hörte zu, während ich auf der Trompete das Stück "Der Trompeter von Vionville" übte. Diese Melodie kannte er irgendwoher.

Abb. 10a: Opas Mutter Emma Bading mit ihrer Enkeltochter (1936)
1934 wurde ihm sein erstes Kind, ein Sohn geboren, dem bis 1938 noch drei Töchter folgten.

Abb. 11: Meine Oma und mein Opa im Flugzeug, wohl auf dem damaligen Flugplatz Briest
Gern ließ er sich am Feierabend oder sonntags in Pantoffeln, mit Zigarre im Mund vor der Haustür mit seinen Kindern fotografieren (Abb. 7 - 9).

1933 - Ortsgruppenleiter, Amtsvorsteher und Bezirksbauernführer

Abb. 11a: 10. Okt.1936 - Meine Oma wird Mitglied im BfG
Auf einem solchen Foto sind auch noch die Schilder zu sehen, die damals an seinem Haus hingen. Mein Opa war nämlich - als Träger des Goldenen Parteiabzeichens - als "Ortsgruppenleiter" der NSDAP fünf Dörfer mit ihren jeweiligen "Blockwarten" unterstellt. Außerdem war er "Bezirksbauernführer" und hatte einen Aufsichtsposten in der Landeskrankenkasse inne. Und schließlich wurde er Amtsvorsteher, der auch über die Polizei verfügen konnte. Als 1945 "die Russen" kamen, hat meine Oma nicht nur seine gesamte Bibliothek verbrannt, sondern offenbar auch alle Fotografien, die ihn in Parteiuniform zeigten. Jedenfalls ist davon keine mehr vorhanden. Womöglich: "glücklicherweise".
Abb. 12: Meine Oma und mein Opa (1941)
Denn er scheint in der Tat sehr gerne, sogar sonntags bei Picknick-Fahrten ins Grüne mit dem offenen Mercedes (?) "den Führer" gegeben zu haben (siehe Abb. 10). Schließlich trug er dazu ja auch schon den Schnauzbart ganz so wie sein "großer Vorsitzender". Wie ernst er sich bei all dem selbst genommen hat, ist aus dem Nachhinein schwer zu sagen. Da war wohl immer auch eine Spur jugendlicher Übermut und bäuerliche Verschmitztheit dabei.

Mein Opa war ein Bauer, der kein Blut sehen konnte. Wenn geschlachtet wurde, war er immer woanders. Also wohl nicht gerade der Hollywood-Nazi.

Abb. 13: Johanna und Otto Bading mit ihren vier Kindern hinter der Scheune im Garten (1943?)
Um seinen Ämtern nachkommen zu können, wurde neben der Haustür rechts das Wohnzimmer in ein Empfangsbüro mit Schreibtisch - und Klavier - umgewandelt. Hier konnten die Leute vorsprechen. Hier auch konnte mein Opa stundenlang am Klavier sitzen, ohne daß das Schelten meiner Oma über die dabei vergeudete Zeit etwas ausrichten konnte. Da mein Opa seine Ämter nicht mehr mit der Wirtschaftsführung eines Bauernhofes vereinbaren konnte, wurde für letztere - wohl ab 1935 - ein Wirtschafter angestellt.

Abb. 14: Die Kinder inmitten von freilaufenden Schweinen und Hühnern
1935 - Kirchenaustritt

Und dieser Wirtschafter nun - um zur "Pointe" dieses ganzen Beitrages zu kommen - war Anhänger des "Hauses Ludendorff". (Er hieß mit Nachnamen Müller.) Erste Zweifel darüber, daß der Nationalsozialismus das Richtige wäre, waren meinen Opa - wie so vielen - schon anläßlich der Röhm-Morde im Juni 1934 gekommen. Mit dem Gedankengut des Hauses Ludendorff bot sich dazu eine Alternative an, von der er sich in sicherlich recht ernsten Gesprächen Schritt für Schritt recht gerne wird überzeugen haben lassen.

Mein Opa hat noch in den 1950er Jahren geglaubt (wie ich seinen Briefen entnehme, die in einem weiteren Beitrag ausgewertet wurden), das der damalige Gauleiter von Magdeburg Rudolf Jordan, jüdischer Herkunft sei. Er unterstellte jedenfalls damit schon zu diesem Zeitpunkt, dass die NSDAP das Gegenteil von dem bezwecken würde, als was sie nach außen hin vorgab. Im Prinzip sollte er damit ja auch recht behalten.

Abb. 15: Die Töchter mit drei Lämmern
Weitere Gründe waren: Das Kirchenchristentum hatte schon damals auf den norddeutschen Dörfern kaum noch Zugkraft. Mein Opa und meine Oma traten also 1935 aus der Kirche aus und wurden Mitglieder des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)". Sie ließen sich - den damaligen Gebräuchen folgend - standesamtlich als "gottgläubig" eintragen, nach dem März 1937 mit der staatlich anerkannten Religionszugehörigkeit "Gotterkenntnis (Ludendorff)".

Erich Ludendorff war etwa ab dem Jahr 1935 dem Dritten Reich auf halben Wege entgegengekommen, wenn er nun aussprach, dass Parteimitgliedschaft allein noch kein Hindernis für die Zugehörigkeit zu seiner Weltanschauungsgemeinschaft sei. Und in diesem Sinne wurde dies wohl auch von meinem Opa verstanden. Meine Oma war Mitglied der NS-Frauenschaft, Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft. Und mit dieser fuhr sie 1937 zum Reichsparteitag nach Nürnberg. Sie war beeindruckt davon, wie die dort anwesenden Österreicher mit ihren skandierten Rufen "Wir wollen heim ins Reich" alle Sperren durchbrachen. Wahrscheinlich machten mein Opa und meine Oma in dieser Zeit auch einen Rundflug, wahrscheinlich auf dem Flughafen Briest, wie eine Fotografie belegt (Abb. 11).

Abb. 16: Der Sohn auf dem Pferd, links mit dem serbischen Kriegsgefangenen Alexander (vor dem Kuhstall)
Noch wenige glückliche Jahre waren bis zum Kriegsausbruch geschenkt (Abb. 11 - 13).

Der Kriegsausbruch brachte für meinen Opa als Bürgermeister und Ortsgruppenleiter die Pflicht, den Angehörigen die Gefallenen-Meldungen zu überbringen. Auch musste er den Bauern die Kriegsgefangenen zuteilen oder sie denselben wieder wegnehmen, wenn diese sie nicht ordentlich behandelten. Womöglich ließen ihn auch solche Pflichten verstärkt nachdenken über den bisherigen politischen Weg seiner selbst und Deutschlands insgesamt.

Abb. 17: Mein Opa als Soldat (1942)
Die Kinder jedoch verlebten - Krieg hin oder her - eine glückliche Kindheit auf einem Bauernhof voller Tiere (Abb. 14 - 16). Auf unseren Hof kamen ein serbischer Kriegsgefangener, zwei russische Kriegsgefangene und eine russische Dienstverpflichtete. Der Serbe soll noch Wochen lang nach dem Einmarsch der Russen auf dem Hof geblieben sein und der Familie geholfen haben. Er ist den Kindern in menschlich hervorragender Weise in Erinnerung, wäre sehr gutmütig gewesen. Aber zu einem Drama kam es, als die Russin im Winter 1944 von dem Serben schwanger wurde. Sie lief von Genthin mit dem Kind zu Fuß bis nach Bahnitz, wobei das Kind starb. Darüber soll der kinderliebe Serbe todunglücklich gewesen sein.

1942 - Entlassung aus allen Ämtern

Abb. 18: Dez. 1944
Doch zurück zu meinem Opa. Er scheint seine Zugehörigkeit zur Anhängerschaft von Erich und Mathilde Ludendorff mit den Jahren offenbar immer ernster genommen zu haben. Womöglich entsprang daraus auch eine größere Gelöstheit, wie er sie auf den Fotos der Abbildungen 12 und 13 zeigt. Hier sieht man nicht mehr jene gewisse Steifheit, womöglich in Anlehnung an seinen "großen Vorsitzenden", wie er sie zuvor sozusagen als Parteibonze auf den Fotos mitunter demonstrierte oder auch nur glaubte, demonstrieren zu müssen.

Allerdings: Was er nun scheint, so ernst genommen zu haben, führte zu Konflikten mit seinen Parteioberen. Und zwar 1942 mit seinem Gauleiter Rudolf Jordan in Dessau. In den Kreisen der Ludendorff-Anhänger, die mein Opa damals kannte, wurde offenbar vermutet (wie schon erwähnt), dass Rudolf Jordan jüdischer Herkunft sei. Jedenfalls beschwerte sich mein Opa offenbar darüber, dass in der Presse des Gaues nicht ordentlich über Erich Ludendorff berichtet worden war. Und er vermutete dahinter dann eben sehr böse Machenschaften. Leider ist es bislang nicht gelungen, die Zeitungsberichte über Erich Ludendorff zu finden, die meinen Opa damals so ärgerten. 1942 hat es aber sicherlich - angesichts der außenpolitischen Lage - in vielen Menschen in Deutschland damals innerlich gegrollt.*) Jedenfalls wurde mein Opa vom Gauleiter vorgeladen und es soll zu einem sehr erregten Gespräch gekommen sein, bei dem man sich offenbar sogar angeschrien hat. Als mein Opa schimpfend den Raum verlassen hat, soll der Gauleiter ihm noch auf dem Gang hinterher gelaufen sein und ihn gebeten haben, doch nicht so laut zu schimpfen (so erinnert sich eine der Töchter).

Allerdings blieb dem Gauleiter dann doch nichts anderes übrig, als meinen Opa aller Ämter zu entheben. Damit war er - das war von vornherein klar - nicht mehr "unabkömmlich" gestellt und wurde unverzüglich zur Wehrmacht eingezogen. Was soll man zu diesem Vorgang sagen? Dass die NSDAP vor und nach 1933 von Wallstreet-Banken finanziert und gefördert worden ist, dafür gibt es viele Hinweise, auf die auch zum Beispiel Karlheinz Deschner in "Der Molloch" hinweist. Insofern muss die Ahnung meines Opas, dass mit der damaligen Politik der NSDAP etwas sehr grundsätzlich schief läuft, nicht völlig falsch gewesen sein. Dass er das nun ausgerechnet an einer solchen Einzelperson festmachte, wie diesem Gauleiter, mutet dann eher zeitbedingt an.

Immerhin war mein Opa doch bereit, seine Unabkömmlichkeit aufs Spiel zu setzen. Sie war ihm wahrscheinlich mit der Zeit zu bequem und ungerechtfertigt vorgekommen. Mein Opa war inzwischen 36 Jahre alt geworden und hatte noch nie Militärdienst geleistet. In dem Alter, in dem man sonst Wehrdienst leistete, gab es aufgrund des Versailler Diktates das 100.000-Mann-Heer mit Berufssoldaten und ohne allgemeine Wehrpflicht. Er musste also als "grüner" Rekrut (bei den Panzer-Grenadieren) anfangen und fühlte sich als solcher mitunter bei Ausbildern, die zehn Jahre jünger waren als er selbst, sehr unwohl.

Am 1. April 1942 wurde er als "Gewehr-Schütze" zum Gefreiten befördert. Zum Glück wurde mein Opa immer nur bei den Besatzungstruppen in Frankreich eingesetzt. Laut Soldbuch erhielt er auch zwei mal Ernteurlaub und zwei Sonderurlaube. An der Kanalküste baute er den sogenannten "Rommelspargel", der die Landung feindlicher Flugzeuge und Fallschirmspringer auf offenen Flächen verhindern sollte.

Abb. 19: Februar 1953 (a)
Einmal begegnete er ganz zufällig beim Durchmarsch durch eine französische Stadt seinem Neffen Siegfried Lindenberg (1924-1943) aus Wusterwitz, der vor einer Kaserne Wache stand. Sie riefen sich eine Verabredung für abends zu und konnten sich dann noch einmal sprechen. Hier sah mein Opa seinen Neffen zum letzten mal. Siegfried war blutjung, erst 19 Jahre alt, hell begeistert vom Nationalsozialismus und aus dieser Haltung wie selbstverständlich zu jedem Opfer bereit. Meinen Opa, der versuchte, ihm zu raten, seinen Kopf nicht gar zu weit herauszustrecken, hat er wohl nur wenig verstanden. Am 4. Dezember 1943 ist er als Unteroffizier des 9./Gren.Rgt. 431 im Ortslazarett Petrowitschi in Weißrussland - 560 Kilometer südwestlich von Moskau, 85 Kilometer südlich von Orsha und 20 Kilometer östlich von Mogilew auf dem Weg nach Tschaussy - seinen Verletzungen erlegen.**)

Wenn wir in den 1980er Jahren von Westdeutschland aus unsere Tante Emma, Opas Schwester, in ihrem heimeligen, altertümlich eingerichteten Haus in Wusterwitz, errichtet Anfang der 1930er Jahre im Heimatstil, besuchten, durften wir sie nie an ihren Sohn Siegfried erinnern. Ihr kullerten dann die Tränen über's Gesicht und sie sagte gar nichts mehr. Sein Bild hing immer über ihrem Schreibtisch.

Tante Emma hatte in ihrer Großzügigkeit viel Ähnlichkeit mit unserem Opa. Die Tischplatte war bei ihr beim Essen immer zum Zerbersten überfüllt. "Nun eßt man' noch ein bisschen, eßt man' noch," waren ihre vielgebrauchten Worte, die auch dann noch ausgesprochen wurden, wenn man kugelrund bis zum Anschlag war, und an die man sich noch heute erinnert, wenn man an sie zurück denkt. In ihren Betten versank man in riesigen Kissen- und Deckenbergen. Ihr schönes Haus in Wusterwitz hatte sie sich erbauen können von dem Geld, das ihr mein Opa nach der Übernahme des Hofes als Anteil ausbezahlte.

Über ihre Jugend nach dem Ersten Weltkrieg schrieb sie mir einmal (1, S. 72):
Meine Kindheit war Arbeit. Bis 14 Jahren ging ich in die Schule. Als ich raus kam (1918), wurde hart gearbeitet. Die Arbeitskräfte und wir mussten arbeiten: die Kühe melken, schleudern, buttern, alles mit der Hand, wir hatten keine Maschinen, die Schweine füttern, Kartoffeln dämpfen für das Vieh, für Gänse, Hühner, Enten. Die wurden dann im Herbst geschlachtet und verkauft. Holz und Kohle reinholen, heizen. Im Winter wurde das Korn gedroschen, immer ein paar Stunden vormittags und nachmittags. Denn Geld wurde auch gebraucht und Futter brauchten wir für das Vieh auch. (...) Wir hatten noch keinen Fernseher noch Radio und haben gesungen aus voller Kehle.
1944 - Gefangennahme im Elsaß

Nach der Invasion im Juni 1944 wurde mein Opa während des Rückzuges beim Übergang über die Schelde im Rücken leicht verletzt. Die Pferde, die er hielt, waren durch Granatsplitter an den Nüstern getroffen worden. Deshalb kam er blutüberströmt ins Lazarett und wurde mit Entsetzen in Empfang genommen. Aus dem nachfolgenden Genesungsurlaub wurde mein Opa vorzeitig abberufen, um noch einmal im Elsaß eingesetzt zu werden. Dort geriet bei Thann, in der Nähe von Mühlhausen, am 9. Dezember 1944 in französische Kriegsgefangenschaft (Abb. 18).

Abb. 20: Februar 1953 (b)
Womöglich habe ich diese Erzählung noch aus seinem eigenen Mund gehört, wie er mit seinem Leutnant auf einem Hügel gesessen sei und unten rundherum schon die Amerikaner (oder Franzosen) gewesen seien und wie nun wohl stillschweigend - und so auch von meinem Opa nicht offen ausgesprochen - die Frage zwischen den Soldaten im Raum stand, ob sie noch den "Helden" geben oder sich in Kriegsgefangenschaft begeben sollten. Womöglich blieb ihnen aber auch so oder so keine andere Wahl. In allem, was ich über meinen Opa habe erfahren können, finden sich jedenfalls keine Zeichen für irgendein soldatisches Draufgängertum. Er wird einfach froh gewesen sein, dass der Krieg für ihn zu Ende war.

Zwischen Ende 1944 und 1947 bekam meine Oma keine Nachrichten von ihm. Mein Opa galt als vermisst. In der Kriegsgefangenschaft musste er wochenlang unter freiem Himmel hinter Stacheldraht leben, später dann bei elsässischen Bauern sehr schwer arbeiten. Erst bei einer "Madame" soundso im Elsaß scheint es ihm zum Teil sogar sehr gut gefallen zu haben. Sein Leben lang benutzte er gerne französische Worte wie "Chaiselongue", "Chaussee" oder ähnliches. Als er schreiben darf, fordert er meine Oma sogar auf, sie solle doch mit den Kindern zu ihm ins Elsaß kommen. Er wollte gar nicht mehr zurück in sein Heimatdorf, das jetzt von den Russen besetzt und kommunistisch geworden war. Da sich aber meine Oma weigerte, kehrte er schließlich nach Hause zurück. Am 12. November 1947 ist er aus Gefangenschaft entlassen worden.

Das Kriegsende am 4. Mai 1945 in Bahnitz ist schon in einem anderen Beitrag geschildert worden, wobei auch Familienerinnerungen einflossen. Als mein Opa aus Kriegsgefangenschaft nach Hause kehrte, war das Leben dort für die großen Bauern kein Leben und kein Sterben. Die Russen hatten 1945 den gesamten Viehbestand beschlagnahmt und es war für meinen Opa sehr schwer, denselben wieder aufzubauen, um das "Ablieferungssoll" überhaupt erfüllen zu können (Abb. 19, 20). Die großen Bauern wurden von staatlicher Seite schikaniert, wo es nur ging, damit diese "freiwillig" in die "Kolchose", die "Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft" eintreten würden. Fast keiner der großen Bauern in Bahnitz hat dies getan. Sie sind fast alle im Jahr 1953 mit ihren Familien hinüber "in den Westen gegangen", also geflüchtet.

Abb. 21: Mein Opa wohl Ende der 1950er Jahre in einem dreirädrigen Messerschmitt Kabinenroller, daneben eine seiner Töchter
1953 - Nach Westdeutschland wegen der Zwangskollektivierung in der DDR

Mein Opa hatte 1947 keine Schwierigkeiten mit der "Entnazifizierungskommission". Zu ihr wurde er schon am 18. Dezember 1947 vorgeladen. Kommunistische Arbeiter sprachen sich als Zeugen für ihn aus. Nun, 1953, kam der kommunistische Bürgermeister eines abends spät an das Wohnzimmerfenster und flüsterte meinem Opa zu: Wenn du morgen früh nicht weg bist, muss ich dich festnehmen. Und so ist mein Opa noch in der Nacht nach Westberlin gefahren (ins Aufnahmelager Marienfelde). Wenig später kam die ganze Familie unauffällig nach. Die eine Hälfte der Kinder brachte Tante Emma nach Westberlin, die andere Hälfte fuhr mit meiner Oma, damit es nicht zu auffällig wurde. Dennoch wurde meine Oma im Zug von der Volkspolizei streng verhört, konnte sich aber durchmogeln. Im Aufnahmelager Marienfelde trafen sich dann die Familien fast aller großer Bauern des Dorfes wieder, die nur wenige Tage später ebenfalls geflüchtet sind.

Abb. 22: Mein Opa in Wehe/Westfalen (1963)
Übrigens war sein Sohn während seiner Kriegsgefangenschaft vom Pfarrer in Bahnitz noch konfirmiert worden. Dieser Pfarrer erklärte seinem Sohn: "Wegen solcher Leute wie Deinem Vater haben wir den Krieg verloren." Er meinte: weil mein Opa aus der Kirche ausgetreten war, hatte Deutschland den Krieg verloren. Immerhin bezeichnend für das Denken der damaligen Zeit.

Oma und Opa übersiedelten nach Espelkamp in Westfalen, wo sie sich eine bescheidene Existenz aufbauen konnten. Die Kinder waren nun alle aus dem Haus. Mein Opa arbeitete zunächst auf einem Gut bei Warburg, dann in einer Ziegelei. Später als Nachtwächter. Da hatte er seine Ruhe vor den Menschen, die ihn nach Kriegsende und Vertreibung mehr noch als zuvor nur ärgerten und deshalb den Buckel herunter rutschen konnten. Als wirklich einmal Einbrecher kamen, versteckte er sich.

Die Enkelkinder - Eine neue Generation wächst heran

Abb. 23: Mein Opa und ich auf meinem siebten Geburtstag (März 1973)
Die Abbildungen 23 bis 25 geben meinen Opa wieder, wie ihn alle in Erinnerung haben, die ihn noch kennengelernt haben. In unserer Familie in Westdeutschland sagten wir zwar nicht wie die Juden "Und morgen in Jerusalem", also: "Und morgen in Bahnitz". Aber es war schon einigermaßen ausgemachte Sache in meiner Kindheit, daß ich nach der Wiedervereinigung, von der man als sicher ausging, den Hof in Bahnitz wieder übernehmen würde und die Familientradition fortsetzen würde.

Abb. 24: Mein Opa mit zwei seiner Enkelkinder (etwa 1973)
Es kam zwar nicht alles anders - aber das meiste.

Mein Opa half an seinem Lebensende noch viel im Betrieb seines Sohnes mit, der selbständig war. Im großen Garten gab es immer irgendwo etwas zu tun. Wenn irgendwo ein großer Stein zu bewegen war, wenn ein Ast abzusägen war - oder was immer - holte er mich mit dazu und dann machten wir es gemeinsam. Opa war ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Kindheit.

Abb. 25: Mein Opa (etwa 1976)



- Als mein Opa 1979 starb, kamen seine Töchter aus den USA, kam seine Schwester und seine Schwägerin aus der DDR, kam sein Neffe aus Südafrika. Sie alle versammelten sich noch einmal um sein Grab. Und im Wohnzimmer wurden Familienerinnerungen ausgetauscht. Es wurde mehr gelacht als geweint. Meinen Opa hatten alle gern gemocht.

Abb. 26: Mein Opa 1978
Was von meinem Opa bleibt? Es wird - "nimm nur alles in allem" - ein schönes Leben gewesen sein, das er geführt hat. So oder so.

Abb. 27: Mit meinem Opa, März 1979

/Ein zweiter Teil zu diesem Blogartikel folgt --> hier./
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*) In einem allgemeinen Brieftelegramm vom 17. Februar 1941 schrieb Mathilde Ludendorff damals (wohl an verschiedene Anhänger): "Es freut mich, daß Sie Entstellungen über die Leistungen meines verstorbenen Mannes im Weltkrieg nur mit Entrüstung lesen können. Wir wehren sie auch ab, soweit es möglich ist, aber ich glaube, die Bemühungen sind auch vergeblich. Die Wahrheit wird sich durchsetzen." (4) Darauf kommt sie noch einmal zurück in einem Verlagsrundbrief vom 9. April 1941 (4), in dem sie "so viele Klagen darüber" anspricht, "daß des Feldherrn Taten verschwiegen, ja sogar verzerrt würden, daß da oder dort sein Name nicht genannt, sein Gedenken nicht gefeiert sei." Sie schrieb dazu: "Gewiß vertrete hier wie überall jeder die Wahrheit, dulde jeder in seiner Umwelt keine Entstellung." Wichtiger aber noch sei, durch eigenes Handeln auch sonst sich des großen Vorbildes Erich Ludendorffs würdig zu erweisen. Sie schreibt: "Klare, unantastbare, moralische Wertungen, wie sie im Werke 'Triumph des Unsterblichkeitwillens' gegeben sind, gilt es in der eigenen Seele allein zur Herrschaft zu bringen. (...) Je herrlicher dies dem einzelnen gelingt, um so mehr werden seine Klagen über Verkennen und Verschweigen verstummen." (4) - Der Anlaß, der den Ärger meines Opas hervorrief, war also ein solcher, wie damals innerhalb der Ludendorff-Bewegung viele ähnlich wahrgenommen worden sind. Womöglich von den neu hinzugekommenen Ludendorff-Anhängern - wie meinem Opa - noch stärker als von den schon älteren. Diese waren das ja womöglich schon seit längerem - "gewohnt" und erwarteten nichts anderes.

**) Er liegt auf dem Soldatenfriedhof Goleni Reihe 2, Grab 2 begraben - laut Auskunft des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge (vom 16.1.2007 - nach den Angaben der "Deutschen Dienststelle", ehemalige Wehrmachtauskunftstelle, Berlin). Wie übrigens auch andere Soldaten aus dem Land Brandenburg. Er hatte im Rahmen der 131. Infanterie-Division gekämpft. Über diese heißt es auf Wikipedia:
1943 wurde die 131. ID bei  Kirow eingesetzt und war dort Abwehrkämpfen mit der Roten Armee bei Kirow, Jakimowo und Bjeloy ausgesetzt. Der Druck des Gegners wurde zu stark, so dass sich die Division über die Desna zurückziehen musste, von dort aus ging es weiter in Richtung Westen über Bogdanowo, über den Sosch bis zur Pronja südlich von Tschaussy. Am Fluß Pronja war die Einheit erneut in Stellungskämpfe verwickelt.
Die hier geschilderten Kämpfe zogen sich - wie mit Google Maps recherchierbar ist - über etwa 300 Kilometer hin: Kirow (Oblast Kaluga) liegt 300 Kilometer östlich von Petrowitschi, jenem Ortslazarett, in dem Siegfried Lindenberg am 4. Dezember 1943 gestorben ist. Roslavl, an einem Nebenfluß des Sosch gelegen, liegt 180 Kilometer östlich von Petrowitschi. Tschaussy (= Tschawussy am Fluß Pronja) liegt 27 Kilometer östlich von Petrowitschi. (Einige weitere Angaben dazu hier.)

***) (Ergänzung März 2016:) Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war mein Opa acht Jahre alt. Mein Opa hat - meines Wissens - nie davon erzählt, wie er den Ersten Weltkrieg erlebt hat. - Wie Kinder seiner Generation die Zeit des Ersten Weltkrieges erleben konnten, geht vielleicht ganz gut hervor aus einem Buch des friesischen Schriftstellers Gustav G. Engelkes (1905-1973) "Weltkrieg brennt in Jungenherzen" (5). Es ist im Internet frei zugänglich. Engelkes war fast gleichen Jahrgangs wie mein Opa und es gibt auch noch weitere Parallelen in beider Leben. Sie traten beide 1935 aus der Kirche aus. Und auch Gustav G. Engelkes sympathisierte - wie mein Opa - ab dieser Zeit mit der Ludendorff-Bewegung, er veröffentlichte im Ludendorffs Verlag und in Verlagen, die diesem nahe standen, viele Romane und Erzählungen und 1938 auch eine Schrift über den "Deutschen" Ludendorff ("Dank an einen Großen. Weckruf an das Volk. Eine Dichtung"). - Nachzutragen zur Jugend meines Opas wäre bei dieser Gelegenheit noch, dass er als junger Mann Mitglied des damals bestehenden Turnvereins Bahnitz war, und dass es Fotos gibt, auf denen er mit anderen stolz, stramm und selbstbewusst in Turnkleidung zu sehen ist.
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  1. Bading, Ingo: Meine Ahnen und ihre Zeit. Facharbeit 10. Klasse, Realschule Homberg/Efze, Ostern 1982 (unveröffentlichtes Manuskript)
  2. Schlipf's Handbuch der Landwirtschaft. Vierundzwanzigste Auflage, Verlagsbuchhandlung Paul Parey, Berlin 1922
  3. Wölfer, Dr. phil Th.: Grundsätze und Ziele neuzeitlicher Landwirtschaft. Achte, neubearbeitete Auflage. Verlagsbuchhandlung Paul Parey, Berlin 1921
  4. Bading, Ingo: Kriegsbriefe Mathilde Ludendorffs - Seit Jahrzehnten ungetane Arbeiten des Ludendorff-Archives. Studiengruppe Naturalismus, 29. Januar 2013 
  5. Engelkes, Gustav G: Weltkrieg brennt in Jungenherzen! Verlag von Julius Beltz, Langensalza, Berlin, Leipzig 1933 (5. Aufl. 1935, 6. Aufl. 1936) (95 S.) (freies pdf)

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