Montag, 23. Januar 2012

Ludendorff in Berlin 1919 und 1920

"Eine schöne Wohnung in der Viktoriastraße, ganz in der Nähe des Tiergartens"

Erich Ludendorff wohnte vom April 1919 bis August 1920 in der Viktoriastraße in Berlin-Tiergarten. Dies war nicht nur, wie er schreibt, ein für ihn sehr zufriedenstellender Wohnsitz, sondern auch - was er nicht erwähnt - ein sehr repräsentativer. Letzteres soll im vorliegenden Beitrag ausgeführt werden. Ebensowenig erwähnt er, daß sich dieser Wohnsitz in unmittelbarer Nähe seines früheren langjährigen Arbeitsortes befand, nämlich des Generalstabsgebäudes am Königsplatz. (Dessen Geschichte wurde inzwischen in einem anderen Beitrag erabeitet.) Indem man sich mit der Geschichte des Kemper- und des Königsplatzes beschäftigt, wird zugleich ein Blick auf die Stadtgeschichte Berlins, insbesondere des Bezirkes Tiergarten geworfen. Erich Ludendorff schreibt in seinen Lebenserinnerungen (4, S. 51):
In meinen persönlichen Verhältnissen trat insofern eine Änderung ein, als ich (...) in Berlin eine schöne Wohnung in der Viktoriastraße, ganz in der Nähe des Tiergartens, erhielt. 
Es war die Wohnung der Schwiegermutter des Hauptmanns von Treuenfeld, eines Offiziers, der unter Ludendorff im Großen Hauptquartier gearbeitet hatte, und ihm bis an sein Lebensende wichtige Adjutanten-Dienste leisten sollte (4, S. 53):
Seit Anfang Ostermond (April) 1919 hatte ich nun wieder, wenn auch keine eigene, so doch eine mir ungemein zusagende Wohnung. (...) Natürlich mußte ich mir auch Bewegung verschaffen. Der Tiergarten bot dazu eine schöne Gelegenheit.
Abb. 1: Berlin-Tiergarten, Viktoriastraße 26 (vor 1938) - mit der anschließenden Häuserzeile bis Nr. 22
Ludendorff wohnte in der Hausnummer 26 (Uhle-Wettler, S. 381, spricht von Hausnummer 24 A). So laut einer englischen Veröffentlichung von Hayden Talbot aus dem Jahr 1920, so auch in einer deutschen Veröffentlichung des Jahres 1921 und den Erinnerungen des deutschen Journalisten Paul Lindenberg aus dem Jahr 1941. Letzerer schreibt:
Vormittags Besuch bei Ludendorff. Er hatte nirgends Unterkunft gefunden und bewohnte als Gast eines Herrn Neumann aus Hamburg ein Viktoriastraße 26 gelegenes Patrizierhaus, mit hohen Zimmern, alten Gemälden, schönen Silbersachen. 
Das Haus in Nummer 26 war 1864/65 vom Berliner Architekturbüro von der Hude & Hennicke erbaut worden und ist im Zuge der Hauptstadt-Planungen von Albert Speer 1938 mit allen anderen Häusern an diesem Ort abgerissen worden.

Abb. 2: Berlin-Tiergarten - Viktoriastraße, Situationsplan 1860 (eingenordet)
Kemperplatz und Viktoriastraße - ein repräsentativer Teil der Stadtgeschichte Berlins

Anhand einer Bilder-Suche "Berlin Viktoriastraße" auf der Seite "Bildindex" kann man sich einen Überblick verschaffen über die vornehme Wohngegend, in der sich diese Wohnung befand, und die bis 1938 bestand. Wenn Ludendorff aus der Viktoriastraße in den Tiergarten gelangen wollte, um sich "Bewegung zu verschaffen", konnte sein Weg leicht über den Kemperplatz führen. Anhand der Geschichte dieses Platzes kann man sich ebenfalls nicht nur verdeutlichen, in welch einer repräsentativen Wohngegend Ludendorff damals wohnte, sondern auch wichtige Aspekte der Geschichte Berlins überhaupt zur Kenntnis nehmen. Heute liegt am Kemperplatz zwar die Berliner Philharmonie. Sonst aber erinnert dort so gut wie gar nichts mehr an das dortige frühere städtebauliche Flair. Der Kemperplatz ist nach 1945 ähnlich stark umgewandelt worden wie der nahegelegene Potsdamer Platz, insbesondere durch den Bau des Tiergartentunnels. Er ist heute kein Platz mehr, der zum Verweilen einlädt. 

Abb. 3: Blick vom Kemperplatz in die Lennéstraße (1883) (links der Tiergarten, rechts Wrangelbrunnen)
Das war bis 1945 ganz anders. Die städtebauliche Erschließung südlich des Tiergartens hatte erst knapp hundert Jahre zuvor begonnen. Im Jahr 1858 erhielt der Kemperplatz seinen Namen und zwar schlicht nach dem Familiennamen des Inhabers des dort gelegenen Wirtshauses. Hier am Rande des Tiergartens entstanden nun in den nächsten Jahren prachtvolle Villen und Stadtwohnungen. Im Netz finden sich gegenwärtig über 100 Hausansichten und architektonische Skizzen von der vergleichsweise gut situierten Villen- und Wohngegend der Viktoriastraße, einer Straße, die es heute - ebenso wie ihre Verlängerung über den Kemperplatz nach Norden, nämlich die damalige Siegesallee - gar nicht mehr gibt (siehe unten, bzw. Google Maps). 

Abb. 4: 1877 bis 1902 stand auf dem Kemperplatz der Wrangelbrunnen - im Hintergrund die Siegessäule vor dem Reichstag
1867 bis 1871 war das Generalstabsgebäude für Helmut von Moltke errichtet worden auf dem gleichzeitig gestalteten Königsplatz, auf dem die berühmte Berliner Siegessäule aufgestellt wurde, der gegenüber 1884 bis 1894 das heute noch bestehende Reichstagsgebäude errichtet worden ist. (1938 wurde die Siegessäule auf ihren heutigen Platz am "Großen Stern" versetzt.) 

1895 nun wurde auf Betreiben Kaiser Wilhelms II. auch noch zusätzlich eine "Siegesallee" als eine Prachtstraße in Nord-Süd-Richtung durch den Tiergarten hindurch angelegt in Verlängerung der Viktoriastraße nach Norden (über den Königsplatz hinweg bis zur Alsenstraße im Spreebogen). Hierzu wurde auf dem Kemperplatz der vorherige Wrangelbrunnen durch den repräsentativeren Rolandsbrunnen ersetzt. Die Geschichte dieser Siegesallee  ist ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte Berlins, versuchte Kaiser Wilhelm II. doch in dieser Prachtallee das kaiserliche und geschichtliche Selbstverständnis der Hohenzollern zu inszenieren. Der 1902 aufgestellte Rolandsbrunnen auf dem Kemperplatz
markierte das südliche Ende der Siegesallee, deren nördlicher Endpunkt die Siegessäule vor dem Reichstag war. Zwischen beiden Bezugspunkten befand sich die Siegesallee. (...) Zu beiden Seiten der beiten Achse befanden sich 35 Denkmäler, die die Herrscher Brandenburg-Preußens zwischen 1157 und 1888 darstellten.  (...) Der Rolandsbrunnen wurde im Kriege so stark zerstört, dass man Anfang der 1950er Jahre die Reste abräumte.  Die Siegesallee verschwand nach dem Kriege. Die russische Administration verlegte eines der drei russischen Kriegerdenkmäler Berlins bewusst auf den ehemaligen Schnittpunkt der Siegesallee mit der Ost-West-Achse und unterband so die alte Prachtstraße. Heute macht lediglich ein Fußweg von der "Straße des 17. Juni" zum Kemperplatz den alten Straßenverlauf noch erfahrbar. (Bilderbuch Berlin)
Was für eine inhaltsreiche Geschichte in diesen wenigen Worten abgehandelt ist! Die Denkmäler der Siegesallee waren schon zuvor von den Nationalsozialisten entsprechend ihrer städtebaulichen Umgestaltung von Berlin umgesetzt worden. 

Abb. 5: Das 1902 aufgestellte Rolandsdenkmal auf dem Kemperplatz
Im Jahr 1920, in jenem Jahr, in dem der General Ludendorff hier wohnte, wurde der Rolandsbrunnen auf dem Kemperplatz in eine Verkehrsinsel umgewandelt.

Abb. 6: Der Kemperplatz in den 1930er oder 1940er Jahren (a)
1945 gehörte die Gegend um den Kemperplatz dann zu den zerstörtesten Gegenden Berlins. Da der    Baumbestand des Tiergartens platt gemacht worden war, ergab sich eine ungewöhnliche freie Sicht bis zum Reichstagsgebäude und bis zum Brandenburger Tor. Die Rüstungsindustrie Englands und der USA hatte ganze Arbeit geleistet. Sie schaffte es als einen der vielen Kollateralschäden ein riesiges Parkgelände einzuebnen. Sie betätigte sich an dieser Stelle als Waldrodungsgesellschaft.

Abb. 7: Blick vom Kemperplatz in Richtung Reichstag (1946)


Abb. 8: Kemperplatz mit Rolandsbrunnen (1946)



Abb. 9: Blick von der Viktoriastraße in Richtung Reichstag (1954)
Ludendorff während der Novemberrevolution 1918/19 in Berlin

Es sei nun in die Jahre 1919 und 1920 zurückgekehrt, um noch einige Details zur Anwesenheit Ludendorffs in dieser Gegend in jenen Jahren nachzutragen. Am 26. Oktober 1918 war General Ludendorff ganz in der Nähe, im Schloß Bellevue im Tiergarten von Kaiser Wilhelm II. entlassen worden (4, S. 23):
Am 28. früh war ich bereits wieder in Berlin und nahm Wohnung in einer Pension in der Keithstraße.
Die Keithstraße liegt südlich des Tiergartens, aber weiter westlich, etwa eine Viertelstunde Fußweg vom Bahnhof Zoo entfernt. Da sich am 9. November 1918 "zweifelhafte Gestalten" in der Pension nach ihm erkundigten, da er am gleichen Tag Warnungen eines höheren Offiziers der Nachrichtenabteilung des stellvertretenden Generalsstabs darüber erhielt, daß Anschläge gegen ihn geplant seien und da ihn auch die Inhaberin der Pension im Namen der anderen Gäste darum bat, diese zu verlassen (3, S. 28), ging er für   zwei Tage zu seinem Bruder nach Potsdam (4, S. 29):
Ich kehrte am 11. nach Berlin zurück. Ein Offizier meines Düsseldorfer Regiments, Hauptmann Breucker und seine Gattin nahmen mich gastlich auf.
Vom 11. bis 15. November 1918 wohnte Ludendorff dann bei diesem Hauptmann Breucker in der Güntzelstraße 66 im zweiten Stock. Sie liegt noch weiter westlich, eine halbe Stunde Fußweg (zwei Kilometer) südlich vom Kurfürstendamm. Das Haus (siehe Foto: 4, S. 32) scheint heute noch vorhanden zu sein.

Am 15. November fuhr Ludendorff dann schließlich in Absprache mit der damaligen Reichsregierung nach Warnemünde, von dort nach Kopenhagen und von dort nach Malmö in Schweden. Dort schrieb er seine "Kriegserinnerungen". Mitte Februar 1919 kehrte er nach Berlin in die Güntzelstraße 66 zurück. Dann hat er noch einige Tage im Hotel Adlon gewohnt, wo er beim Heraustreten in die Wilhelmstraße große Massendemonstrationen von "Links" und "Rechts" erlebte. Dann schreibt er (4, S. 51 - 53):
Ich erhielt eine schöne Wohnung in der Viktoriastraße, ganz in der Nähe des Tiergartens. Hier wohnte Frau Newman, die Schwiegermutter des Hauptmanns v. Treuenfeld, der im Hauptquartier im Osten und im Großen Hauptquartier unter mir gearbeitet hatte. Er ist einer der wenigen aus jenen Tagen, die in unwandelbarer Anhänglichkeit mir zur Seite standen. Da seine Schwiegermutter in Hamburg eine Wohnung hatte und dort einziehen wollte, überließ sie mir mit größtem Entgegenkommen die Berliner Wohnung, auch in Erinnerung ihres Mannes, der mir im Weltkriege sehr viel entgegengebracht und in das wirtschaftliche Leben Deutschlands erfolgreich eingegriffen hatte, bis ihn ein recht plötzlicher Tod dahinraffte.
Auf dem Wikipedia-Artikl zu Karl von Fischer-Treuenfeld (1885-1946), kann man unter anderem nachlesen:
Fischer-Treuenfeld heiratete am 5. Juni 1919 in Hittfeld Lenore Newman (* 7. Februar 1901 in Hamburg; † ....), die Tochter des Kaufmanns Henry P. Newman und der Maria-Louisa von Düring. 
Die Viktoriastraße in Berlin-Tiergarten lag fünf Minuten Fußweg vom Potsdamer Platz und vom Tiergarten entfernt. Auch sie scheint während des Zweiten Weltkrieges sehr stark mitgenommen worden zu sein. Denn dort, wo sie von 1858 bis 1970 verlief, stehen heute die Berliner Philharmonie, das Kulturforum und die Neue Nationalgalerie. Von der Viktoriastraße ist heute im Stadtbild nichts mehr zu sehen.

Die Viktoriastraße setzte die damalige Siegesallee nach Süden bis zum Landwehrkanal fort. Im Osten lief ihr ungefähr parallel die "Alte Potsdamer Straße", die im Bereich der heutigen dortigen Staatsbibliothek entlanglief. Die heutige Potsdamer Straße ist um das Gebäude der Staatsbibliothek nach Westen verschoben worden. Im Westen lief ihr parallel die Matthäikirchstraße mit der zugehörigen, heute noch einen markanten sichtbaren Orientierungspunkt bildenden St. Matthäus-Kirche. (Um den Vergleich mit Google Maps zu erleichtern, ist der Situationsplan der Viktoriastraße von 1860 hier im Beitrag "eingenordet".)  

Die Viktoriastraße machte - im Bereich der heutigen Sharonstraße - vom Kemperplatz von Norden kommend einen Knick und lief dann versetzt weiter bis zum Landwehrkanal.

Abb. 10: "Victoriastraße" 37 am Kemperplatz, 1927 erbautes Cafe am Tiergarten
Um die Zeit, in der Ludendorff in die Viktoriastraße zog, bewegte sich auch Harry Graf Kessler oft in derselben. Er besuchte dort den Grafen Brockdorf-Rantzau (lt. Tagebücher). Hier empfing Ludendorff mehrere Prinzen des Hauses Hohenzollern, den späteren Reichspräsidenten von Hindenburg und hatte Ludendorff auch (4, S. 65)
um die Jahreswende 1919/20 die Unterredung mit Professor Max Weber, der ihn überreden wollte, sich als Opfer für das Deutsche Volk den Ententgerichten zu stellen.
Im Fotoarchiv der Süddt. Ztg. findet sich eine Fotografie, datiert auf das Jahr 1919 mit dem Erläuterungstext:
Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff (li.) in der Wohnung Ludendorffs in Berlin, Viktoriastraße.
Ob das Foto nach Zeit und Ort richtig bestimmt ist, muss hier einstweilen dahin stehen. 

Das Scheitern des Kapp-Putsches am 17. März 1920

Abb. 11: Ignaz Trebitsch-Lincoln
Das Hauptquartier des Kapp-Putsches befand sich nur einige Hausnummern weit entfernt in der Viktoriastraße 20. Und auch der offenbar im Dienste des britischen und amerikanischen Geheimdienstes stehende Abraham Schwarz, auch bekannt unter dem Namen Moses Pinkeles, bzw. bekannt vor allem unter dem Namen Ignaz Trebitsch-Lincoln (1879-1943) (s. Abb. 11) ist laut seiner 1931 erschienenen Lebenserinnerungen häufiger dort bei  Ludendorff zu Besuch gewesen. Dies berichtet auch Ludendorffs erste Ehefrau Margarethe in ihren Erinnerungen.

Im Kreis von Ludendorff soll er der "Presse-Chef" des Kapp-Putsches von 1920 gewesen sein. In dem auch sonst gut informierten Besteller "Das schwarze Reich" werden seine Kontakte zu Ludendorff folgendermaßen referiert (S. 77 - 80) (wenn dabei von einem "Charles Newman" die Rede ist, wäre das entsprechend der Angabe des eben zitierten Wikipedia-Artikels in "Henry P. Newman" zu korrigieren):
Sein erster Weg führt ihn zu einer Villa, an deren Eingangstür ein bescheidenes Schild verkündet, hier wohne ein gewisser Charles Newman. Es ist aber nicht Charles Newman, der die hübsche Villa mit Blick auf den Tiergarten in der Viktoriastraße bewohnt, sondern der einstige Erste Generalquartiermeister Erich Ludendorff (...). Im Februar 1919 ist er nach Deutschland zurückgekehrt (...) und dient seither der von einem gewissen Hauptmann Papst gegründeten Nationalen Vereinigung als Stratege und des Namens wegen als Galionsfigur.
Kurzfristig hat sich nämlich das nationalrevolutionäre Geschehen nach Berlin verlagert. Vor allem in Kreisen der Generalität wollte man mit der sich konstituierenden parlamentarischen Demokratie nichts zu tun haben, einen Kaiser wollte man wieder haben, nicht den alten Wilhelm, sondern den Kronprinzen.
Nun, die Villa am Tiergarten wurde ziemlich frequentiert. Männer in Zivil gaben sich die Klinke in die Hand, Männer, denen man schon an der Haltung ansah, daß sie sich in Uniform wohler gefühlt hätten: der Hauptmann Papst, der Kommandant der Berliner Garnison, von Lüttwitz, Oberst Max Bauer, Kapitän Ehrhardt und der pensionierte preußische Beamte Wolfgang Kapp, der den Historikern später den Namen für den Putsch liefern sollte.
Der frisch aus dem britischen Gefängnis exportierte Trebitsch‑Linoln kam in Berlin gleich nach seiner Ankunft in Kontakt mit den preußischen Offizieren, und es dauerte auch nicht lange, bis er von Oberst Bauer in die mysteriöse Villa am Tiergarten eingeführt wurde. Dort hatte man keinerlei Geheimnisse vor ihm, ganz im Gegenteil. Man beauftragte ihn mit einer heiklen Mission (...): Niemand wollte dem alten Wilhelm sagen, daß man gern den Kronprinzen zum Kaiser machen wollte. Trebitsch‑Lincoln sollte das tun. Er fuhr nach Amerongen, aber der Adjutant des Ex‑Kaisers, General Dommes, ließ ihn nicht vor zur Majestät. Ohne Erfolg kehrte Trebitsch‑Lincoln nach Berlin zurück. 
Ohne Erfolg?
In der britischen Presse überschlagen sich in diesen Tagen die Schlagzeilen: "Lincoln im Komplott mit Wilhelm! ‑ Besuch in Amerongen. Verhandlungen mit dem Ex‑Kaiser! ‑ Lincoln erhält eine halbe Million Pfund Sterling für die Konterrevolution!" (...)
In Berlin scheinen die Staatsstreichplaner damals jedenfalls keine britischen Zeitungen gelesen zu haben. Denn nun schickte man Trebitsch‑Lincoln zum Kronprinzen ins holländische Wieringen. Dort wurde er endlich empfangen, und der Kronprinz zeigte sich durchaus geneigt.
Das war im September 1919. Nun hatte man ein konkretes Ziel. Trebitsch‑Lincoln ging von nun an in der Ludendorffschen Villa aus und ein, wo die Putschpläne allmählich ihrer Durchführung entgegenreiften. Doch erst mußten die Verbündeten gefunden werden. Über Kapp suchte man Kontakt zu russischen Monarchisten und vor allem zu dem russischen General Biskupski, der den Umsturz unterstützen sollte. Trebitsch‑Lincoln wurde beauftragt, eine Verbindung mit dem ungarischen Diktator Horthy herzustellen, und reiste unter abenteuerlichen Begleitumständen nach Budapest.
Allerdings blieb seine Mission erfolglos, und als er Anfang März 1920 nach Deutschland zurückkehrte, waren die Kapp‑Putschisten in hellster Aufregung. Die Entente hatte überraschenderweise befohlen, die dem General von Lüttwitz unterstehenden Marinebrigaden des Kapitän Ehrhardt aufzulösen, den Kern der monarchistischen Truppen. Die Offiziere hätten eben doch englische Zeitungen lesen sollen. Hysterisch geworden, gänzlich unvorbereitet und reichlich naiv marschierten sie mit ihren Truppen in der Nacht zum 13. März 1920 gegen Berlin und besetzten die Stadt. Kapp erklärte sich zum neuen Reichskanzler. Offensichtlich waren aber die damaligen Militärs doch nicht solche Profis in Sachen Staatsstreich, wie es die heutigen Soldaten in manchen Ländern sind. Man ließ die Reichsregierung mitsamt dem Reichspräsidenten nach Dresden und Stuttgart entfliehen und vergaß, die Reichsbank zu besetzen, die die Schalter dicht machte. Kein Sold für die Soldaten, kein Geld: Am Morgen des 17. März gab Kapp auf und setzte ich mit Lüttwitz in Richtung Schweden ab.
Das klingt in diesem auch sonst hintergrundpolitisch gut informiert Bestseller so, als ob der Kapp-Putsch von den Ententemächte im Zusammenwirken mit Trebitsch-Lincoln bewußt zum Scheitern gebracht worden ist. Ob es sich tatsächlich so verhält, muß an dieser Stelle offen bleiben. Weiter heißt es über den 17. März:
An diesem Tag begegneten sich Adolf Hitler und Trebitsch‑Lincoln. Am frühen Morgen des 17. März flog eine Militärmaschine unter dem Piloten Leutnant Ritter von Greim von München nach Berlin ab. Die einzigen Fluggäste waren der Dichter, Schriftsteller und Thule­-Ordensbruder Dietrich Eckart und der mittlerweile zum Propagandaleiter der DAP avancierte Adolf Hitler. Die Hintergründe dieses Fluges sind rätselhaft. Wer waren die Auftraggeber? Was hatte Eckart, der schließlich kein Militär war, in der Maschine zu suchen? Was wollten die Thule‑Brüder in Berlin?

Wie auch immer: Wegen eines heftigen Gewitters muß die Maschine in Jüterbog, rund siebzig Kilometer südwestlich von Berlin, landen. Die Fahrt nach Berlin ist nicht ungefährlich, Spartakisten haben bereits Straßenbarrikaden errichtet. Als Hitler und Eckart endlich in Berlin eintreffen, teilt Trebitsch‑Lincoln ihnen mit: "Haut's wieder ab nach München. Es ist schon alles vorbei. Kapp ist geflohen."
Später schreibt Hitler für seinen Auftraggeber in der Nachrichtenabteilung des Reichswehrkommandos 4 als einzigen Eindruck über die Lage in Berlin: "Als ich den Pressechef der Regierung Kapp sprach und sah, wußte ich, daß dies keine nationale Revolution sein konnte und diese auch erfolglos bleiben mußte, denn dieser Pressesprecher war ein Jude."
Ob Trebitsch‑Lincoln ein Jude war, bleibe dahingestellt. Immerhin dürfte er einen Teil der für den Putsch vorgesehenen Gelder mit nach München gerettet haben. Denn nach Bronder (Bevor Hitler kam) kaufte Adolf Hitler persönlich 1921 den Völkischen Beobachter mit 100.000 Mark in bar, wovon Trebitsch‑Lincoln nicht weniger als 80.000 Mark beigesteuert haben soll. Tatsächlich wundert man sich, woher Hitler damals das Geld hatte: Denn er zahlte nicht nur 100.000 Mark für den Beobachter, sondern übernahm damit auch gleich Schulden in der Höhe von nicht weniger als 250.000 Mark.
Auch in diesen Ausführungen läuft es wieder darauf hinaus, daß Hitler mit Hilfe der damaligen Ententmächte gefördert worden ist. (Dem Tenor des Buches "Das schwarze Reich" nach stand hinter all diesen Machenschaften ein "schwarzes Reich" satanistischer Okkultlogen, wozu auch paßt, daß sich Trebitsch-Lincoln später dem Buddhismus zuwandte.) Vielleicht beziehen sich auch auf Trebitsch-Lincoln die Worte, die Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen schreibt (4, S. 95):
In der Sorge für Heer und Volk war ich eins mit den unendlich vielen Deutschen Männern und Frauen. Ich traf mich mit dieser Sorge im besonderen mit Geheimrat Kapp, General v. Lüttwitz, Oberst Bauer und Hauptmann Papst.
Hauptmann Papst war mit Recht über das Spiel empört, das Herr Noske und die Regierung mit der Garde-Kavallerie-Schützen-Division getrieben hatten. Nach seiner Verabschiedung legte er sich ganz auf das politische Gebiet. Er gründete die "Nationale Vereinigung" vielleicht mit Oberst Bauer gemeinsam, der mit seinem unruhigen Geist und seinem heißen Herzen unermüdlich tätig war, das Deutsche Schicksal zu wenden. Der Gedanke, daß sich Hinterleute seiner bedienten und ihn antrieben, ist mir später gekommen, nachdem ich in das Getriebe der Freimaurerei mehr Einblick gewonnen hatte. Auch aus der "Nationalen Vereinigung", deren Geschäftszimmer ich zuweilen aufsuchte, sind mir Personen erinnerlich, die mir nicht gerade gefielen und auch später in keiner Weise behelligt wurden, als das Kapp-Unternehmen zu ihrer Auflösung führte.
Abb. 12: Das Arbeitszimmer Ludendorffs in der Viktoriastraße, 1919/20 (aus: Lebenserinner., S. 65)


Abb. 13: Ludendorff bei der Schließung der Kadettenanstalt in Berlin- Lichterfelde (1920)
Weitere Fotografien von diesem Anlass finden sich im Fotoarchiv der Süddt. Ztg. (a, b, c).

Umzug nach München im August 1920

Ludendorff schreibt weiter (4, S. 123):
Wie ich erwartet hatte, nahm der Haß gegen mich in Berlin nach dem Mißlingen des Kapp-Unternehmens täglich zu. (...) Mir war in Berlin jede Betätigungmöglichkeit irgendwelcher Art genommen. So ging ich denn Ende März nach München.
Und später (4, S. 125):
Anfang Mai war ich wieder in Berlin. Der Aufenthalt in Bayern sollte aber für mich von ungemeiner Bedeutung sein, da mir der Gedanke kam, ich könne ja auch dauernd nach München ziehen.
Und (4, S. 131):
Im August siedelte ich nach Bayern über.
Hier in Berlin begannen nach Ludendorffs eigenem Selbstverständnis seine Studien über die eigentlichen Hintergründe der Weltgeschichte. Er sammelte weitere politische Erfahrungen und setzte sie nach und nach stärker in Bezug zu der damaligen geheimpolitikkritischen Literatur. Er sollte in den folgenden Jahren noch sehr häufig nach Berlin zurückkehren. Etwa zum Begräbnis der von ihm hochgeachteten Kaiserin Auguste Viktoria im Jahr 1921, 1923 anlässlich der Ruhrbesetzung zu einer Besprechung mit dem Reichskanzler Cuno, sowie zu zahlreichen politischen Versammlungen, Veranstaltungen und Besprechungen. Ebenso 1924 und 1925 als Reichstagsabgeordneter.

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  1. Talbot, Hayden: After "The Day". Germany Unconquered and Unrepentant. H. Jenkins, London 1920 (Google Bücher)
  2. Herzog, Wilhelm (Hg.): Das Forum. Forum-Verlag, Berlin 1921, S. 106 (Google Bücher)
  3. Trebitsch-Lincoln, J. T.: Der größte Abenteurer des XX. Jahrhunderts!? Die Wahrheit über mein Leben. Amalthea-Verlag, Leipzig/Zürich/Wien, Berlin 1931 
  4. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volkschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1941 (12. - 16. Tsd.)
  5. Lindenberg, Paul: Es lohnte sich, gelebt zu haben. Berlin 1941 (Google Bücher)
  6. Larson, Egon: Die Weimarer Republik - ein Augenzeuge berichtet. München 1980
  7. Carmin, E. R.: Das schwarze Reich. Geheimgesellschaften und Politik im 20. Jahrhundert. Wilhelm Heyne Verlag, München 1997 (Erstauflage 1994)
  8. Uhle-Wettler, Franz: Erich Ludendorff in seiner Zeit. Soldat, Stratege, Revolutionär. Eine Neubewertung. Verlagsgesellschaft Berg, Berg am See 1995 (Google Bücher
  9. Schmiedecke, Ralf: Berlin-Tiergarten 1880-1980. Sutton Verlag, 2011 [Die Reihe Archivbilder] (Amaz) 

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