Dienstag, 30. August 2011

Eduard Baumgarten: Eine große philosophische Synthese auf pragmatischer Grundlage? (II)

2. Teil: Eduard Baumgarten: Aufgabe der Philosophie ist es, "die weltanschaulichen Gehalte unter dem Trümmerhaufen der klassischen idealistischen und romantischen Philosophie zu revitalisieren"

(Teil 1 siehe --> hier.)

Zusammenfassung: Es gibt eine gewisse geistige und personelle Traditionslinie vom (humanistischen) Kritischen Rationalismus von Karl Raimund Popper über den "Popper Deutschlands", den Humanisten und das GBS-Mitglied Hans Albert, zu dessen Lehrstuhl-Vorgänger Eduard Baumgarten und zu dessen Freund Konrad Lorenz (alle vier waren miteinander befreundet und haben sich besucht) und damit zu dem dem gemeinsamen Versuch von Baumgarten und Lorenz um 1940 herum, auf der Linie von Alfred Rosenberg und Alfred Baeumler eine philosophische Grundlegung des Nationalsozialismus zu formulieren, die Elemente des ("gottgläubigen"?) philosophischen Deutschen Idealismus mit dem amerikanischen Pragmatismus und mit der Konrad Lorenz'schen Evolutionären Erkenntnistheorie zu verbinden suchte. Wer die Geschichte des naturalistischen Denkens in Deutschland während des 20. Jahrhunderts schreiben will und damit eines Evolutionären Humanismus, darf über diese heute wenig bekannten Bestrebungen nicht hinweggehen. Sie gehören zu einem vollständigen Bild dazu. Ob diese Ereignisse Lehren für die Gegenwart enthalten und wenn ja welche, bleibe an dieser Stelle zunächst unerörtert. Es geht hier nur um die Aufklärung wenig bekannter Sachverhalte.
Abb. 2: A. Baeumler
Bevor nun auf die wissenschaftliche und politische Biographie Eduard Baumgartens näher eingegangen wird, müssen einige Angaben zur Biographie von Alfred Baeumler zusammengetragen werden (15, 16). Denn anhand dieser Biographie lernt man einige der wesentlichsten geistigen und institutionellen Rahmenbedingungen kennen, innerhalb deren sich das philosophischen Denken Baumgartens während der 1940er Jahre vollzog.

Alfred Baeumler, der Förderer Baumgartens während des Dritten Reiches

Er gilt als der führende deutsche Philosoph während des Nationalsozialismus: Alfred Baeumler (1887-1968). Vormals unter anderem ein intensiver Gesprächspartner Thomas Manns hat Baeumler nach 1945 sich selbst und anderen verschiedene Erläuterungen gegeben, wie er zu dieser Stellung kam. Etwa in dem Brief, den Baeumler am 15. Juli 1954 nach mehreren Jahren Internierung in amerikanischen Lagern an einen Bekannten, an Jonas Lesser schrieb (15, S. 53):
Noch unter dem Druck der Wahl vom 5. März 1933 stehend, trat ich zum letzten Termin ... in die Partei ein. Ich entschloß mich zu diesem Schritt aus einem einzigen, klar bewußten Grund: Ich wollte nicht wieder daneben stehen. Jahrelang hatte ich nichts als kritisieren können, jetzt, so bildete ich mir ein, müßte ich Verantwortung übernehmen. Wäre ich etwas weltkundiger gewesen, dann hätte ich mich mit den neuen Machthabern "gut gestellt" und hätte in vorsichtiger Zurückhaltung weitergelebt, wie es so viele getan haben, die heute auf mich herabblicken.
Schon am 24. März 1950 hatte er ähnlich geschrieben als ein "damals und heute" dem Leben ganz und gar "hilflos" gegenüber stehender "Philosoph" an einen Freund (Manfred Schröter) (15, S. 53):
Dem dunklen Schicksal, das uns alle fortriß, stand ich so ratlos gegenüber wie jeder andere - damals und heute. Ich verhielt mich der Situation entsprechend - das ist alles ... Die Situation entscheidet. Meine Situation zwischen 1920 und 1930 war nach allen Seiten offen. Weltfern und ahnungslos, ungebunden und suchend, lebte ich nur zufällig meinen Erfahrungen und subjektiven Meinungen. Bei meiner zweiten Ehe (1925) griff ich in furchtbarer Weise fehl - kein Wunder, daß ich schließlich auch Räuber zu Politikern idealisierte. ...
Aufgabe: "Die philosophische Grundlegung der nationalsozialistischen Bewegung"

Und schon 1948 schilderte er detaillierter, wie er selbst zum Nationalsozialismus gekommen war und wie er darin wirkte. Alfred Rosenberg war 1928 auf einige seiner Veröffentlichungen aufmerksam geworden und hatte Baeumler angeschrieben. Baeumler antwortete Rosenberg aber nicht. Im März 1931 kam es über die Verlegergattin Elsa Bruckmann in München zu einer persönlichen Begegnung in der gleichen Zeit, in der Baeumler auch Adolf Hitler persönlich kennen lernte. In dem folgenden Text ist schon Eduard Baumgarten erwähnt, womit deutlich wird, dass Baumgartens Tätigkeit von Baeumler nicht gering geschätzt wurde (16; Hervorhebungen nicht im Original):
Mein Verhältnis zu Rosenberg hat niemals den Charakter einer Freundschaft gehabt. Ich habe mich immer gern mit dem kühlen und geistreichen Balten unterhalten; dass ich der Ältere und wissenschaftlich Erfahrenere war, blieb jedoch in unserem gegenseitigen Verhältnis immer spürbar. Verhängnisvoll war es, dass ich nicht wissen konnte, welche Ausnahme der Balte Rosenberg selber in der NSDAP bildete. So blieb mir vieles in der Partei verschlossen, weil ich alles nach Rosenberg beurteilte, der sehr viel in der Partei galt, ohne Macht zu haben, sehr kritisch war und immer auf Zeiten hoffte, in denen sich gewisse Verhältnisse bessern würden. Entscheidend war, dass er Verständnis hatte für die Art und Weise, wie ich die Entwicklung der Bewegung sah. Ich hielt die nähere Bestimmung des geistigen Gehaltes des Nationalsozialismus für eine Aufgabe der besten Geister der Nation. Auf die Versuche, das Parteiprogramm kanonisch zu machen, konnte ich nur mit Lächeln blicken. Es handelte sich nach meiner Überzeugung um eine Aufgabe von Jahrzehnten, an der nicht nur Wissenschaftler und Philosophen, sondern auch Dichter mitzuwirken hätten. (...)
Im Herbst 1934 ließ mich Alfred Rosenberg durch seinen Stabsleiter auffordern, als Referent für Wissenschaft in das Amt des 'Beauftragten des Führers' einzutreten. (...) Meine Tätigkeit als Referent für Wissenschaft fasste ich so auf, dass es meine Aufgabe sei, Übergriffe beschränkter oder fanatischer Parteistellen auf das Gebiet der Wissenschaft zu verhindern, Forschungspläne, die irgendwo in der Partei auftauchten, zu prüfen und vor allem, neue Forschungen anzuregen. Was ich an Torheiten verhindert, an Angriffen abgewehrt habe, kann ich aus dem Gedächtnis nicht alles schildern. Proben für diese Tätigkeit enthalten die Zeugnisse von Bruno Liebrucks, Elisabeth Klein, Eduard Baumgarten. (...)
Im Jahre 1937 wurde mein Referat zusammen mit allen anderen selbständigen Referaten in ein 'Amt' umgewandelt. Ich habe hierin keine Änderung gesehen. Das Amt bestand aus einigen jungen Leuten, die in meinem Auftrag Zeitschriften des In- und Auslandes lasen und exzerpierten, Verzeichnisse über den wissenschaftlichen Nachwuchs in den verschiedenen Fächern anlegten, Tagungen junger Forscher vorbereiteten usw. (...).
Die erste Lebensäußerung meines Amtes war eine Tagung junger Philosophie-Dozenten an den deutschen Universitäten in Buderose, bei welcher der Kreis der Eingeladenen sehr weit gezogen war und freie Diskussion zu lebhafter Aussprache führte. (...)"
Übrigens soll Robert Kempner zu Otto Bräutigam nach dem Nürnberger Prozess gesagt haben (zit. n.16, S. 65):
Der Prozess ist mindestens ein Jahr zu früh durchgeführt worden. Inzwischen haben wir sehr viel mehr Dokumente gefunden. Heute würden wir Rosenberg nicht mehr zum Tode verurteilen.
"Die Bestimmung des geistigen Gehaltes des Nationalsozialismus"

Am 24. Januar 1934 jedenfalls war Alfred Rosenberg von Adolf Hitler "mit der Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der Partei" beauftragt worden. Zu diesem Zweck wurde das "Amt Rosenberg" gegründet. Und in diesem übernahm Alfred Baeumler das "Amt Wissenschaft". Ihm unterstand damit das deutsche Hochschulwesen, insbesondere die Personalentscheidungen bei der Besetzung von Professuren.

Alfred Rosenberg nannte Baeumler am 25. November 1933 in einem Schreiben einen "unserer weltanschaulich sichersten Lehrer". "Seine Lebensaufgabe ist die philosophische Grundlegung der nationalsozialistischen Bewegung", so Rosenberg bei anderer Gelegenheit. (15, S. 41) Und Baeumler schrieb an Rosenberg (15, S. 43):
Nach meiner festen Überzeugung ist es die Aufgabe unserer Wissenschaftspolitik, die hervorragendsten Kräfte der Forschung um Ihre Person zu versammeln.
In diesem Sinne wurde Baeumler ab 1938 tätig zur Gründung einer Parteihochschule, der sogenannten "Hohen Schule". In einer Denkschrift schrieb Baeumler unter anderem (15, S. 48):
Alle Richtungen der Psychologie, so verschiedenartig sie auch sind, müssen zugelassen werden, wofern sie ehrlich nach Wahrheit streben. Auf diesem Wege und nicht durch Einengung oder Diktat wird auch unserer nationalsozialistischen Bewegung am besten gedient, die eine Bewegung zur Wahrheit ist.
Psychologie: "Nicht Einengung oder Diktat"

Nun zurück zu Baumgarten. Am 21. April 1933 hatte Baumgarten einen Lehrauftrag für Amerikakunde an der Universität Göttingen erhalten (17, S. 217):
Eine Veranstaltung ging über "Philosophie, Psychologie und Pädagogik des zeitgenössischen Amerika", eine andere behandelte den Pragmatismus ("Peirce-James-Dewey"), eine dritte den Behaviorismus ("Dewey-Watson"). Das waren völlig neue Ideen und Konzepte, die ungehörtes und in dieser Zeit unerhörtes Gedankengut nach Göttingen brachten.
Baumgarten vertrat die Meinung (17, S. 218):
"Nur ein Deutscher, dessen Denken und Fühlen gänzlich im deutschen Boden verwurzelt ist, kann unter den Deutschen die fremde Art Amerikas wirklich begreiflich machen, - freilich auch nur ein Deutscher, der zugleich lange Jahre hindurch, in tätiger und freudiger Mitarbeit, in den einzigartigen Ablauf und Rhythmus des amerikanischen Lebens eingemeindet war." Er habe eine feste Lebensstelle in den USA aufgegeben, um an der Orientierung der Deutschen über die Weltmacht USA mitzuarbeiten.
Eduard Baumgarten gilt als derjenige deutschen Philosoph, der die Philosophie des amerikanischen Pragmatismus von John Dewey und William James erstmals in Deutschland bekannt gemacht hat. Mit seinem zweibändigen Werk über den amerikanischen Pragmatismus, das 1936 und 1938 erschien, hat er sich 1936 in Göttingen habilitiert. Der Philosophie-Historiker Hans-Joachim Dahms schreibt (18, S. 183f):
Darüber kann kein Zweifel bestehen: Baumgartens Pragmatismusbuch ist die allererste ausführliche systematische Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Pragmatismus, die in deutscher Sprache erschienen ist.

Dies Verdienst wurde auch in dessen "Heimatland" voll anerkannt. So beginnt etwa die Rezension von H.W. Schneider im "Journal of Philosophy" mit den Worten:
"Eduard Baumgarten is the most serious student of American thought Germany has produced and is one of the best informed writeres of the subject in any language."
Seine Interpretation Deweys insbesondere wird als "the best I have read anywhere" gelobt.
Dahms nennt noch weitere Zeichen der Wertschätzung. So auch die Redaktion der Zeitschrift "Der Monat" 1950 (19):
Prof. Baumgartens Studie über den "Kompromiss" (...) ist eine der lesenswertesten Untersuchungen über die Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Denkweise. (...) Der wissenschaftliche Wert dieses Büchleins im übrigen - wie auch der anderen Werke Baumgartens - ist unbestritten. Ebenso ist sein "Pragmatismus" das erste und bisher einzige ausführliche Buch über dieses Thema; es wäre wünschenswert, wenn Arbeiten über Peirce und die neueren Schriften Deweys die immer noch bestehende Lücken schlössen.
Als Baumgarten am 28. Dezember 1936 an einen "Gaudozentenbundsführer" Schürmann schreibt, wird auch erstmals seine Verbindung zu Baeumler sichtbar (18, S. 195, Anm. 92):
Herr Bäumler hat 1935 Arbeiten von mir zu Gesicht bekommen, sich für sie interessiert, hat mich daraufhin zu einer wissenschaftlichen Aussprache zu sich gebeten und hat seither mehrere größere Aufsätze von mir in seiner Zeitschrift erscheinen lassen.
Hier wäre zunächst zu fragen, wie Baeumler ausgerechnet auf Baumgarten gekommen ist. Eine Gemeinsamkeit zwischen beiden besteht darin, daß sie sich beide 1932 und 1933 mit Martin Heidegger zerstritten haben. Baumgarten hatte Heidegger schon während seines Wehrdienstes im Ersten Weltkrieg kennengelernt, war aus den USA zu Heidgger gekommen. Heidegger war sogar der Taufpate einer seiner beiden Töchter geworden. Dennoch haben sich beide bald wegen unterschiedlicher Kant-Interpretationen zerstritten. Heidegger waren Baumgartens Kant-Interpretationen zu "pragmatisch". Baeumler suchte 1928 den Kontakt zu Heidegger, 1932 unternahmen beide eine gemeinsame Wanderung durch den Böhmerwald, 1933 trafen sie sich noch einmal. Aber noch im selben Jahr zerstritten sie sich. Die Gründe des Streites sind nicht bekannt (15, S. 35).

Eduard Baumgarten konnte ein durchaus streitbarer Mann sein. Was Baeumler oben in Bezug auf Baumgarten und Schwierigkeiten durch Parteistellen angedeutet hatte, mag auch in Zusammenhang stehen mit Baumgartens Streitigkeiten mit Kollegen über die Beurteilung einer Promotion, die schließlich dazu führten, daß er einen der Kollegen zum Duell forderte. Da jedoch eine Woche später der Krieg zwischen Deutschland und Polen ausbrach, wurde dieses Duell nicht mehr ausgetragen (18, S. 189). Während des Zweiten Weltkrieges sollte Baumgarten auch Hitler persönlich begegnen (19, S. 165):
In einem noch ungedruckten Manuskript berichtet Baumgarten über seine Begegnung mit Hitler während des Zweiten Weltkrieges (freundliche Mitteilung von Michael Sukkale, Oldenburg).
Geheimdienste haben ein Auge auf "Staatsphilosophen" und solche, die es werden können

Die schon im ersten Teil erwähnte über tausend Seite starke, zweibändige Darstellung zur Geschichte der deutschen Universitätsphilosophie während des Dritten Reiches (2; s.a. 22) wählt als Ausgangspunkt einen internen Bericht des Sicherheitsdienstes der SS (SD) zu einer Bestandsaufnahme der deutschen Universitätsphilosophie, entstanden etwa um die Jahreswende 1941/42 herum. Der Geheimdienst des Dritten Reiches hat also sogar Dossiers über Philosophie erstellen lassen. Mit Recht, denn Philosophen können bekanntermaßen "Staatsphilosophen" werden und als solche großen Einfluß ausüben.

Der genannte Bericht könnte im Umkreis eines solchen philosophisch und religiös interessierten SD-Mannes wie Albert Hartl entstanden sein. Der SD war mit der Überwachung der weltanschaulichen Gegner des Nationalsozialismus beschäftigt. Zugleich war er mit der Überwachung der Einhaltung einer weltanschaulich einheitlichen "Parteilinie" befaßt. Er beobachtete damit auch die Suche von Parteimitgliedern und ihrem Umfeld nach weitergehenden, eigenen weltanschaulichen Grundlagen des Nationalsozialismus, sowohl auf dem Gebiet der Philosophie wie auf dem Gebiet der Religion. Denn immer mehr Parteimitglieder begannen, die philosophischen und religiösen Grundlagen des Nationalsozialismus und des völkischen Gedankens, so wie sie von solchen Autoren wie Adolf Hitler, Alfred Rosenberg oder auch Jacob Wilhelm Hauer und zahlreichen anderen formuliert worden waren, noch als unzureichend zu empfinden.

Die Philosophie-Tagung in Buderose (1939)

Nachdem seit 1937 abzusehen war, daß der Kirchenkampf während des Dritten Reiches zu einem ziemlich eindeutigen Sieg - mit Dreiviertel-Mehrheit - für die "Deutschen Christen" innerhalb der Evangelischen Kirche enden würde, nachdem aber gerade auch aufgrund dieses allmählich als "kleinlich" empfundenen Kirchenkampfes es seit dem Jahr 1936 vor allem unter Mitgliedern der NSDAP zu der größten Kirchenaustrittsbewegung gekommen war, die es bis dahin in der deutschen Geschichte gegeben hatte - Zahlen, wie sie erst wieder nach 1968 in Deutschland erreicht werden sollten -, nachdem nicht zuletzt mit der Eingliederung Österreichs in das "Großdeutsche Reich" 1938 auch der Einfluß des reaktionären Katholizismus im deutschen Sprachraum (mit dem Schuschnigg-Regime) zurückgedrängt worden war, wurde unter nachdenklicheren Parteigenossen die Frage nach ernsthafteren weltanschaulichen, religiösen und philosophischen Inhalten jenseits von Kirche, Christentum und verschwommener "politischer Religion" gestellt.

Abb. 3: Buderose
Vom 12. bis 19. März 1939 wurden im Wesentlichen von dem Doktoranden- und Studentenkreis rund um Alfred Baeumler zu einer Tagung auf dem Schloß Buderose bei Guben an der Neiße (siehe Abb.  3, 4) 30 jüngere deutsche Philosophen eingeladen (2, S. 956ff; 23). Darunter vor allem Schüler von Nicolai Hartmann wie Eduard Baumgarten, Heinrich Springmeyer oder Bruno Liebrucks. Teilnehmer war auch der eben genannte SD-Mann Albert Hartl, ein früherer katholischer Priester. Ebenso nahm teil der enge Mitarbeiter Alfred Rosenbergs, Heinrich Härtle. Auffälligerweise sind damals Schüler aus dem Kreis von Arnold Gehlen nicht eingeladen worden.

Am 17. März referierte Rosenberg selbst über "Sinn und Aufgabe der Wissenschaftstagung". Baumgarten, Springmeyer und Liebrucks gehörten zu den häufigsten Diskutanten, die sich nach fast jedem der dortigen Vorträge zu Wort meldeten. Parallel zur damals in der evangelischen Kirche von den "Deutschen Christen" viel diskutierten Frage der "Entjudung des Christentums" ging es hier nicht zuletzt auch um die Frage einer "Entjudung" des deutschen, philosophischen Denkens.

Die Existenz des jüdischen Volkes und seine Teilnahme am geistigen Leben eine notwendige Voraussetzung einer "philosophischen Grundlegung des Nationalsozialismus"?

Abb. 4: Buderose
Und es ist nun schon hochgradig interessant, welche Akzente hier Eduard Baumgarten in seinen Diskussionsbeiträgen setzte und damit tatsächlich "Spielräume unter Hitlers Herrschaft" ausschöpfte. Wichtig sind dieselben aber vor allem auch deshalb, um zu einer Einordnung zu kommen, was Eduard Baumgarten meinen konnte, wenn er ein Jahr später an Baeumler eben von jener schon zitierten zu gründenden "Dependance von Buderose" in Königsberg schrieb. (In der Zwischenzeit hatte Baumgarten nämlich Konrad Lorenz kennen- und schätzengelernt.)

Während andere Teilnehmer in Buderose die Meinung vertraten, daß man als Deutscher nichtdeutsches Denken, insbesondere "jüdisches Denken" auf dem Gebiet der Philosophie und der Ethik per se nicht verstehen könne (und umgekehrt), sich also in der Konsequenz für den Abbruch jeglicher Kommunikation mit jüdischem Denken aussprachen, sagte Baumgarten (2, S. 960):
"Damit macht man sich doch aber ein x für ein u vor. Bei den Juden ist das Selbstbewußtsein durch Glorifizierung des Leidens gebrochen. Gerade das aber verstehen wir, wie uns Nietzsche gezeigt hat." Und deutlicher: "Meine Rasse wird mir erst zur Welt, wenn sie anderen Rede und Antwort steht; dadurch vollzieht sich der Weg der Rasse zum Logos." Wie Cordier (ein anderer Teilnehmer), der in der Polarität zwischen "meiner" und "der" Welt die "dynamische Spannung" sah, die allein eine "eigenständige Entwicklung" in "gefährliche Offenheit" verspreche, so sperrte sich auch Baumgarten dagegen, ein unverbundenes Nebeneinander partikularer Welten anzunehmen. Am Logos partizipierten alle Rassen, deswegen sei die Behauptung, wir könnten einen Juden nicht verstehen, "ein sehr bequemer, aber vernunftloser Hinweis" (Cordier). (...)

Baumgarten erinnerte an die von Nietzsche geltend gemachte "Wesensdifferenz von Juden und Germanen". (...) Baumgarten bestand weiter darauf, daß der "Andere" nicht nur Gegner, sondern auch Partner sein könne, dessen Einwirkungen "mich" veränderten.
Das klingt nun wirklich nicht gerade geistlos und plump. Und wenn es nichts anderes geben sollte, was man Baumgarten aus der Zeit des Dritten Reichen vorzuwerfen hätte, als eine derartige "philosophische Grundlegung des Nationalsozialismus", dann wären daran wirklich viele ungewöhnliche Schlußfolgerungen anzuknüpfen. Denn die Quintessenz dieser Ausführungen lautet doch: Ein Volk wie die Juden darf man gar nicht ausrotten oder der Teilnahme am geistigen Leben berauben, denn dadurch geht einem ein wesentlicher Partner im Prozeß der eigenen ethnischen Selbstfindung verloren. Es wird ja hier nichts weniger als das Existenzrecht, ja die Existenznotwendigkeit des jüdischen Volkes vertreten - als philosophische Grundlage des Nationalsozialismus! Gehen wir hier zu weit in der Interpretation? Sie wäre abzusichern anhand der unveröffentlichten Buchmanuskripte von Baumgarten selbst.

Der gebrachte Auszug soll jedenfalls nur als Beispiel dienen dafür, in welcher Art hier unter der Oberleitung von Alfred Rosenberg philosophische Diskussionen geführt wurden auf dieser Tagung eines Arbeitskreises, der "an einer philosophischen Grundlegung des Nationalsozialismus" arbeiten wollte.

"Liberale, Indifferente, Positive ..."

Der schon genannte 1941/42 von einem SD-Mitarbeiter (wohl im Umkreis von Albert Hartl) verfaßte Bericht teilte dann 66 untersuchte Philosophen in fünf weltanschauliche Gruppen ein (2, S. 15),
in konfessionell Gebundene, Liberale, Indifferente, politisch Positive und nationalsozialistische Philosophen, letztere mit dem einschränkenden Zusatz versehend: 'Versuche, eine nationalsozialistische Philosophie aufzubauen'.
Zu den "Liberalen" wurden gezählt (2, S. 852f) unter anderem Eduard Spranger und Otto Friedrich Bollnow. Zu den "Indifferenten" wurden unter anderem gezählt Nicolai Hartmann und Hans-Georg Gadamer. Zu den "politisch Positiven" unter anderem Eduard Baumgarten, Martin Heidegger, Hermann Glockner und Bruno Liebrucks. Und zu den nationalsozialistischen Philosophen unter anderem Arnold Gehlen. Um so auffälliger, daß Arnold Gehlen nicht nach Buderose eingeladen worden war.

Was immer eine solche Charakterisierung auch bedeuten möge. Die aus heutiger Sicht wohl zukunftsträchtigsten Ansätze haben damals Konrad Lorenz und Eduard Baumgarten in Königsberg vertreten (2, S. 793ff). Baumgarten, mit Martin Heidegger seit seiner Meldung als Kriegsfreiwilliger 1916 befreundet, 1933 zerstritten, dann von Heidegger übel als "liberal" den Nationalsozialisten gegenüber denunziert, entstammte in der Tat dem liberalen Heidelberger Gelehrtenkreis um Max Weber. Und er hatte mehrere Jahre Philosophie in den USA gelehrt. Er hatte die erste umfassendere Darstellung der philosophischen Entwicklungen des amerikanischen Pragmatismus verfaßt (Charles Sanders Peirce, John Dewey), der eine nüchterne, realistische Haltung gegenüber den Naturwissenschaften einfordert und begründet, einhergehend mit einer Ablehnung idealistischer philosophischer Traditionen. Man sollte wohl betonen, daß seine Arbeiten im nationalsozialistischen Deutschland geschrieben und veröffentlich worden sind und bei Leuten wie Alfred Baeumler Widerhall gefunden haben.

Während nun also solche Gedanken und Absichten in den Köpfen rumorten, lerrnte Baumgarten 1939 in Göttingen durch Erich von Holst Konrad Lorenz kennen. Zwei Jahre zuvor, im "Geburtsjahr der Ethologie",  hatte Erich von Holst Konrad Lorenz in dessen berühmtem Vortrag am 12. Februar 1937 im Harnack-Haus in Berlin über den Instinkt-Begriff kennengelernt. - "Ja, ja, es stimmt!, es stimmt!" und "... Idiot!" waren die berühmten und legendären Worte, die Erich von Holst in der letzten Reihe der Zuhörer sitzend unerkannt vor sich hinmurmelte während des Lorenz-Vortrages, nicht wissend, daß neben ihm die Ehefrau von Lorenz saß und alles mithörte. Ohne Zweifel: Es herrschte damals in manchen Bereichen wissenschaftliche Aufbruchstimmung. In diese geriet nun auch Eduard Baumgarten hinein.

An Friedrich Hölderlin als Philosoph anknüpfen?

Wenn nun Baumgarten damals noch zusätzlich die Absicht äußerte,
die weltanschaulichen Gehalte unter dem Trümmerhaufen der klassischen idealistischen und romantischen Philosophie zu revitalisieren
dann könnte er dabei an den Buderoser Mitdiskutierenden Bruno Liebrucks gedacht haben, der als einer der ersten die philosophische Gedankenwelt eines Friedrich Hölderlin zu erschließen suchte. Dabei handelte es sich ebenfalls um eine sehr moderne Richtung in der deutschen Philosophie, die dann bis heute insbesondere von Dieter Henrich fortgesetzt worden ist, der inzwischen herausgearbeitet hat, dass das Hölderlinschen Philosophieren gar kein idealistisches und damit ähnlich wissenschaftsfernes war wie jenes seiner philosophisch ihn missverstehenden Freunde Hegel und Schelling.

Man kann nur erahnen, welche Form von philosophischer Synthese damals im Kopf von Eduard Baumgarten rumort haben muss. Dass sie aber einen weiteren Horizont hatte, als das meiste, was heute im Umfeld etwa einer Giordano-Bruno-Stiftung philosophiert wird, dieser Eindruck drängt sich doch ziemich bald auf.

Aus diesen Zusammenhängen heraus jedenfalls wurden lange nach jenen 1940er Jahren von Konrad Lorenz die Grundlagen zur Evolutionären Erkenntnistheorie entwickelt (24), die "Der Erinnerung an Königsberg gewidmet" ist, "sowie meinen Königsberger Freunden, vor allem Otto Koehler und Eduard Baumgarten". Ein ganzes Kapitel darin bezieht sich auf die Schichtenlehre Nicolai Hartmanns.

Welche Erinnerungen an Königsberg waren es? Es wird berichtet (4, S. 33):
In Göttingen fand 1939 ein kleines Kammerkonzert statt. Im Streichquartett des Physiologen Erich von Holst spielte dieser Bratsche und der Königsberger Philosoph Eduard Baumgarten die erste Violine. Baumgarten fragte beim Musizieren Holst, ob er einen biologisch orientierten Psychologen kenne, der sich auch für Erkenntnistheorie interessiere. "Sie werden lachen, ich kenne so einen komischen Vogel ...", sagte Holst, "er heißt Lorenz und lebt in Altenberg bei Wien!" Baumgarten besuchte den "komischen Vogel in Altenberg. 
Am 15. April 1940 schrieb Eduard Baumgarten (1898-1982) von der Universität Königsberg an den führenden Philosophen des Dritten Reiches, Alfred Baeumler, in Berlin den folgenden Brief (2, S. 794):
... Die Fakultät beantragt die Ermöglichung einer Zusammenarbeit der Philosophie mit einer noch zu besetzenden biologischen Psychologie. Für die letztere habe ich zwei hervorragende Männer präsentiert, die beide geeignet sind: der berühmte Konrad Lorenz und der geniale junge Erik von Holst (Göttingen).
Abb. 5: K. Lorenz
Baumgarten begründete seinen Antrag mit den folgenden Worten:
Mit der gleichen Energie, mit der es Lorenz gelungen ist, den Instinktbegriff experimentell einzuengen und exakt zu machen, oder den Instinktzerfall bei Domestikation und Bastardisierung nachzuweisen, wirft er sich zur Zeit in das Studium der kantischen Philosophie. Gewinnen wir diesen Mann für die Psychologie, so wird die Zoologie seinen nächsten Arbeitsgefährten Erik v. Holst (...) hier unterzubringen versuchen. Holst hat schon in Göttingen mit mir zusammengearbeitet. Gegen diese beiden Riesen will ich aber die geisteswissenschaftliche 'Anthropologie' nicht alleine repräsentieren und hochhalten; das verkrafte ich gar nicht; sondern in diesem großen Spiel gegengewichtiger Kräfte muss mir Springmeyer helfen.
"Zusammenarbeit der Philosophie mit einer biologischen Psychologie"

Heinrich Springmeyer (1898-1971) war der persönliche Assisent des deutschen Philosophen Nicolai Hartmann. Nicolai Hartmann hatte die Dissertation Springmeyers zusammen mit Ernst Bertram betreut. Baumgarten weiter:
Wir machen hier eine Dependance von Buderose auf, zu der (...) sich ein 2. Mal nicht so leicht wieder die einstimmige Bewilligung zweier Fakultäten zusamt dem Rektor erreichen lassen [wird].
"Philosophie als Geisteswissenschaft ist überholt"

Schon die wenigen bisher zitierten Worte des Briefes von Eduard Baumgarten aus dem Jahr 1940 deuten weitreichende inhaltliche, wissenschaftsstrategische Perspektiven an. Diese werden noch einmal deutlicher in dem, was Baumgarten im September 1940 Alfred Baeumler in einer Denkschrift als "Konzept einer naturwissenschaftlich zu fundierenden Philosophie" noch weiterhin vorlegte (im folgenden in Paraphrase):
Durch die Existenzphilosophie wie durch die Resultate der modernen Biologie sei der Glaube an die 'reine Vernunft' nachhaltig erschüttert worden. Es sei ein Faktum, daß auch die höchsten Lebensäußerungen des Menschen mit ihren stammesgeschichtlichen Vorformen 'vergliedert' blieben und nur von daher zu verstehen seien. Die Geschichte des Selbstbewußtseins des Menschen könne darum nur noch Hand in Hand mit seiner Naturgeschichte rekonstruiert werden. Philosophie als Geisteswissenschaft sei überholt.
Das sind kühne Worte, die noch heute aufhorchen lassen, da ihre Wahrheit noch heute nicht wirklich überall in die Herzen gedrungen ist, so möchte man einmal sagen. Weiter heißt es:
Biologie und Philosophie berührten sich in der Psychologie, und an diesem Schnittpunkt müsse die Neuorientierung auch institutionell Gestalt gewinnen. In einem Institut für biologische Psychologie müßte die Brücke gebaut werden, die künftig Geistes- und Naturwissenschaften verbinden werde. Die Biologie allein sei nicht imstande, eine neue Weltanschauung zu bilden, da sie der Gefahr fachwissenschaftlicher Versimplung nur allzu leicht erliege.
Die Gefahr "fachwissenschaftlicher Versimpelung" für die Biologie

Auch das sind kühne, weittragende Worte. Die Stellung der Psychologie im Wissensbau der Menschheit in diesem Sinne zu umreißen, würde wohl auch heute noch manchem Psychologen schwer fallen, trotz so manches Paradigmenwechsels, der sich in der Psychologie zwischenzeitlich vollzogen hat (siehe etwa das Lehrbuch von Jens Asendorpf). Baumgarten wird, so scheint es, wirklich den Diskutanten auf beiden Seiten des Wissenschaftsgrabens einigermaßen gerecht!
Darum gewinne die Philosophie eine neue Funktion ...
nämlich
... die weltanschaulichen Gehalte unter dem Trümmerhaufen der klassischen idealitischen und romantischen Philosophie zu revitalisieren.
Und das scheint genau das zu sein, was Jahrzehnte später Dieter Henrich in seinem groß angelegten Projekt zum nicht-idealistischen Philiosophieren Friedrich Hölderlins weiter fortgeführt hat. Die Philosophie als eine Wissenschaft, die der modernen Biologie zuarbeitet - aber auf Augenhöhe. Die Biologie als eine Wissenschaft, die ohne Psychologie droht, einer "fachwissenschaftlichen Versimpelung" anheim zu fallen.

Baumgartens Appell an Englands Staatsmänner aus dem eingeschlossenen Königsberg heraus im März 1945

Im März 1945 hat Eduard Baumgarten - wie er sagt auf eigenen Antrieb hin - eine Ansprache im deutschen Rundfunk gehalten aus dem von britischen Bombern zerstörten und schon militärisch von den Sowjets eingeschlossenen Königsberg (26). In dieser Rede ist von Adolf Hitler oder der deutschen Regierung nirgendwo die Rede. Dem Tenor seiner Rede nach ist für Baumgarten diese nationalsozialistische Regierung längst "gestorben". Um so mehr spricht er dafür von der deutschen Heimat, von der deutschen Kultur, der deutschen Geschichte und der deutschen Philosophie. Der "Pragmatiker" Baumgarten bleibt aber keineswegs nur im Vagen des Kulturellen. Er sagt klipp und klar:
Der verantwortliche Staatsmann einer der großen Nationen, die gegen uns im Felde stehen, der englische Premierminister, hat kürzlich gemeint, eine Bedrohung des künftigen Friedens werde aus einer Annexion Ostpreußens an Sowjet-Polen dann nicht erwachsen, wenn alle Ostpreußen in das Innere Deutschlands umgesiedelt würden.
Diese hier von Baumgarten angeführte Äußerung Churchill's macht einmal erneut darauf aufmerksam, wie sehr die westlichen Regierungen die deutschen Soldaten und Zivilisten zur Aufrechterhaltung des weiteren militärischen Widerstandes geradezu aufgestachelt haben. Baumgarten sagt ebenso unverhüllt, klipp und klar:
Ich spreche aus einem Trümmerhaufen. In zwei Nächten des vergangenen August haben britische Bomber Leben und Gestalt der Innenstadt Königsbergs ausgelöscht. (...) Jene höllischen Nächte enthüllen auch in dieser Stadt, daß die Grausamkeiten des gegenwärtigen Krieges schon unter uns Europäern - von den Grausamkeiten der Russen schweige ich - so ins Maßlose gestiegen sind, daß am Ende dieses Krieges keiner, kein einziger der Beteiligten, und sei er von Haus aus noch so selbstgerecht gesonnen, über den Gegner moralisch Gericht halten könnte, ohne damit sein eigenes innerstes Gewissen zu schänden, ohne Gott zu lästern.
Selbst diese im Grunde noch zurückhaltende Wertung will nicht so recht in unsere heutigen Zeit passen. Es ist nicht die Wertung unserer Zeit. Dabei wird man doch eines von ihr sicher sagen können: Diese Wertung ist eine andere, als sie der Goebbel'schen Propaganda  und den Reden Hitlers zugrunde liegt. Sie stellt in der Sache eine klare Distanzierung zu ihnen dar. Noch deutlicher konnte man im deutschen Machtbereich von deutschen Verbrechen zu dieser Zeit nicht sprechen. Und Baumgarten sagt auch:
Wohl ist der unendliche Schatz der deutschen Städte, von Freiburg bis Reval, äußerlich so gut wie vertilgt. Aber nicht ist vertilgt das innere Bild, das nun als Sehnsucht und Schwur fortlebt. Wehe jedem Versuch, Europa gegen die Wahrheit dieses Bildes willkürlich zu formen. (...) Die furchtbare Schwächung und Einbuße an einfacher deutscher Lebenskraft, die vielen unserer Gegner als wünschenswert erscheint, wird unentrinnbar aufgewogen werden durch die steigend machtvolle Erinnerung in deutschen Herzen an die gigantische Tapferkeit in den Jahren 1914 bis 1918 und 1939 bis heute und bis zum Ende dieses Krieges. (...) Und gäbe es einst in Europa nur noch versprengte Haufen von Deutschen, diese Legende würde sie eines Tages wieder zur Nation sammeln und emportragen.
Das sind starke Worte, gerichtet vor allem an die Staatsmänner des demokratischen Westens. Sie spiegeln den Geist dieser Rede wieder. Man wird sicher sagen dürfen, daß es nicht unangemessen gewesen wäre, wenn Europa nach 1945 nach dem Geist einer solchen Rede geformt worden wäre. Dazu ist es aber natürlich bis heute nicht gekommen. Nicht nur Stalins willige Vollstrecker im Osten, sondern auch Stalins willige Vollstrecker im Westen glaubten und glauben sich bis heute moralisch über das deutsche Volk erheben zu könne. Und die Vertreter des deutschen Volkes glauben es für richtig erachten zu können, wenn sie, was das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg betrifft, das deutsche Volk als moralisch allen anderen Völkern gegenüber minderwertig hinstellen. Die letzten kritischen Stimmen, die eine vielleicht ähnliche Haltung wie hier Baumgarten im März 1945 vertreten haben - Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrandt, Ernst Nolte und andere - sind im und mit dem Historikerstreit von 1986 recht gründlich zum Verstummen gebracht worden. Baumgarten beruft sich in seiner Rede vor allem immer wieder auf Immanuel Kant. Er benutzt ihn geradezu wie ein jeden Fluch bannendes christliches Kreuz. So hält er Immanuel Kant vor sich, vor sein Ostpreußen und vor sein Deutschland:
Ich rede in niemanden Auftrag. Ich habe von mir aus als der derzeitige Inhaber des Königsberger Philosophischen Lehrstuhls, des Lehrstuhles von Immanuel Kant, um die Möglichkeit gebeten, über den deutschen Rundfunk das Wort zu ergreifen. Wer im Angesichte Kants redet, redet im Angesicht Europas. Zu Kants Gedächtnis und für die Zukunft Europas will ich sagen, was ich zu sagen habe.
Und:
Vor zwei Jahren habe ich in der Kant-Gesellschaft in Königsberg eine Rede gehalten, in der ich die zweite Formel des Kantischen Imperativs wiederholte: "Behandle Deine Partner so, daß Du in ihnen niemals Dein Mittel und Werkzeug siehst, sondern immer zugleich ihren eigenen Willen achtest, der sie von sich aus an die Gemeinschaft Europas bindet." Ich wiederhole diese Worte, heute, wo ganz Europa in Königsberg sich wehrt gegen die "Macht der moralischen und geistigen Krankheit des Kommunismus", der "in der arktischen Nacht seine Bajonette wetzt und mit trotzig hungrigem Munde" gegen die reiche Schönheit und Individualität unseres europäischen Lebens "seine Lehre des Hasses und des Todes verkündet". Das sind Churchills Worte. Uns aber dünkt, daß nicht nur das Licht jener Kantischen Formel gegen die wüste arktische Nacht in uns allen entfacht werden muß, sondern daß es darüber hinaus Zeit sei, daß alle Männer, die miteinander für Bestand oder Untergang Europas einst die Verantwortung tragen werden, sich herauslösen aus dem Gesetz der Trägheit, zu dem sie gefesselt erscheinen. (...)
Ein englischer Politiker und bedeutender Staatsdenker hat die Feststellung getroffen, daß von den zwei Fundamenten aller zwischenvölkischen Politik: Gewissen und Gewalt, das Gewissen gegenüber einem Partner nur dann zu Wort kommt, wenn die Gewalt - oder Machtverhältnisse so sich lagern, daß ein eigenes Interesse entsteht, auf das Gewissen zu hören. Die Gewalt- und Machtverhältnisse in Europa haben sich in den letzten Wochen - wenn auch vielleicht vorübergehend - so verschoben, daß aus dem aktuellen Stand der Waage Europa/Asien plötzlich ein völlig verändertes rasantes "Interesse" für alle untereinander noch so feindseligen europäischen Partner aufspringt: Das Interesse am Erwachen des verschütteten, von tatsächlichen oder vermeintlichen Sonderinteressen überdeckten gemeinsamen Gewissens. 
So lauten die letzten Worte dieser Ansprache. Eduard Baumgarten hatte ja so recht. Aber die westlichen Politiker wollten diese Art des Gewissens erst wieder zu Wort kommen lassen, wenn Baumgarten sein Königsberg, sein Ostpreußen und sein Deutschland bis zur Oder verloren gegangen wäre und wenn Stalins Truppen an der Elbe stünden. Er konnte nicht wissen, daß dies das Kriegsziel der Westmächte seit 1941 gewesen ist, und daß diese sich deshalb selbst gar nicht bedroht fühlten vom Ansturm aus dem Osten.
Eduard Baumgarten nach 1945

Nach 1945 erörterte Eduard Baumgarten mit Leo Wohlgeb die Gründung eines "Instituts für Soziologie und Verhaltensforschung" an der Universität Freiburg (Nachlaß Wohlgeb). Als ihm 1950 seine Nähe zum Nationalsozialismus vorgeworfen wurde, wehrte er sich gegen diesen Vorwurf sehr souverän (19). Unter anderem schrieb er etwas für ihn sehr Typisches, Charakteristisches:
Der Unterzeichnete hat seit langem in seinem Leben die zwei (oder mehrere) Seiten einer Situation zu sehen und unterschiedlich zu traktieren versucht: die spott- und die widerstandsbedürftigen Seiten und die guten, zu ermunternden Seiten einer und derselben Sache. Die Absolutisten - einerlei welcher Partei und Glaubensrichtung - waren ihm immer verdrießlich (und er ihnen). James' "truth as cash-value" hat er nicht (...) mit "Wahrheit als Barwert" übersetzt, sondern - wie es strenger (und unbequemer) gemeint war - mit "Wahrheit als Kleingeld"; das soll heißen, daß es Wahrheit immer nur im Plural gibt und also auch Begriffe nicht dazu dienen sollen, die Vielfalt und Geschehnisse über einen Leisten und tot zu schlagen.

So wird der Unterzeichnete sich denn auch weiterhin an dem "kampffrohen" (sit venia verbo!) und ritterlichen Sinn erlaben, mit dem William James 1908 nach Oxford auszog, den Absolutisten aller Tonarten die Haut abzuziehen: "I feel in good fighting trim again, eager for the scalp of the absolute."
Diese Worte sollen zunächst am vorläufigen Ende der vorliegenden Studien stehen. Ihren Abschluß können sie erst finden, wenn die beiden genannten, bislang unveröffentlichten Buchmanuskripte Baumgartens zugänglich geworden sind.

(Neuberbeitung einer schon am 10./11.10.2010 veröffentlichten Fassung)

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Literatur
  1. Albert, Hans; Popper, Karl R.: Briefwechsel 1958 - 1994. Fischer Taschenbuch 2005
  2. Tilitzki, Christian: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Teil 1 & 2. Akademie-Verlag, Berlin 2002 (Google Bücher)
  3. Sukale, Michael: Max Weber - Leidenschaft und Disziplin. Leben, Werk, Zeitgenossen. Mohr Siebeck, 2002
  4. Festetics, Antal: Konrad Lorenz. Aus der Welt des großen Naturforschers. Piper Verlag, München 1983
  5. Bischof, Norbert: "Gescheiter als alle die Laffen". Ein Psychogramm von Konrad Lorenz. Rasch u. Röhring, 1991, Piper TB 1993
  6. Föger, Benedikt; Taschwer, Klaus: Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus. 2001
  7. Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  8. Baumgarten, Eduard: Gewissen und Macht. Abhandlungen und Vorlesungen 1933 - 1963. Ausgewählt und eingeleitet von Michael Sukale. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  9. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. In: Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971, S. 281 - 345
  10. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. Piper Verlag, München 1973 (bis 1989 20 Auflagen)
  11. Albert, Hans: Vorwort. In: ders. (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  12. Albert, Hans: In Kontroversen verstrickt. Vom Kulturpessimismus zum kritischen Rationalismus. Wien 2007
  13. Baumgarten, Eduard: Max Weber - Werk und Person. Tübingen 1964
  14. Poliakov, Leon; Wulf, Joseph: Das Dritte Reich und seine Denker. arain Verlag, Berlin-Grunewald 1959
  15. Bräuninger, Werner: "Ich wollte nicht wieder daneben stehen." Biographische Skizze über Alfred Baeumler. In: ders.: "Ich wollte nicht daneben stehen ..." Lebensentwürfe von Alfred Baeumler bis Ernst Jünger. Essays. Ares Verlag, Graz 2006, S. 24 - 60 
  16. Baeumler, Alfred: Meine politische Entwicklung (26. Mai 1948). In: Baeumler, Marianne u.a. (Hg.): Thomas Mann und Alfred Baeumler. Eine Dokumentation. Königshausen & Neumann, Würzburg 1989, S. 193 – 201
  17. Hausmann, Frank-Rutger: Die Göttinger Anglistik und die "Affäre Baumgarten". In: ders.: Anglistik und Amerikanistik im "Dritten Reich". Franfurt am Main 2003, S. 213 - 225 (G-Bücher) 
  18. Dahms, Hans-Joachim: Aufstieg und Ende der Lebensphilosophie. Das philosophische Seminar der Universität Göttingen zwischen 1917 und 1950. In: Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus. K.G. Saur, München 1987, S. 169 - 199
  19. Die Redaktion: James und die militärische Ausdrucksweise. Eine Stellungnahme von Eduard Baumgarten. In: Der Monat, Nr. 21, Juni 1950, S. 327f (CEEOnlineLibrary)
  20. Matthiesen, Michael: "Machtstaat und Utopie". In: H. Lehmann, O. G. Oexle (Hg.): Nationalsozialismus und Kulturwissenschaften, Bd. 2, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 165ff (G-Bücher)
  21. Wellenreuther, Hermann: Mutmaßungen über ein Defizit. Göttingens Geschichtswissenschaft und die angelsächsische Welt. In: H. Bookmann, H. Wellenreuther (Hg.): Geschichtswissenschaft in Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, S. 261 - 285 (G-Bücher)
  22. Luca; Milly; Timo: Vom "Pluriversum der Völker" und "Roosevelt'schen Weltherrschaftsplänen". Eine Einführung in die obskure Gedankenwelt des neu-rechten FU-Dozenten Christian Tilitzki. In: Magazin des AStA der FU Berlin, Sommersemester 2009
  23. Frontdichterheim Buderose. Auf: Literaturreport.de 
  24. Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. Piper Verlag, München 1973
  25. Metzinger, Thomas: Der Preis der Selbsterkenntnis. In: Gehirn & Geist, Juli/August 2006
  26. Baumgarten, Eduard: Aus der Rundfunkansprache von Professor Baumgarten, dem Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Königsberg. aus dem eingeschlossenen Königsberg im März 1945. In: Der Weg (Zeitschrift, Buenos Aires, Argentinien), Jg. 1950, S. 480 - 482

Eduard Baumgarten: Eine große philosophische Synthese auf pragmatischer Grundlage? (I)

Bislang weniger beachtete geistige Traditionslinien im Umfeld von Hans Albert und K. R. Popper

Zusammenfassung: Es gibt eine gewisse geistige und personelle Traditionslinie vom (humanistischen) Kritischen Rationalismus von Karl Raimund Popper über den "Popper Deutschlands", den Humanisten und das GBS-Mitglied Hans Albert, zu dessen Lehrstuhl-Vorgänger Eduard Baumgarten und zu dessen Freund Konrad Lorenz (alle vier waren miteinander befreundet und haben sich besucht) und damit zu dem dem gemeinsamen Versuch von Baumgarten und Lorenz um 1940 herum, auf der Linie von Alfred Rosenberg und Alfred Baeumler eine philosophische Grundlegung des Nationalsozialismus zu formulieren, die Elemente des ("gottgläubigen"?) philosophischen Deutschen Idealismus mit dem amerikanischen Pragmatismus und mit der Konrad Lorenz'schen Evolutionären Erkenntnistheorie zu verbinden suchte. Wer die Geschichte des naturalistischen Denkens in Deutschland während des 20. Jahrhunderts schreiben will und damit eines Evolutionären Humanismus, darf über diese heute wenig bekannten Bestrebungen nicht hinweggehen. Sie gehören zu einem vollständigen Bild dazu. Ob diese Ereignisse Lehren für die Gegenwart enthalten und wenn ja welche, bleibe an dieser Stelle zunächst unerörtert. Es geht hier nur um die Aufklärung wenig bekannter Sachverhalte.

Abb. 1: Hans Albert
An den in England lebenden Philosophen Karl R. Popper wurde am 6. Mai 1961 ein längerer Brief geschrieben. Er stammte von dem deutschen Soziologen Hans Albert (geb. 1921), der nachmalig als "der Stellvertreter K. R. Poppers in Deutschland" in die Philosophiegeschichte eingehen sollte (siehe Abb. 1). In diesem Brief gibt Albert einen ausführlichen Bericht über die Situation der deutschen Soziologie. Er ergänzte, nachdem er von der jüngeren Generation der deutschen Soziologen gesprochen hatte und dabei natürlich insbesondere von der "Frankfurter Schule" und ihren Gegnern (1, S. 49):
Eine Gruppe habe ich übrigens noch nicht erwähnt: und zwar die älteren deutschen Soziologen, die zwar nicht emigriert sind in der Nazi-Zeit, aber das System deutlich abgelehnt haben. (...) Vielleicht sollte ich noch Prof. Baumgarten aus Mannheim erwähnen -, vor einiger Zeit aus den USA zurückgekehrt -, dessen Institut gerade eine umfangreiche Untersuchung über die deutsche Universität herausgebracht hat. Diese Untersuchung enthält, wie ich hörte, sehr viel Kritik an den gegenwärtigen Zuständen bei uns.
Hans Albert sollte zwei Jahre später Lehrstuhl-Nachfolger dieses hier erwähnten Eduard Baumgarten in Mannheim werden. Und von diesem heute nur noch wenig bekannten Eduard Baumgarten (1898-1982) vor allem soll der vorliegenden Beitrag handeln. Die zitierten Worte waren im Zusammenhang mit dem sogenannten "Positivismusstreit" geschrieben worden. Dieser war kurze Zeit später, im Herbst 1961 auf der Tagung der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie" in Tübingen ausgebrochen. Karl Raimund Popper hatte dort recht weitgehend im Sinne von Hans Albert, sowie ihrer beiden späteren philosophischen Freunde Eduard Baumgarten und Konrad Lorenz, in einem Referat die "Einheit der Methode von Natur- und Sozialwissenschaften" postuliert (Wikip.).

"Einheit der Methode von Natur- und Sozialwissenschaften" 

Dieses Postulat wurde damals von solchen dezidierten Ideologen wie Theodor W. Adorno und nachmals insbesondere von Jürgen Habermas scharf angegriffen. Bis heute wohl tragen die damaligen Fronten dazu bei, das interdisziplinäre Gespräch und Forschen im Übergangsfeld von Geistes- und Naturwissenschaft zu verzögern und den Wissenschaftsgraben zu vertiefen. Erst in den letzten Jahren hat Jürgen Habermas einige Positionen zurückgenommen. Insbesondere im Zusammenhang mit der Diskussion über die Willensfreiheit, in der die naturalistischen Argumente immer stärker vorherrschend werden, war dies wohl unumgänglich geworden.

Die noch heute in vielen Bereichen bestehende tiefgehende Sprachlosigkeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaft hatte später auch der Biologe Edward O. Wilson nicht aufbrechen können, als er das Postulat von der "Einheit des Wissens" in aktualisierter Form formulierte. Lehrstuhl-Nachfolger von Hans Albert in Mannheim ist inzwischen übrigens Hartmut Esser. Dieser fällt heute jedoch eher durch Lippenbekenntnisse zu der genannten Einheit auf, als daß konkrete Schlußfolgerungen aus solchen Bekenntnissen gezogen würden (Stud. gen.).

Im Hauptstrom der geistigen Entwicklungen seit Hans Albert steht natürlich heute vor allem die Giordano-Bruno-Stiftung. Dementsprechend hat diese auch Hans Albert als Mitglied ihres wissenschaftlichen Beirates gewählt. Niemals aber ist im Bereich des naturalistischen Philosophierens, das hier vorherrscht, eine solche Breite der gedanklichen Ansätze vertreten und verfolgt worden, wie sie - ganz "pragmatisch" - Eduard Baumgarten seit den frühen 1940er Jahren vertrat.

"Deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich"

Auf diesen Umstand ist aufmerksam gemacht worden durch die im Jahr 2002 erschienene zweibändige Überblicksdarstellung "Deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich"(2). Für die Thematik der Geschichte des naturalistischen Denkens im 20. Jahrhunderts macht sie mit einigen Themen und Entwicklungen  im Umfeld von Hans Albert und Eduard Baumgarten bekannt, die bislang - zumindest in der hier deutlich werdenden Brisanz - der Forschung und Öffentlichkeit noch nicht bekannt gewesen waren.

Auch die heutigen Vertreter dieser Denkrichtung scheinen bislang ganz zufrieden damit zu sein, daß darüber noch so wenig gesprochen und nachgedacht worden ist. Ob das aber die angemessene und auch ausreichend selbstkritische Vorgehensweise ist, die auch im Sinne des verstorbenen Eduard Baumgarten wäre, bleibe dahingestellt.

In Anknüpfung an philosophische Anliegen von Alfred Rosenberg und Alfred Bäumler, zwei der führenden Vordenker, bzw. Philosophen des Dritten Reiches, wollten nämlich die nachmaligen deutschen philosophischen Freunde von Karl Raimund Popper und Hans Albert, nämlich Eduard Baumgarten und Konrad Lorenz, um 1940 an der Universität Königsberg eine auf breit angelegte interdisziplinäre Auseinandersetzung zwischen der Evolutionsforschung und der Philosophie angelegte "Dependance von Buderose" gründen. In dem vielhundertseitigen, enzyklopädischen Werk "Das Dritte Reich und seine Denker" aus dem Jahr 1959 (14) sind weder Konrad Lorenz noch Eduard Baumgarten erwähnt. Das liegt wohl daran, daß damals das naturalistische Denken für sich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen noch eine so geringe Rolle spielte.

Die Auseinandersetzung mit einem solchen Philosophen wie Martin Heidegger wurde breit geführt. Darüber blieben viele andere, vielleicht langfristig viel bedeutendere philosophische Entwicklungen während des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich über Gebühr unbeachtet.

Naturalistische, nationalsozialistische Ideenschmiede 1940 in Königsberg?

"Buderose", das wird im zweiten Teil genauer erläutert, stand in diesem Zusammenhang für einen um Alfred Rosenberg und Alfred Baeumler gegründeten philosophischen Arbeitskreis von damals jungen deutschen Nachwuchsphilosophen, von denen sich Baeumler und Rosenberg eine philosophisch stringentere Durchformulierung der Staats- und Gesellschaftsidee des Dritten Reiches erwarteten, als eine solche bis dahin durch philosophisch so uninformierte Bücher wie "Mein Kampf" oder "Der Mythos des 20. Jahrhunderts" gegeben worden waren.

Schon die Tatsache, daß man sich dazu an "liberale" Nichtnationalsozialisten wenden mußte (was anfangs auch für Alfred Baeumler und Eduard Baumgarten galt), ist bezeichnend. Aber welche Antriebe bewegten damals umgekehrt diese Nichtnationalsozialisten dazu, sich für eine solche Arbeit zur Verfügung zu stellen? Ist die These zumindest für Eduard Baumgarten zu verfolgen, daß er an einer "Humanisierung des Nationalsozialismus" von innen heraus arbeitete?

Die Brisanz der Thematik liegt auf der Hand: Ein naturalistisches Philosophieren, wie es später von Karl Raimund Popper und Hans Albert fortgesetzt wurde, stellte sich 1940 einigermaßen bewußt in den Dienst des Dritten Reiches. So erscheint es zumindest auf den ersten Augenschein. Und man wäre schon sehr interessiert daran, die genaueren Umstände und Motivlagen für diese Geschehnisse zu rekonstruieren, um sich besser mit ihnen auseinandersetzen zu können, um auch vergleichen zu können, und um Lehren für die Gegenwart und Zukunft ziehen zu können.

Ein Vergleich könnte sich etwa anbieten mit dem zeitgleichen naturalistischen Denken innerhalb der Ludendorff-Bewegung und der Positionierung desselben gegenüber dem Nationalsozialismus. Womöglich unter einem Rahmenthema mit dem Titel "Spielräume unter Hitlers Herrschaft". So lautet ein bis heute unveröffentlichtes Buchmanuskript von Eduard Baumgarten.

Seit Jahrzehnten unveröffentlichte Buchmanuskripte zu "Spielräumen unter Hitlers Herrschaft"

Eduard Baumgarten hat nämlich von fachphilosophischer Seite einigermaßen im Zentrum der damaligen Entwicklungen in der Geschichte des naturalistischen Denkens in Deutschland gestanden und dabei sogar seine eigene Sicht auf die damaligen Geschehnisse und insbesondere auch auf Adolf Hitler selbst schriftlich niedergelegt, wie wir weiter unten erfahren werden. Allerdings ist die Herausgabe dieser Eigendarstellung durch seinen Nachlaßverwalter und Schüler, Michael Sukale in Münster (geb. 1940), seit Jahrzehnten nicht erfolgt. Zwischenzeitlich glaubte sich Sukale wohl mit seinen zum Teil berechtigterweise aufsehenerregenden Studien über Max Weber (3), jenes Denkers, in dessen geistiger Tradition sich vor allem auch Webers Neffe Eduard Baumgarten sah, allerhand "Vorarbeiten" zu leisten, um vielleicht auch zu einem tieferen Verständnis seines akademischen Lehrers Baumgarten und zu dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus beitragen zu können.
Abb. 2: M. Sukale
Der Soziologe Sukale betrachtet jedenfalls Baumgarten als seinen "sozialethischen" und Hans Albert als seinen "wissenschaftstheoretischen" Lehrer. Damit wird natürlich zugleich die Frage aufgeworfen, in welcher Weise Baumgarten während des Dritten Reiches seinen "sozialethischen" Standpunkt vertreten hat.

Im folgenden soll der wissenschaftsgeschichtliche Kenntnisstand zu Baumgartens philosophischem Wirken im Dritten Reich zusammengetragen werden. Während die wesentlichen wisenschaftsgeschichtlichen Ereignisse im Umfeld der Person Konrad Lorenz hier als bekannt vorausgesetzt werden, da sie breite, auch populärwissenschaftliche Darstellung gefunden haben (etwa 4-6), ist es wichtig, die dort erarbeiteten Kenntnisse durch Kenntnisse zu den geistigen, wissenschaftlichen Biographien von Alfred Baeumler, Eduard Baumgarten und Hans Albert zu ergänzen.

Naturalistisches Denken und Philosophieren, das sich bewusster als ein solches verstand und sich von anderen Arten des Philosophierens und Denkens bewusster absetzte, spielte in der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts eine vergleichsweise randständige Rolle (Google Bücher). Den Naturwissenschaftlern selbst war jedoch die zentrale Rolle der Naturwissenschaft auch für die philosophische Geistesgeschichte der Menschheit zumeist wesentlich deutlicher bewusst, als den Philosophen. Das beginnt sich erst in den letzten Jahren zu ändern.

1968 - Konrad Lorenz zum 70. Geburtstag Baumgartens

Aus Anlass des siebzigsten Geburtstages von Eduard Baumgarten im Jahr 1968 erschien - um drei Jahre verspätet - und in aufregenden Zeiten 1971 eine Festschrift (7) und eine Auswahl der Abhandlungen und Vorlesungen Baumgartens, ausgewählt und eingeleitet von seinem Schüler Michael Sukale (8).

Der berühmteste Beitrag der Festschrift war nun der von Konrad Lorenz, vor dessen Veröffentlichung ihn zunächst nahe stehende Freunde (5) dringend abgeraten hatten: "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" (9, 10). Viele Ereignisse auf geistigem Gebiet, die sich zwischen 1968 und 1973 ereignete haben, verdienen sicherlich, früher oder später vergessen zu werden. Bestimmt aber nicht das Erscheinen dieses berühmten Aufsatzes von Konrad Lorenz, der noch das Denken einer Jugendgeneration später tiefgreifend beeinflussen konnte. Und der noch heute grundlegend ist.

Abb. 3: Eduard Baumgarten, 1960er Jahre
Als dieser Aufsatz 1973 in einer separaten Schrift erschien, die bis 1989 20 Auflagen erlebte (10), schrieb Konrad Lorenz im Vorwort zu ihr:
Die vorliegende Abhandlung ist für die Festschrift geschrieben worden, die zum 70. Geburtstag meines Freundes Eduard Baumgarten erschien. Ihrem Wesen nach passt sie eigentlich weder zu einer so freudigen Gelegenheit noch zu der fröhlichen Natur des Jubilars, denn sie ist eingestandenermaßen eine Jeremiade ...
1968 - Hans Albert zum 70. Geburtstag Baumgartens

Im Gegensatz zu Konrad Lorenz war es dann vor allem Hans Albert, der eher im Rahmen einer üblichen Festschrift blieb und im Vorwort zu derselben versuchte, zunächst einmal die Nähe des Jubilars zu naturwissenschaftlichen Ansätzen herauszuarbeiten. Eine Nähe, die Konrad Lorenz natürlich von vornherein selbstverständlich war und die er nicht erst noch betonen musste. Hans Albert schrieb (11):
Eduard Baumgarten (...) hat stets den Zusammenhang der Philosophie mit den Realwissenschaften (...) betont. (...) In seinen theoretischen Untersuchungen findet man philosophische Gesichtspunkte verbunden mit soziologischer und sogar biologischer Analyse. Forschungsergebnisse der Realwissenschaften werden von ihm aufgenommen, verarbeitet und zur Durchleuchtung und Kritik philosophischer Thesen - etwa aus dem Bereich der Erkenntnistheorie oder Moralphilosophie - verwendet. Die Dichotomie von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, die im deutschen Sprachbereich immer noch eine so große Rolle spielt, und den mit ihr meist verbundenen methodologischen Separatismus des geisteswissenschaftlichen Denkens hat Baumgarten stets zurückgewiesen.
Hans Albert schrieb außerdem:
Eduard Baumgarten hat es nicht notwendig gehabt, sich von Verfechtern sozialer Erlösungslehren darüber unterrichten zu lassen, dass die Erkenntnis selbst eine soziale Praxis ist, eingebettet in den sozialen Zusammenhang und der Regulierung durch soziale Normen unterworfen.
Und er führte aus:
Gleichzeitig mit dieser Festschrift erscheint eine Sammlung von Arbeiten aus der Feder Eduard Baumgartens mit einer kommentierenden Einleitung von Michael Sukale, dessen Beitrag hier an erster Stelle abgedruckt ist, weil er sich intensiv mit zentralen Themen und Ideen Baumgartens auseinandersetzt. In dieser Einleitung (gemeint: zur Sammlung) geht Sukale in einer Weise auf die geistige Entwicklung und auf das Werk Baumgartens ein, wie es besser kaum möglich ist und wie es vor allem der Herausgeber dieses Bandes nicht könnte.
Damit sprach Albert sich selbst an.

1968 - Michael Sukale zum 70. Geburtstag Baumgartens

Und Sukale selbst schreibt nun ebenfalls schon im Vorwort der Aufsatz-Sammlung (8):
Die Geschichte dieses Buches begann, als ich im Frühjahr 1964 sechs Wochen lang im Hause Eduard Baumgartens lebte, um ihm bei der Fertigstellung eines Buches über Max Weber beizustehen. In den wenigen Mußestunden, die mir verblieben, stöberte ich in Kästen, in denen unveröffentlichte Manuskripte Baumgartens lagerten. Die Heidelberger Dissertation (Frühjahr 1924) und die Königsberger Vorlesungen (Winter 1941/42) fesselten mich am stärksten und wanderten mit mir zu näherem Studium aus dem Hause; sie haben in der Tat den Weg gewiesen zu der Publikation, die ich hier vorlege.
Sukale betont jedoch, dass er sich in diesem Band nur mit der wissenschaftlichen Lebensleistung Baumgartens auseinandersetzt:
... Andererseits ist sich der Herausgeber wohl bewusst, dass die rein wissenschaftliche Arbeit nicht immer im Zentrum von Baumgartens Leben gestanden hat: immer wieder haben praktisch-politische Bedürfnisse und Ziele seine Aufmerksamkeit gefesselt. Allerdings haben sich diese Bemühungen während des ersten in diesem Buch repräsentierten Zeitraums (1933 - 1945) vornehmlich nur in Tagebüchern, Briefen und Prozessakten niedergeschlagen, während Baumgartens Veröffentlichungen dieser Jahre nur selten - in Vorworten, Fußnoten und Nebenbemerkungen - auf das politische Tagesgeschehen Bezug nehmen. (...)

Zur Zeit arbeitet der Verfasser (also Eduard Baumgarten) an zwei Büchern, die hoffentlich in Bälde erscheinen werden: "Hitlers Macht"; "Spielräume unter Hitlers Herrschaft". Das zweitgenannte Buch wird über Baumgartens eigene praktische Anteilnahme an dieser Epoche Auskunft geben.
Diese beiden schon 1971 angekündigten Bücher sind, soweit übersehbar, in den letzten vierzig Jahren nicht erschienen. Es kann aber inzwischen schon anhand zahlreicher anderer wissenschaftsgeschichtlicher Studien "rekonstruiert" werden, was in diesen beiden Büchern wenigstens ungefähr enthalten sein könnte. (Wir haben per Email bei Michael Sukale um weitere Auskünfte gebeten, aber bislang keine Antwort erhalten.)

Doch bevor auf diese Thematik eingegangen werden soll, soll noch auf die persönlichen Konstellationen der Beteiligten um das Jahr 1968 herum genaueres Licht geworfen werden.

"Meinen Vorgänger Baumgarten habe ich dann näher kennengelernt" - Hans Albert

Anläßlich seiner Emeritierung an der Universität Mannheim im Jahr 1963 hatte Eduard Baumgarten den Soziologen und Philosophen Hans Albert als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Hans Albert berichtet selbst (12, S. 100):
Um mich zu einer Annahme des Rufes zu bewegen, hatte Baumgarten mich übrigens eindringlich auf meine Pflichten meiner Familie gegenüber hingewiesen.
Albert nahm schließlich an. Und er berichtet weiter (12, S. 101 - 103):
Abb. 4: Sigwart Lindenberg
Meinen Vorgänger Baumgarten habe ich dann näher kennengelernt und hatte mit ihm viele interessante Gespräche. (...) Baumgarten hatte sich nach dem zweiten Weltkrieg intensiv mit dem Werk seines Onkels Max Weber befaßt. Ein Resultat seiner Bemühungen war ein umfangreicher Band mit kommentierten Texten aus dem Nachlaß Webers, den er im Jahr 1964 veröffentlichte. An diesem Band hatten einige seiner Mitarbeiter mitgewirkt, mit denen Lepsius und ich dann näher bekannt wurden: Hermann Vetter (...) und Sybille Wolf, Sigwart Lindenberg und Michael Sukale, die in Mannheim studierten und zu den ersten Studenten gehörten, die dann das neu eingeführte Soziologie-Diplom in Mannheim erwarben.
Albert, Lindenberg und Sukale verbindet bis heute eine Freundschaft miteinander (12, S. 179). Albert machte Sukale mit Karl Raimund Popper auch persönlich bekannt, wie er seinerseits 1982 zusammen mit Karl Raimund Popper und dessen Ehefrau sich mit Konrad Lorenz traf, den engen philosophischen Freund seines Lehrstuhl-Vorgängers Baumgarten (12, S. 159).

Als Schüler Eduard Baumgartens in Freiburg nennt auch Sukale (3) Sigwart Lindenberg (siehe Abb. 4)  und Sybille Wolf (heute: Sybille Anbar, in der Festschrift von 1968/71 Sybille Sukale-Wolf). Und Sukale schreibt (3):
Ohne diese vier Personen wäre mir mein drittes Jahrzehnt gar nicht denkbar.
Er schreibt über die offenbar sehr prägenden "Tage und Nächte der Zusammenarbeit" mit Eduard Baumgarten, als sie Baumgartens Buch über Max Weber herausbrachten (13). Eduard Baumgarten wußte über seinen Onkel Max Weber manches, was schließlich erst Michael Sukale in seiner Weber-Biographie öffentlich machte. Möglicherweise war das sogar einer der wesentlicheren Ausgangspunkte seines neuen Buches (3, S. 196, Vorwort). Soweit zu einigen aktuelleren persönlichen Konstellationen, die im Zusammenhang mit der vorliegenden Thematik zu beachten sind.

Der zweite Teil dieses Aufsatzes folgt ---> hier.

(Neuberbeitung einer schon am 10./11.10.2010 veröffentlichten Fassung)

Literatur

  1. Albert, Hans; Popper, Karl R.: Briefwechsel 1958 - 1994. Fischer Taschenbuch 2005
  2. Tilitzki, Christian: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Teil 1 & 2. Akademie-Verlag, Berlin 2002 (Google Bücher)
  3. Sukale, Michael: Max Weber - Leidenschaft und Disziplin. Leben, Werk, Zeitgenossen. Mohr Siebeck, 2002
  4. Festetics, Antal: Konrad Lorenz. Aus der Welt des großen Naturforschers. Piper Verlag, München 1983
  5. Bischof, Norbert: "Gescheiter als alle die Laffen". Ein Psychogramm von Konrad Lorenz. Rasch u. Röhring, 1991, Piper TB 1993
  6. Föger, Benedikt; Taschwer, Klaus: Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus. 2001
  7. Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  8. Baumgarten, Eduard: Gewissen und Macht. Abhandlungen und Vorlesungen 1933 - 1963. Ausgewählt und eingeleitet von Michael Sukale. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  9. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. In: Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971, S. 281 - 345
  10. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. Piper Verlag, München 1973 (bis 1989 20 Auflagen)
  11. Albert, Hans: Vorwort. In: ders. (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  12. Albert, Hans: In Kontroversen verstrickt. Vom Kulturpessimismus zum kritischen Rationalismus. Wien 2007
  13. Baumgarten, Eduard: Max Weber - Werk und Person. Tübingen 1964
  14. Poliakov, Leon; Wulf, Joseph: Das Dritte Reich und seine Denker. arain Verlag, Berlin-Grunewald 1959

Sonntag, 7. August 2011

Der Schriftsteller Walter Erich von Bebenburg/Richartz (1927-1980)

Ein erschütterndes Lebensschicksal

/ Vorbemerkung: Dieser Aufsatz hat eine Aktualisierung erhalten - siehe hier --> Stud.gr. Nat. 4/2017. Er bleibt nur noch aus Gründen der historischen Dokumentation und Archivierung in dieser ursprünglichen Form eingestellt und veröffentlicht. / 
Der Schriftsteller des Absurden Walter Erich von Bebenburg (1927-1980) (Wiki) war mütterlicherseits ein Enkelsohn der naturalistischen Philosophin und Psychologin Mathilde Ludendorff (1877-1966). Da seine allein erziehende Mutter Ingeborg die meiste Zeit seiner Kindheit und Jugend bei ihrer eigenen Mutter und bei ihrem Stiefvater Erich Ludendorff lebte (1) und schließlich auch den nachmaligen Leiter des Nachfolgeverlages des Ludendorff-Verlages heiratete, des 1949 gegründeten Verlages Hohe Warte, nämlich Franz Karg von Bebenburg, gibt es kaum einen Angehörigen seiner Generation, der persönlich einer Frau wie Mathilde Ludendorff näher gestanden ist, als er.

Mathilde Ludendorff hat in ihrer philosophischen Psychologie von den besonderen seelischen Gesetzen gesprochen, unter denen nahe Angehörige - und auch enge Mitarbeiter - von schöpferischen Menschen, von Kulturschaffenden stehen. Und sie hat diese Gesetze und seelischen Gefahren noch einmal um so bedrohlicher erachtet, um so umkämpfter und umfehdeter jenes Geistesgut ist, für das diese Kulturschaffenden und Mitarbeiter in ihrem Leben - und oft auch mit ihrem Leben - stehen.

Natürlich dachte sie dabei auch an sich selbst und ihre Angehörigen. Doch wer würde bei diesen Worten Mathilde Ludendorffs nicht auch an das Lebensschicksal von Friedemann Bach denken, des ältesten Sohnes von Johann Sebastian Bach? Zumindest so wie es in der romanhaften Biographie von Albert Emil Bachvogel und in der ihr folgenden Verfilmung von 1941 dargestellt ist? Wer würde dabei nicht an die schweren Sorgen Ludwigs van Beethoven denken, die ihm nach dem Tod seines Bruders die Vaterpflichten für seinen Neffen Johann (?) auferlegten? Wer würde dabei nicht an den ältesten Sohn von Theodor Storm denken, dem sein Vater viele schwere Stunden durchwachter, sorgenvoller Nächte widmete?

Abb. 1: (Wohl) Walter Erich von Bebenburg an der Hand seiner Großmutter Mathilde Ludendorff am 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing am 9. April 1935 - (Ehrenposten vor dem Haus, hinter beiden General Bronsart von Schellendorf) (Herkunft: Ebay, Oktober 2014)
Wer würde dabei nicht an jene zahlreichen Werke etwa des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn denken, in denen er sich das Thema "verlorener Sohn" stellte? Wer nicht an die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke, die zahlreiche autobiographische Züge enthalten und die auch mit dem Thema des "verlorenen Sohnes" enden? "Man wird mich schwer davon überzeugen," so leitete Rilke diesen Teil ein, "dass die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte ..."


Abb. 2: (Wohl) Walter Erich von Bebenburg an der Hand seiner Großmutter Mathilde Ludendorff am 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing am 9. April 1935 - (neben beiden General Bronsart von Schellendorf, hinter ihnen Frieda Stahl [?]) - wohl auf dem Weg zur Ehrenformation für Erich Ludendorff (Herkunft: Ebay, Oktober 2014)
Auch wenn man sich in der politischen und kulturellen Geschichte des 20. Jahrhunderts sonst umsieht, wird man mancherlei besondere Spannungen im Verhältnis von Eltern und Kindern finden können. Etwa im Lebensschicksal von Bernward Vesper (1938-1971) (Wiki), dem langjährigen Freund von Gudrun Ensslin, Sohn des viel gelesenen nationalsozialistischen Schriftstellers Will Vesper (1882-1962) (Wiki). (Auf dem Foto von Abbildung 6 Vater und Sohn im Jahr 1957.)

Ein Enkelsohn Mathilde Ludendorffs wird zu einem Schriftsteller des Absurden

Immer wieder kommt Mathilde Ludendorff im sechsten Band ihrer Lebenserinnerungen auf "das Walterchen" zu sprechen. Als sie 1930 ihre psychologische Philosophie der Kinderseele und der Erziehung schrieb ("Des Kindes Seele und der Eltern Amt") krabbelte es um ihre Füße herum. Und es versonnte auch in den Folgemonaten und -jahren, wie sie schrieb, immer wieder den Alltag der Großeltern. In einem Brief an ihre eigene Mutter und an ihre Schwestern schreibt Mathilde Ludendorff am 12. August 1932 vom Starnberger See aus unter anderem (zit. n. 1, S. 263):
Bei der Tagung war zufällig Walterchen drei Tage bei uns, da Ingeborg in Stuttgart eingeladen war. Er war lieb und artig, fragte nur so drauf los. Das hat mich sehr ausgeruht. So fragte er unter allerhand Unsinn auch auf einmal: "Omama, wie tief ist denn die Nacht?" - "Wie meinst Du das?" - "Na, am Tag, da sehe ich wie tief alles ist, wie weit da Ammerland fort ist und der Dampfer, aber in der Nacht, da sehe ich das Ufer nicht."

Wir sprachen bei Tisch, daß ich am Sonntag die "Moral" behandeln werde. Da fragte das Bubchen: "Was ist denn Moral?" Erich sagte: "Das Artigsein, aber Du bist ja sehr artig hier, willst Du denn auch bei der Mama artig sein?" Da sagte er im Brustton der Überzeugung: "Opa, ich kann überhaupt nicht mehr unartig sein, denn ich kann ja neuerdings einen Zeppelin zeichnen; das war ja nur schuld, weil das ja noch nicht ging, jetzt bin ich immer artig!" - Ein süßes Kind, aber wie wird es, wie kann es einmal werden? -
Diesen Band Lebenserinnerungen schrieb Mathilde Ludendorf im Frühjahr 1937 nieder. Als sie ihre Lebenserinnerungen 1955 (nach einigen Anmerkungen zu schließen) das letzte mal durchsah, um sie druckfertig zu machen, da wird sie zu dieser Frage schon konkretere Gedanken gehabt haben. Es kam ihr aber offenbar nicht in den Sinn, diesen Brief um diese schon etwas besorgten Gedanken zu kürzen.

Drei Jahre später, 1935, als Walter Erich acht Jahre alt ist, sieht man ihn an der Hand seiner Großmutter auf seltenen Fotos vom 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing am 9. April 1935 (siehe Abbildungen 1 und 2), die im Oktober 2014 auf Ebay zum Verkauf angeboten wurden.

Selbst noch das Niederschreiben der eben genannten Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs steht in einem gewissen Zusammenhang mit diesem Enkelkind. Berichtet Mathilde Ludendorff doch im fünften Band derselben (1967, S. 11f):
Es war der erste Morgen des Jahres 1937. Bei unserem Frühgang am Seeufer hörten wir den jubelnden Ruf "Prost Neujahr", den unser Enkelkind uns vom Giebelstübchen aus entgegen sandte, um uns durch diese unerwartete List das Neujahr abzugewinnen. (...) Dann aber wurde mein Mann ernst und sagte: "Wir wollen nicht fahrlässig sein und deshalb dieses Jahr wieder damit beginnen, an unseren Lebenserinnerungen weiter zu schreiben."
Gemäß des Wunsches von Mathilde Ludendorff wurden die letzten beiden Bände ihrer Lebenserinnerungen erst nach ihrem Tod veröffentlicht. Sie starb 1966. Der sechste Band wurde 1968 vom Stiefvater Walter von Bebenburgs veröffentlicht.

Abb. 3: Mathilde und Erich Ludendorff auf einem Spaziergang mit ihrem "Walterchen", wohl 1936 oder 1937 (aus: 4)

"Das Haus mit dem Sonnenschein des Kinderlachens durchsonnt"

1937 war das Walter Erich zehn, 1938 elf Jahre alt. Und 1938 schrieb Mathilde Ludendorff über ihn, ohne seinen Namen zu nennen, wobei sie auf ihre schon niedergeschriebenen Lebenserinnerungen Bezug nahm (11, S. 129):
In meinen Lebenserinnerungen habe ich die Sonnenseite eines ernsten Schicksals, die schon vom zweiten Jahre unserer Ehe an auf Jahre hinaus mein Enkelsöhnchen in unser Haus führte, berichtet und manches liebe Vorkommnis erzählt, das unser Haus voll ernsten Kampfes mit dem Sonnenschein des Kinderlachens durchhellt hat. In jenen Jahren und später, als der Junge jedes Jahr für lange Ferienwochen in Tutzing zu Gast war, ward er von großväterlicher Liebe überschüttet. Auf den Spaziergängen ließ der Feldherr sich Kindermärchen und später Heldensagen von dem Knaben erzählen, äußerte seine Spannung auf den Fortgang, rätselte, wie es nun weitergehen werde, und freute sich über des Kindes Glückseligkeit, aber auch über die Früchte eines klaren Rasseerkennens in jungen Deutschen Kinderseelen. Wie manches Mal hat auch der Großvater die Waffenkammer mit den selbst geschnitzten Schwertern, Schilden und Lanzen besichtigt und die Waffen ausgewählt, die der Enkel am anderen Morgen, wenn er uns auf unserem Frühgange entgegen trabte, mitbringen sollte. Dann schritt er stolz vor uns her nach Hause, und wir beteuerten, wie nötig uns sein Schutz sei. Reich fluten die lieben Erinnerungen an alle die sonnigen Stunden durch meine Seele.
In ihrer Kinderpsychologie vertritt Mathilde Ludendorff die Meinung, daß Kinderseelen der "Volksseele", die aus dem Unterbewusstsein des Menschen heraus wirken würde, noch näher stehen würden als die Erwachsenen, und dass aus dieser heraus auch ihr kindliches Handeln sehr häufig entspringen würde. Dies ist hier angesprochen, wenn in der Sprache der damaligen Zeit von "klarer Rasseerkenntnis in jungen Deutschen Kinderseelen" gesprochen wird. Wobei sie auch die Volksdichtungen der Märchen und Heldensagen als aus der Volksseele heraus gestaltet ansieht, worauf zu einem großen Teil die Wirkung derselben auf Kinderseelen beruhen würde.

An einer Stelle ihres Buches "Des Kindes Seele und der Eltern Amt" hat Mathilde Ludendorff womöglich ebenfalls an ihr Zusammenleben mit ihrem Walterchen gedacht. Sie lautet (1954, S. 183):
Es lässt sich kaum etwas Köstlicheres denken als dies Familienleben genialer Eltern mit ihren Kleinen. Es birgt einen wunderreichen Zauber des tagtäglichen Erlebens, wie er harmonischer und inniger kaum ersonnen werden kann. Die Vertreibung aus diesem Paradies schließt sich meist bald an den Eintritt der Kinder in die Schule an. Die Schar der Altersgenossen, die aus einem ganz anders gearteten Familienleben kommen, und gar manche andere Ereignisse bewirken, daß die Einsargung des Ichs
- eine nach Mathilde Ludendorff wichtige seelische Gesetzmäßigkeit beim Älterwerden - 
rasche Fortschritte macht.
"Ein süßes Kind, aber wie wird es, wie kann es einmal werden?"

Ob nun das Erscheinen der Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs im Jahr 1968 einer der Auslöser für Walter Erich von Bebenburg war dafür, den Roman "Tod den Ärtzten" zu schreiben? Dieser wurde jedenfalls 1969 unter seinem Schriftstellernamen Walter Richartz veröffentlicht (2). Er ist mit Recht als eine Auseinandersetzung mit der Ludendorff-Bewegung (Wiki) empfunden worden und mit der geistigen Umwelt, in der Walter Erich von Bebenburg als Enkelsohn Mathilde Ludendorffs aufgewachsen war. Diesen Umstand kann man jedenfalls als Grund genug betrachten, sich denselben und den Lebensgang Walter Erich von Bebenburgs insgesamt im Rahmen der Themenstellungen der "Studiengruppe Naturalismus" genauer anzusehen (3).

Nur nebenberuflich war Walter Erich von Bebenburg /Richartz als Schriftsteller tätig. Hauptberuflich war er Leitender Chemiker bei der Firma Degussa in Frankfurt am Main. Bis zu seinem Lebensende hat er unter Schriftstellern viele Freunde gehabt. Noch heute wird er von vielen Literaturkennern geschätzt. Einer seiner Freunde, Sven Hanuschek, faßt auf Paraplui.de die schriftstellerische Lebensleistung von Walter von Bebenburg/Richartz folgendermaßen zusammen:
Richartz hat vier große Romane veröffentlicht, elf Erzählungsbände (zum Teil bei Diogenes und Haffmans, zum Teil in bibliophilen Verlagen), zusammen mit Urs Widmer hat er Shakespeares Stücke in Prosa nach- und neu erzählt (1978), es gibt 13 Hörspiele, außerdem Essays, Stücke, Rezensionen, Editionen, natürlich Forschungsbeiträge auf dem Gebiet der Chemie. Überdies war Richartz ein gefragter Übersetzer, seine Arbeiten auf diesem Gebiet sind weiterhin fast vollständig im Buchhandel lieferbar: Henry David Thoreau, Lewis Carroll, Stephen Crane, Raymond Chandler, Dashiell Hammett, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner, Patricia Highsmith, Edward Gorey.
Abb. 4: 1969
Was nun den Leser an dem Roman "Tod den Ärzten" am meisten verwundert: Warum hat von Walter von Bebenburg das Bedürfnis empfunden, diesen Roman zu schreiben? Was brachte die Vehemenz des schillernden Gedankenreichtums, der vielen skurrilen Erfindungen, auch Worterfindungen in dem Roman hervor? (180 Seiten in der 1997-Ausgabe von Diogenes.) Welche Bedürfnisse waren es, die ihn trieben?

Es ist klar, daß ein so einfallsreicher, skurriler und absurder, "bis an die Grenzen getriebener" Roman den Verfasser innerlich umtreiben muß. Man könnte sich ja denken: Zehn Seiten zu dem Thema "Verschwörungstheorie" einmal ganz drollig und witzig, skurril zusammen geschrieben, sollten doch reichen, um ein Bedürfnis zu stillen. Ein solches Thema erschöpft sich doch irgend wann auch einmal. Für Walter von Bebenburg, respektive Richartz galt das aber - augenscheinlich - nicht. Beim Lesen seines Romanes wird sehr bald deutlich: Um diesen Roman zu schreiben, hatte zuvor sehr viel in ihm "arbeiten" müssen.

Aus der Vermutung heraus, daß seine Großmutter Mathilde Ludendorff, in deren nächster Nähe er fast von Geburt an aufgewachsen ist, jene Frau war, die am meisten Einfluß auf seine Jugend ausgeübt hat (3, 4), ist auch an den Beginn einer - auch biographischen - Studie über von Walter von Bebenburg / Richartz ein Foto des neunjährigen Walter von Bebenburg gebracht worden: Auf einem Spaziergang zusammen mit seinen Großeltern Mathilde und Erich Ludendorff. Sommer 1936 gezeigt (3):

Die Rezensionen zu dem Roman "Tod den Ärtzten" waren seiner Zeit begeistert. Noch heute hat Walter von Bebenburg manchen Anhänger unter Schriftstellern und in der Literaturwissenschaft. "Die Zeit" etwa schreibt:
Ein völlig außer Rand und Band geratenes explosives und komisches Pamphlet, wie es gerade die deutsche Literatur selten hervorbringt.
Die "Neue Züricher Zeitung" schreibt:
Ein hochaktureller politischer Roman, einer der eindrücklichsten und überzeugendsten, die uns in den vergangenen Jahren erreichten. Richartz hat eine beneidenswerte Position innerhalb der zeitgenössischen Prosa inne.
Die "Frankfurter Rundschau" (2, S. 189):
"Der aggressivste deutsche Schriftsteller unserer Zeit." "... seine harte Wortkunst."
Abb. 5
Der Roman spielt sehr mit der absurden Sinnlosigkeit, mit dem "Existentialistischen" in allen Erscheinungen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens. Das heutige Zeitbewußtsein muß sich davon, insofern es Verantwortungsgefühl besitzt, nicht mehr besonders angesprochen fühlen. Es ist vielleicht auch ein ernsthafteres, weniger "verwitzeltes". Man macht sich quasi nicht mehr über alles und jedes lustig, wie das offenbar so stark das Bedürfnis jener 1968-er Generation gewesen ist, zu der Walter von Bebenburg, resp. Richartz gehört hat. Gerne kürzte er seinen Schriftstellernamen (Walter Erich Richartz) geheimnisvoll-verspielt mit "W.E.R." ab.

Der Roman zeigt zumindest eines auf: Walter Erich von Bebenburg war bestimmt nicht unbegabt. Sollte es genau dieser Umstand gewesen sein, der Menschen, die Mathilde Ludendorff nicht freundlich gesonnen waren, dazu veranlaßt hat, auf ihren geliebten "Walter" in seiner Jugendzeit schlechte Einflüsse auszuüben? Diese Frage soll im folgenden behandelt werden.

Abb. 6: Will und Bernward Vesper, 1957 - Vater und Sohn
Vergleich mit "1984" von George Orwell

Die Eigenart des Romans "Tod den Ärtzten" von Walter Richartz/von Bebenburg kann man sich auch verdeutlichen, wenn man ihn mit dem Roman "1984" von George Orwell vergleicht, erschienen 1948. Die Themen sind grob gesehen ähnlich: Es gibt eine Weltverschwörung - den "Big Brother" und eine führende Klasse (Orwell), bzw. die alles beherrschenden "Ärtzte" (von Bebenburg). Und es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, die das Wagnis eingehen, sich gegen diese große "Weltverschwörung" zu stellen. Die Ludendorff-Bewegung sah und sieht sich unter anderem als eine solche Gruppierung an, ähnlich wie die heutigen "Infokrieger". George Orwell empfand sich als ohnmächtig gegenüber einem solchen "Big Brother" und nahm sich nach Vollendung seines Romanes das Leben.

Aber auch der Unterschied zu von Bebenburg/Richartz wird bald deutlich: Orwell hat im letzten Sinne nicht gespielt. Es war ihm ernst, wenn er den "englischen Sozialismus" ("engSoz") der Beteiligung an dieser Verschwörung anklagte. "1984", so ist von wissenschaftlichen Orwell-Biographien gut verdeutlicht (etwa von Schröder), beschreibt - nach Orwell's Verständnis - einfach nur die Situation von "1948", nicht eine Zukunftsvision. Es beschreibt seine Kriegserfahrungen als Mitarbeiter der BBC, des "Wahrheitsministeriums" seines Romans. Bei Walter von Bebenburg /Richartz hingegen wird nirgendwo Ernst erkennbar. Er dreht alles ins Witzige, Skurrile, Absurde, Lächerliche.

Es erübrigt sich die Frage: Was will Walter von Bebenburg/Richartz mit diesem Roman? Die Worte der "Frankfurter Rundschau"
Die Kaputtmacher, Naturschänder und Lebensverächter aller Schattierungen waren seines wuchtigen Einspruchs sicher
könnten eher absurde Sätze des Romanes selbst sein, als daß mit ihnen wirklich sinnvoll charakterisiert werden könnte, was Walter von Bebenburg/Richartz nun eigentlich mit seinem Roman hätte bewirken wollen. Gab es überhaupt irgendwelche "Absichten"? Oder steht hinter diesem Roman wie hinter allem bloß die krude, ganz und gar unbeantwortete Frage: "W.E.R."? - Wer bin ich eigentlich?

Worin lag das Bedürfnis, "Tod den Ärtzten" zu schreiben?

Über Walter von Bebenburg/Richartz ist schon 1994 eine wissenschaftliche, auch biograpische Studie als Dissertation erstellt worden (4). Im Jahr 2007 stellte die renommierte literaturwissenschaftliche Zeitschrift "Die Horen" in einem 368-Seiten starken Band die Schriftsteller Walter von Bebenburg/Richartz und Günter Graß nebeneinander (5).

Abb. 7: "Doppel-Talente Günter Grass und Walter E. Richartz" (2007)
Der als schlank und hochgewachsen geschilderte Walter von Bebenburg/Richartz entstand als Sohn einer kurzen Ehe der ältesten Tochter Mathilde Ludendorffs, die diese mit seinem leiblichen Vater, einem "flotten" Marineoffizier und Schürzenjäger, eingegangen war. Es war der Korvettenkapitän a. D. Karl Richartz, damals "Herr auf Griemshorst bei Stade" (12). Nach der Scheidung der Mutter verbrachte Walter Erich eine verträumte Kindheit und Jugend (4, S. 21):
Man bezog 1938 ein neues Haus in dem Ort Pähl, der sich wenige Kilometer von Tutzing entfernt befindet. (...) Richartz fuhr jeden Tag in die Kreisstadt Weilheilm/Oberbayern, um die dortige Oberschule zu besuchen. Da seine Mutter ihn weitgehend gewähren ließ und sein strengerer Stiefvater für die Dauer des gesamten Zweiten Weltkrieges Soldat war und nach seiner Rückkehr im Sommer 1945 zunächst als reisender Buchhändler arbeitete, konnte sich Richartz, wenngleich isolierter, so doch in gewisser Weise eigenständiger entwickeln.
Nach dem Abitur noch 1944 zum Kriegsdienst an die Ostfront eingezogen, konnte er nach kurzer russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er floh, noch im Frühjahr 1945 in die Heimat zurückkehren (4, S. 21):
Von den Menschen seiner Umgebung dürfte die Großmutter mit ihrem energischen und - abseits der Feindbilder - durchaus warmherzigen Wesen den größten Eindruck auf Richartz hinterlassen haben. (...) Anfang 1946, 19 Jahre nach der Geburt von Walter Richartz, gebar seine Mutter einen zweiten Sohn. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1970 verfiel sie seitdem in schwere manisch-depressive Zustände. Richartz liebte seine Mutter, doch der "weltanschauliche" Graben war später unüberwindlich geworden, da seine Mutter Anhängerin der "Ludendorff-Bewegung" blieb.
Walter von Bebenburg nannte sich als Schriftsteller nach seinem leiblichen Vater Karl Richarz (1887- 1966) (ab), einem früheren Korvettenkapitän und Marineschriftsteller (Amaz.), der in beiden Weltkriegen Kriegsdienst geleistet hatte, zu dem er aber nie eine engere Bindung entwickelte. Mathilde Ludendorff deutet in ihren Lebenserinnerungen an, daß seine geschiedene Mutter Ingeborg mit Unterstützung ihrer Eltern Mathilde und Erich Ludendorff um 1930 herum schwere und langwierige gerichtliche Auseinandersetzung auszustehen hatte, um das alleinige Sorgerecht für ihren Sohn zugesprochen zu erhalten. Seinen bürgerlichen Namen von Bebenburg hatte Walter erhalten, nachdem seine Mutter Franz Karg von Bebenburg geheiratet hatte und dieser ihn adoptiert hatte.

Im Winter 1945/46 begann Walter von Bebenburg in München ein Chemie-Studium.
"In erster Zeit bewohnte er ein Zimmer im Haus seiner Großmutter." (Also in Tutzing.) "Seit 1948 hatte er in München ein eigenes Zimmer." (4, S. 22)
Walter von Bebenburg hat also die Einquartierung der Flüchtlinge bei seiner Großmutter und die häufigen Befragungen und Verhöre derselben durch die amerikanischen Besatzungsoffiziere miterlebt.

1949 - Besuch beim Vater in Hamburg ...

Abb. 8
In seinem Freundeskreis begann sich Walter jedoch intensiv mit Jazz-Musik zu beschäftigen, was schon eine innere Abkehr von seiner Großmutter andeutete. Mit 22 Jahren, 1949, besuchte nun Walter von Bebenburg erstmals seinen Vater Karl Richarz in Hamburg. Dies schildert er in seiner 1966 erschienenen Erzählung "Prüfungen eines braven Sohnes". In der Umgebung seines Vaters, den er insgesamt nicht als sehr sympathisch schilderte, herrschte nun nach seiner Darstellung auf dem Gebiet des Geschlechtlichen ein so lockerer Umgangston, daß man fast sagen muß, es wäre die Absicht dieser Umgebung gewesen, ihn dort zusammen mit einer jungen Verwandten sein Ersterlebnis auf dem Gebiet des Geschlechtlichen erleben zu lassen. So berichtete es Walter von Bebenburg selbst in der genannten Erzählung.

Wenn man bedenkt, welche hohe Bedeutung die Psychologin Mathilde Ludendorff in ihrer Sexualpsychologie dem Ersterlebnis zuspricht, bekommt man eine Ahnung davon, mit welchem Entsetzen Mathilde Ludendorff diese Erzählung gelesen hätte, wäre sie nicht im Jahr des Erscheinens derselben gestorben.

... als Folge einer verkommenen, christlichen Intrige des Bruders Mathilde Ludendorffs?

Einen zusätzlichen Schlüssel zu den Vorgängen rund um diesen "braven Sohn" erhält man aber, wenn man einen Brief liest, den Mathilde Ludendorff in dieser Zeit an ihren Bruder Fritz Spieß geschrieben hat. Fritz Spieß war im Gegensatz zu seinen drei Schwestern nicht aus der Kirche ausgetreten und hat innerhalb der Familie einen sehr christlichen Standpunkt vertreten. Er war empört, daß seine Mutter kein christliches Begräbnis erhalten hatte, sondern noch vor ihrem Tod aus der Kirche ausgetreten war und Mitglied in der weltanschaulichen Vereinigung "Deutschvolk e.V." geworden war, der Vorgängervereinigung des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)", den ihre Tochter und ihr berühmter Schwiegersohn gegründet hatten, und daß sie deshalb auch ein entsprechendes nichtchristliches Begräbnis wünschte.

Mathilde Ludendorff schrieb nun im Januar 1950 an ihren Bruder. Und sie schrieb dabei auch von ihrem Sohn Hanno, der laut Auskünften aus dem Umkreis der Urenkel von Mathilde Ludendorff (vom 28.12.2011), 1946 geheiratet hatte und im August 1947 Vater seiner Tochter Hannelore von Kemnitz geworden ist (6 - 8), ein Enkelkind Mathilde Ludendorffs, von dessen angeratener Taufe offenbar im folgenden Brief die Rede ist. Ebenso ist von ihrer beider Schwester Frieda Stahl, geborene Spieß, der Pianistin, die Rede und ihrem Enkelkind und von ihrer beider Schwester Lina Richter, geborene Spieß, der Malerin und Zeichnerin:
Tutzing den 21.1.50
Lieber Fritz,

Durch Zufälle kam es mir zur Kenntnis, daß Du ohne mit der Mutter von Walter, mit Ingeborg und Franz, der Walter adoptiert hat, Walter die Anregung gegeben hast, mit seinem Vater Richarz und seiner Halbschwester ohne Wissen seiner Eltern in Verbindung zu treten. Zum Glück hatte Walter nach langen Wochen, in denen er seinen Eltern mit Verschweigen der Wahrheit, also mit Unwahrhaftigkeit gegenüberstand endlich die Kraft, wenigstens nachträglich den Eltern Mitteilung zu machen. Du hast bei dem Zusammentreffen mit Ingeborg weder vorher noch nachher über Deine Worte zu Walter gesprochen, erst recht mir kein Sterbenswort bei unserem Zusammensein gesagt.

Ebenso erfuhr ich auf meine Frage hin, daß Du den Versuch machtest, Hanno zu überzeugen, eine christliche Taufe meines Enkelkindes sei wegen Erschwernissen in der Schule und Nachteile im Leben nötig oder anzuraten. Nur der Umstand, daß Hanno es ablehnte, die ernste Frage religiöser Überzeugung nach solchen Gesichtspunkten zu entscheiden, hat es verhindert, daß mir der gleiche Schmerz bereitet wurde wie ihn Friedel durchlebte, als ihr einziger 6-jähriger Enkel in einer Überzeugung getauft wurde, die sie gründlich ablehnt oder aber Hanno hinter meinem Rücken das Kind hätte taufen lassen!!!

Wir haben, das ergibt sich aus den Tatsachen, so grundverschiedene Auffassungen über die Offenheit, die man Geschwistern gegenüber schuldet, ehe man in so wichtigen Fragen deren Kinder und Enkel im entgegengesetzten Sinne der Überzeugung der Geschwister zu beeinflussen beginnt, daß mir, die ich solche grundsätzliche Offenheit als notwendige Voraussetzung geschwisterlichen Vertrauens ansehe und eine Auseinandersetzung über diese unterschiedlichen Auffassungen niemals als eine Überwindung derselben ansehen könnte, daß mir nur die Möglichkeit bleibt, mir klar zu sagen, einen Bruder nach meiner Auffassung, also einen Menschen, der niemals in so wesentlichen Fragen meine Kinder oder Enkel meiner Überzeugung entgegen beeinflußt oder beeinflussen will, ohne mir, der Mutter oder Großmutter zuvor das offen zu sagen, habe ich nicht.

Das hindert mich natürlich nicht, Dir von Herzen alles Gute für Deinen Lebensabend, der ja nun wieder etwas rosiger vor Dir liegt, zu wünschen.

Meinen Kindern, die ein wundervolles Band des Vertrauens zu mir haben, habe ich vom Inhalte dieses Briefes Kenntnis gegeben und ich weiß schon zuvor, daß sie meinen Entschluß voll und ganz verstehen, Lining und Friedel haben mir schon ausgesprochen, daß auch sie keinen anderen Weg für mich sehen.

Für Dein warmes Mitgefühl an meiner Lage sage ich Dir herzlichen Dank. Ich behalte es in meinem Erinnern an die unerträglichsten Jahre meines Lebens. Wenn Du nun meine Kinder und deren Gatten oder meinen Enkel Walter in lebenswichtigen Fragen meiner Überzeugung entgegen beeinflußt oder zu beeinflussen versuchst, so fällt das Unrecht aus, daß Du es mir verschweigst, denn nun bist Du ja von der Pflicht enthoben, mir das mitzuteilen, da ich mich von Dir trenne.

Mit allen guten Wünschen
Tilli
Mathilde Ludendorff, die von der Verführung von Walter (durch seine Halbschwester?) wahrscheinlich nichts wußte, empörte sich schon allein wegen der beabsichtigten Verführung zur Taufe so sehr, daß sie mit ihrem Bruder brach.

Erste Heirat mit 23 Jahren

Nachdem man diese Geschehnisse zur Kenntnis genommen hat, verfolgt man die Lebensschicksale von Walter von Bebenburg mit noch erhöhter Anteilnahme. Noch im Jahr 1950 heiratete er eine Jugendfreundin. Er wechselte zum Wintersemester 1950/51 von der Universität München an die Universität Hamburg. Und schon im Jahr 1952 ließ er sich wieder scheiden.

Im Dezember 1952 beendete er dann sein Studium der Chemie mit der Diplomprüfung. Im Jahr 1955 promovierte er in Chemie und ging 1957 als Chemiker in die USA. Kurz bevor er Deutschland verließ und nachdem er sich von allen Verwandten, auch seinen Eltern und Großeltern in Bayern verabschiedet hatte, lernte er seine spätere zweite Frau kennen (4, S. 24, Anmerkung 17). In den USA heiratete er sie und kehrte im November 1960 zusammen mit dem gemeinsamen ersten Sohn nach Deutschland zurück. Der Sohn wurde ebenfalls Franz benannt wie der Stiefvater Walters von Bebenburg, der auch den Vornamen Franz trug.

Abb. 9
1961 begann Walter von Bebenburg für die nächsten zwanzig Jahre als leitender Angestellter bei der Chemiefirma Degussa in Frankfurt in der Pharmazie zu forschen. Er entwickelte ein neues, gängiges Schmerzmittel. Die genannte literaturwissenschaftliche Studie zu Walter von Bebenburg-Richartz (4) formuliert einen "Dank", in dem es heißt:
Mari, Franz und Pitt von Bebenburg machten mir unveröffentlichte Texte und Photos von Richartz zugänglich und erzählten mir von ihm.
Hiermit sind wohl die zweite Frau und die beiden Kinder angesprochen (4, S. 249):
Ausführliche Gespräche über sein Wesen durfte ich auch mit vielen ehemaligen Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen, mit Hochschullehrern und den Verlegern von Richartz führen, wofür allen an dieser Stelle herzlicher Dank gesagt sei.
Zu diesen zählte offensichtlich auch der Stiefvater und Verleger Franz von Bebenburg, denn über das einzige Foto des Buches (siehe oben) heißt es (4, Vorsatztext):
Für die Abdruckerlaubnis der Photographie (Walter E. Richartz mit den Großeltern Mathilde und Erich Ludendorff, 1936) danke ich Herrn Franz von Bebenburg, Dießen/Ammersee.
Walter von Bebenburg-Richartz hat nach seinem Erstlingsroman "Tod den Ärtzten" noch zahlreiche andere Romane und Erzählungen geschrieben, die in diesem Beitrag zunächst nicht mehr behandelt werden sollen. 2012 ist in der Zeitschrift "Chemie in unserer Zeit" Walter E. Richartz' gedacht worden (9, 10):
Ein Spaziergang durch das literarische Werk des Erzählers, Übersetzers, Chemikers, Experimentators und Alltags-Surrealisten von Sven Hanuschek.  In diesem Beitrag steht der Schriftsteller W. E. Richartz im Mittelpunkt. Über den Chemiker berichtet Heribert Offermanns im voranstehenden Kurzaufsatz (S. 158–159).

Selbstmord 1980

Die Mutter von Walter von Bebenburg/Richartz starb im Jahr 1970 und sein Stiefvater heiratete sehr bald eine neue Frau Duppel, die zwei Söhne mit in die Ehe brachte (Wolfgang und Wilfried Duppel, die beide heute sozusagen "Schaltstellen" innerhalb der Ludendorff-Bewegung besetzen).

Abb. 10: "Büroroman"
Walter von Bebenburg/Richartz gab im Jahr 1979 seine Arbeit als Leitender Angestellter bei Degussa auf, da er unter dieser trotz aller beruflichen Erfolge sehr litt. Dieses Leiden spiegelt sich unter anderem in seinem "Büroroman" wieder. Er wollte sich - wie ihm das schon von vielen zuvor angeraten worden war - vollzeitlich dem Schriftsteller-Beruf zu widmen (4, S. 194 - 196):
Den Erinnerungen von Freunden und Bekannten zufolge hatte Richartz große Angst, durch den Wechsel zum Beruf des freien Schriftstellers in Armut zu geraten. (...) Doch Gründe, sich schon bald in der Gosse enden zu sehen, bestanden eigentlich nicht. (...)

Im Frühjahr 1979 lud Richartz zusammen mit seiner Ehefrau zu einem "Befreiungsfest" nach Hungen ein, im darauffolgenden Sommer verließ er sie und das gemeinsame Haus in Sprendlingen-Buchschlag, südlich von Frankfurt. Ende August 1979 mietete er sich eine kleine Wohnung in Frankfurt-Bornheim und pendelte fortan zwischen seiner Wohnung in Hungen, der Frankfurter Stadtwohnung, der Firma und dem Wohnort seiner Geliebten hin und her. Bereits im Oktober 1979 versuchte er, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen.

In seinen letzten Lebensmonaten entfremdete er sich fast völlig von der Hungener Schloßgemeinschaft und von den Mitgliedern der [Schriftsteller-Vereinigung] "Patio". Auch die Zeit mit den durchaus geschätzten Kollegen in der Firma ging nun endgültig zu Ende.

Regelmäßig sah er nur noch seine Geliebte, die sich jedoch nicht fest an ihn binden wollte. Wie es heißt, kämpfte er in den Zeiten der Trennung von ihr fast ohnmächtig gegen seine übergroßen, plötzlich freigewordenen Verschmelzungssehnsüchte. Richartz hielt das Experiment, freier Schriftsteller zu werden, für gescheitert. Sein letzter öffentlicher Auftritt war Ende Januar 1980 in Berlin anläßlich einer Lesung. Wenige Tage später vergiftete er sich in einem Waldstück oberhalb von Klingenberg am Main. (Der Todesort von Richartz befindet sich am Rande einer ehemaligen germanischen Fluchtburg.)
Richartz war zeitlebens ein ungeheuer tatkräftiger, arbeitsamer, fleißiger Mensch gewesen. Ein Schriftstellerfreund vermutete (4, S. 234):
Als er dem Käfig entsprang, ging er aus Mangel an Gerüst zugrunde, wie Weichtiere sterben, wenn ihnen die Schale zerschlagen wird.
Man kann seine Ergriffenheit oder Erschütterung angesichts dieses Lebensschicksales nicht verhehlen.

Nachkommen Walter Erich von Bebenburgs

Abb. 11: Pitt von Bebenburg
Es sei noch angefügt und ergänzt: Einer seiner Söhne ist Pitt von Bebenburg (geb. 1962 - siehe Bild), ein viel schreibender Korrespondent der "Frankfurter Rundschau" am Wiesbadener Landtag (Fr. Rdsch.). Er scheint sich als politisch linksstehend zu empfinden, scheint das aber auch ähnlich kritisch zu sehen, wie etwa ein Jan Fleischhauer. Am 19. Januar 2010 hat er nämlich im Rahmen einer Veranstaltung der Friedrich Naumann-Stiftung mit dem Autor des Buches "Unter Linken", Jan Fleischhauer, diskutiert
über das „Lebensgefühl Links“ und die persönlichen Erfahrungen mit „den Linken“.
Hierfür wurde er folgendermaßen vorgestellt:
48, verheiratet, ist Hessen-Korrespondent der Frankfurter Rundschau. Studium der Soziologie. Journalistische Tätigkeit seit 1980 überwiegend für die FR, zeitweise auch für den Sender Freies Berlin (Fernsehen) und den Hessischen Rundfunk (Hörfunk). Politischer FR-Redakteur seit 1991, FR-Korrespondent in Berlin (2000 bis 2003) und in Wiesbaden (seit 2005).
In der "Frankfurter Rundschau" hat er in den letzten Jahren eine Vielzahl von Artikeln veröffentlicht (--> Übersicht abc). Er beschäftigt sich mit dem Ausgang von Wahlen ebenso wie mit hochpolitischen Affären wie die um die hessischen Steuerprüfer (hier eine nur eine ganz kleine, willkürliche Auswahl: 5.11.082.9.0927.9.0928.9.096.1.10).


(Erster Entwurf: 10.10.2007, 
Ergänzungen, Überarbeitungen: 
2010, 2011, 9.2.13, 4.10.14, 30.5.15, 10.11.15)

_____________________
  1. Ludendorff, Mathilde: Freiheitskampf wider eine Welt von Feinden an der Seite des Feldherrn Ludendorff. VI. Teil von "Statt Heiligenschein und Hexenzeichen mein Leben". Verlegt bei Franz von Bebenburg, Pähl 1968
  2. Richartz, Walter E.: Tod den Ärtzten. Roman. (1969) Diogenes Verlag, Zürich 1997
  3. Hanuschek, Sven: Reklame für Richartz. Auf: http://parapluie.de/archiv/epoche/richartz/
  4. Arzt, Gregor: Walter E. Richartz. Über literarische und naturwissenschaftlliche Erkenntnis. Mit einer Bibliographie zu Walter E. Richartz. Igel Verlag Wissenschaft, Paderborn 1995 (Diss. FU Berlin 1994)
  5. Morawietz, Kurt; Tammen, Johann P.: Doppel-Talente. Günter Grass und Walter E. Richartz. Die Horen, Bd. 227, Wirtschaftsverlag, 368 Seiten, 2007
  6. Radler, Rudolf, „Ludendorff, Mathilde, geborene Spieß“, in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 290-292 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd11857485X.html
  7. Bading, Ingo: Hanno von Kemnitz, der Sohn Mathilde Ludendorffs - Fragen zu seinem Nachlaß. Studiengruppe Naturalismus, 17.12.2011
  8. Brief aus dem Umkreis eines Urenkels von Mathilde Ludendorff vom 28.12.2011 
  9. Prof. Dr. Dr. Heribert Offermanns: W.E. Richartz, W. von Bebenburg – Schriftsteller und Chemiker : Doppelbegabung – Doppelexistenz – Doppelbelastung (pages 158–159). Chemie in unserer Zeit  Volume 46, Issue 3, pages 158–159, Juni 2012 First published online: 4 Jun 2012 | DOI: 10.1002/ciuz.201200591
  10. Prof. Dr. phil. Sven Hanuschek: “Walter E. Richartz hat anders getickt als die anderen, aber sehr leise”. First published online: 4 Jun 2012  DOI: 10.1002/ciuz.201200556  In: Chemie in unserer Zeit Volume 46, Issue 3, pages 160–166, Juni 2012 
  11. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938
  12. Scheele, Hans: Ahnentafel des Feldherrn Erich Ludendorff. Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte, 1939 (12 S.) [Ahnentafeln berühmter Deutscher, Band 5, Ausgabe 1] (Google Bücher)

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